Lage, Ukraine

Wie ist die Lage in der Ukraine vor Trumps Amtsantritt?

15.01.2025 - 10:00:36

Fast drei Jahre dauert Russlands Krieg in der Ukraine. Die KampfmĂŒdigkeit steigt. Kann der neue US-PrĂ€sident Trump tatsĂ€chlich schlichten, und wo stehen die Kriegsparteien derzeit?

  • Das VerhĂ€ltnis zwischen US-PrĂ€sident Trump und seinem ukrainischen Kollegen Selenskyj ist nicht einfach. (Archivbild) - Foto: Julia Demaree Nikhinson/AP/dpa

    Julia Demaree Nikhinson/AP/dpa

  • Offiziell gibt es seit Jahren keine Kontakte zwischen US-PrĂ€sident Trump und seinem russischen Kollegen Putin. Doch nach Angaben des Republikaners hat er weiter ein gutes VerhĂ€ltnis zum Kremlchef. (Archivbild) - Foto: Susan Walsh/AP/dpa

    Susan Walsh/AP/dpa

Das VerhÀltnis zwischen US-PrÀsident Trump und seinem ukrainischen Kollegen Selenskyj ist nicht einfach. (Archivbild) - Foto: Julia Demaree Nikhinson/AP/dpaOffiziell gibt es seit Jahren keine Kontakte zwischen US-PrÀsident Trump und seinem russischen Kollegen Putin. Doch nach Angaben des Republikaners hat er weiter ein gutes VerhÀltnis zum Kremlchef. (Archivbild) - Foto: Susan Walsh/AP/dpa

Der Amtsantritt von Donald Trump als US-PrĂ€sident wird auch in Moskau und Kiew mit Spannung erwartet. Trump hat im Wahlkampf erklĂ€rt, schnell Frieden schaffen zu können. Verhandlungen werden in KĂŒrze erwartet. Vor allem Russland versucht vorher aber noch, seine Position auf dem Schlachtfeld zu verbessern. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu der aktuellen Lage:

Was hat Trump angekĂŒndigt? 

WĂ€hrend des Wahlkampfes behauptete der Republikaner mehrfach, er könne den Krieg in der Ukraine innerhalb von 24 Stunden beenden – ohne dabei jedoch konkrete Details zu nennen. Immer wieder verwies Trump auf seine angeblich guten Beziehungen zu Russlands PrĂ€sident Wladimir Putin, aber auch zum ukrainischen PrĂ€sidenten Wolodymyr Selenskyj. Sein Ansatz schien darauf abzuzielen, beide Konfliktparteien – oder zumindest eine von ihnen – massiv unter Druck zu setzen, um einen schnellen Frieden zu erzwingen. 

Das löste Besorgnis aus, dass Trump möglicherweise die militĂ€rische UnterstĂŒtzung der Ukraine kĂŒrzen könnte, um Verhandlungen zu erreichen. BestĂ€rkt wurden die BefĂŒrchtungen durch Skepsis innerhalb der Republikanischen Partei: Dort vertreten einige die Auffassung, dass die USA finanziell und militĂ€risch bereits zu viel in den Konflikt investiert haben. Es gibt allerdings auch entschiedene UnterstĂŒtzer der Ukraine.

Ist Trump zurĂŒckgerudert? 

Nach seinem Wahlsieg Ă€ußerte sich Trump deutlich zurĂŒckhaltender - wĂ€hrend einer Pressekonferenz in seinem Anwesen in Mar-a-Lago erklĂ€rte er Anfang Januar mit Blick auf ein mögliches Ende des Krieges: «Ich hoffe, dass ich sechs Monate Zeit habe. Nein, ich wĂŒrde hoffen, dass es deutlich schneller geht als sechs Monate.» Trumps designierter Ukraine-Beauftragter, Ex-General Keith Kellogg, soll das Vorhaben voranbringen und hat erste Vorstellungen zur Umsetzung skizziert. Sie laufen auf ein Einfrieren der KĂ€mpfe entlang der derzeitigen Frontlinie hinaus. Die Forderung der Ukraine nach einer Nato-Mitgliedschaft als Sicherheitsgarantie lehnt Kellogg ab.

Wie steht Selenskyj zu Trump? 

Das VerhĂ€ltnis zwischen Selenskyj und Trump ist nicht einfach und unter anderem durch die unĂŒbliche Veröffentlichung der Inhalte ihres Telefonats durch Washington 2019 vorbelastet. Die Selenskyj-Administration setzte eigentlich auf einen Sieg der Demokraten bei der PrĂ€sidentenwahl und musste sich nach dem Sieg des Republikaners schnell umorientieren. Inzwischen versichern Vertreter Kiews bei jeder Gelegenheit, dass sie den kommenden US-PrĂ€sidenten als Chance fĂŒr ein Kriegsende sehen.

Selenskyj selbst widmete einen Teil seiner Neujahrsansprache dem neuen US-PrĂ€sidenten aus Sorge, dass die Vereinigten Staaten weniger Geld und Waffen liefern könnten. Mit harschen Kommentaren wie gegen Regierungsvertreter in Ungarn und der Slowakei oder den deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hĂ€lt er sich zurĂŒck - trotz offensichtlich unterschiedlicher Positionen wegen eines Nato-Beitritts der Ukraine oder eines ukrainischen Gebietsverzichts. Zu stark ist Kiew von Washington abhĂ€ngig.

Wie ist die Lage an der Front, gibt es Bewegung? 

Die Ukraine steht an allen Frontabschnitten unter Druck. Die grĂ¶ĂŸten Probleme hat sie derzeit im Osten des Landes im Gebiet Donezk. Der Fall der StĂ€dte Torezk und Tschassiw Jar ist wohl nur noch eine Frage der Zeit. Auch die Lage in Pokrowsk, einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt, hat sich dramatisch zugespitzt. Es droht die Einkesselung. SĂŒdlich davon haben sich die russischen Truppen den Weg ins benachbarte Gebiet Dnipropetrowsk geebnet. Nur noch wenige Kilometer trennen sie vom Einmarsch in die Industrieregion. 

Im Norden ist derweil die Lage rund um die Stadt Kupjansk prekĂ€r. Die im Herbst 2022 von den Ukrainern befreite Stadt im Gebiet Charkiw gilt als strategisch wichtig mit ihrer Lage am Fluss Oskil. Der Fluss soll eigentlich den Vormarsch der Russen bremsen, doch diese haben das Hindernis nördlich von Kupjansk schon ĂŒberquert und bauen ihren BrĂŒckenkopf am Westufer aus. FĂŒr einen entscheidenden Frontdurchbruch fehlt aber auch Moskau die Kraft.

Wie ist die Situation im russischen Gebiet Kursk?

Auch im westrussischen Gebiet Kursk, wo die Ukrainer im Sommer bei einer ĂŒberraschenden Gegenoffensive etwa 1.000 Quadratkilometer einnehmen konnten, sind sie inzwischen wieder auf dem RĂŒckzug. Von dem ursprĂŒnglich besetzten Gebiet sind selbst wohlwollenden ukrainischen EinschĂ€tzungen nach nur etwas mehr als 400 Quadratkilometer verblieben.

Ein zu Jahresbeginn zunĂ€chst als neue Offensive markierter Vorstoß erwies sich als begrenzter Angriff, bei dem sich die ukrainischen Truppen nicht einmal im Nachbarort festsetzen konnten. Die russischen Einheiten - unterstĂŒtzt auch von nordkoreanischen Soldaten - rĂŒcken hingegen ungeachtet eigener Verluste vor. Moskau setzt dabei auch Luftwaffe und Bomben gegen russische Ortschaften ein, trotz der dort verbliebenen eigenen Zivilbevölkerung. Es ist absehbar, dass sich die Ukrainer hier in den nĂ€chsten Monaten zurĂŒckziehen mĂŒssen. 

WorĂŒber kann verhandelt werden?

FĂŒr beide Seiten sind Sicherheitsgarantien essenziell. Die Ukraine will Garantien, dass Russland sie nicht noch einmal ĂŒberfĂ€llt. Kremlchef Wladimir Putin hingegen wird darauf bestehen, dass die Ukraine der Nato nicht beitreten kann. Zudem wird sich Moskau ĂŒber die Zusicherung von Rechten der russischsprachigen Bevölkerung in der Ukraine einen Hebel fĂŒr weitere Einflussnahme im Land sichern wollen.

Die Ukraine wird zwar kaum offiziell auf ihre von Russland besetzten Gebiete verzichten wollen. Zuletzt sind aber Forderungen aus Kiew, dass die Russen sich hinter die Grenze zurĂŒckziehen mĂŒssen, praktisch verstummt. Putin will seine Eroberungen behalten, um seinen Landsleuten einen Sieg zu prĂ€sentieren. Da sich die Russen im Vorteil wĂ€hnen, werden sie womöglich weitere GebietsansprĂŒche stellen. Nationalistische Kreise fordern den Anschluss der russischsprachigen Gebiete Charkiw und Odessa.

@ dpa.de