Olaf Scholz, Emmanuel Macron

Die Freundschafts-Show von Scholz und Macron

10.10.2023 - 17:09:11

Fischbrötchen an der Elbe, Werksbesichtigung bei Airbus und eine Hafenrundfahrt: Bei der ersten gemeinsame Kabinettsklausur zelebrieren Scholz und Macron die deutsch-französische Freundschaft.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und der französische PrĂ€sident Emmanuel Macron haben nach der ersten gemeinsamen Kabinettsklausur die Bedeutung der Freundschaft beider LĂ€nder fĂŒr Europa betont. «Frankreich und Deutschland sind ein ganz wichtiges Paar fĂŒr Europa», sagte Scholz auf einer gemeinsamen Pressekonferenz in Hamburg.

Bei Streitthemen wie der Reform des europĂ€ischen Strommarkts oder der RĂŒstungspolitik gab es aber keine sichtbaren Fortschritte. Überschattet wurde das Treffen vom Angriff der islamistischen Hamas auf Israel mit vielen hundert Toten. Und auch die Wahlschlappe der Ampel-Regierung in Bayern und Hessen verfolgte den Kanzler in seine Heimatstadt.

Macron: «Wir sind nicht gleich, umso besser»

Deutsch-französische Kabinettssitzungen gibt es schon lange und regelmĂ€ĂŸig. Dass beide Regierungen sich zwei Tage zusammen zurĂŒckziehen, um sich ĂŒber Themen wie KĂŒnstliche Intelligenz, gesellschaftlichen Zusammenhalt oder industriellen Wandel zu unterhalten, ist aber etwas Neues. Das Hauptziel des Treffens war es, nach vielen Konflikten im vergangenen Jahr zu demonstrieren, dass der vielbeschworene deutsch-französische Motor Europas noch lĂ€uft und die Freundschaft beider LĂ€nder unverbrĂŒchlich ist.

«Wir sind nicht gleich, umso besser, denn das ist unsere Kraft, das ist das eigentliche Herz der europĂ€ischen VitalitĂ€t», spielte Macron bei der Pressekonferenz die Differenzen herunter. Es mĂŒssten immer wieder neue Kooperationswege gefunden werden, um Dinge voranzubringen. Die Beziehungen mĂŒssten neu erfunden werden. «Europa muss unser Motor sein, wĂ€hrend wir gleichzeitig sein Motor sind.»

AnnÀherung mit Bismarckhering und Elbaal

Scholz hatte Macron schon vor einigen Wochen nach Potsdam zu einem Abendessen fußlĂ€ufig von seiner dortigen Wohnung eingeladen, um das persönliche VerhĂ€ltnis zu Macron zu verbessern. Den beiden wird nachgesagt, dass die Chemie zwischen ihnen nicht so richtig stimmt, anders als bei Macron und Scholz' VorgĂ€ngerin Angela Merkel (CDU).

Jetzt also Hamburg, die Heimatstadt des Kanzlers, eine weitere AuflockerungsĂŒbung in den deutsch-französischen Beziehungen. Nach einer Werksbesichtigung bei Airbus und einer Hafenrundfahrt am Montag gab es am Dienstag dann auch noch einen Spaziergang im Stadtteil Blankenese inklusive Verköstigung einer Hamburger SpezialitĂ€t: Fischbrötchen mit Elbaal und Bismarckhering.

Einigung bei Strommarkt-Reform bis Endes Monats angestrebt

Konfliktlösungen hatten die beiden am Ende aber nicht anzubieten. Beim Streit der EU-LĂ€nder um eine Strommarktreform und das Bereitstellen von gĂŒnstigem Industriestrom kĂŒndigte Macron immerhin eine Einigung noch in diesem Monat an. Die Herausforderung sei es, die Wirtschaft klimaneutral aufzustellen und gleichzeitig wettbewerbsfĂ€hig zu bleiben angesichts der USA, die geringere Energiepreise hĂ€tten und weniger abhĂ€ngig seien.

Scholz betonte, beim Klimaschutzziel seien sich Frankreich und Deutschland einig, auch wenn die Wege unterschiedlich seien. «Das ist aber kein Anlass fĂŒr GegensĂ€tze, sondern einfach eine unterschiedliche Entscheidung.» Frankreich will den Preis fĂŒr seinen Atomstrom notfalls selber festsetzen, um seine Industrie und Bevölkerung mit preisgĂŒnstiger Energie zu versorgen. Deutschland wiederum diskutiert ĂŒber einen staatlich subventionierten Industriestrompreis, den aber auch Scholz skeptisch sieht.

Angriff auf Israel und Rechtsruck drĂŒcken auf die Stimmung

Scholz und Macron bekrĂ€ftigten am Dienstag noch einmal ihre SolidaritĂ€tsbekundungen an Israel nach dem Terrorangriff der Hamas. «Dass Israel sich verteidigen muss, ist offensichtlich, dass es dabei unsere UnterstĂŒtzung hat, auch», sagte Scholz. Macron Ă€ußerte die Hoffnung, dass es in den nĂ€chsten Tagen gelingen werde, «alle Attacken gegen israelisches Gebiet zu beenden, die Geiseln zu befreien und die Situation zu klĂ€ren.» Ziel sei danach ein dauerhafter Frieden in der Region.

Die Stimmung des Kanzlers wurde aber auch noch durch ein anderes Ereignis vom Wochenende beeintrĂ€chtigt: durch den Rechtsruck bei den Wahlen in Hessen und Bayern und das Desaster fĂŒr die drei Ampel-Parteien. Am Sonntagabend und Montag hatte Scholz dazu geschwiegen. Auf der Pressekonferenz mit Macron wurde er erstmals vor laufenden Kameras dazu gefragt. «Die Stimmen, die auf eine rechtspopulistische Partei in Deutschland entfallen sind, mĂŒssen uns besorgen», sagte er. Und dann fĂŒgte er noch hinzu: «Es geht schon um die Verteidigung der Demokratie.»

Migration: Die nÀchsten Schritte werden folgen

Gemeint sind die massiven Gewinne der AfD, die in Hessen zweitstĂ€rkste Kraft hinter der CDU und in Bayern drittstĂ€rkste Kraft hinter der CSU und den Freien WĂ€hlern wurde. Sie ist damit nun auch im Westen des Landes ein MassenphĂ€nomen. Die Kanzlerpartei SPD hatte dagegen in beiden LĂ€ndern ihre bisher schlechtesten Wahlergebnisse eingefahren. Auch die anderen beiden Ampel-Parteien FDP und GrĂŒne haben Stimmen verloren.

Auf die Frage, ob er als Konsequenz einen Kurswechsel in der Migrationspolitik plane, sagte Scholz nur. «Probleme, die auf der Hand liegen, muss man angehen.» Das habe aber nichts mit Wahltagen zu tun. Er zĂ€hlte auf, was die Ampel-Regierung jetzt schon zur EindĂ€mmung irregulĂ€rer Migration und gleichzeitig fĂŒr die Anwerbung von FachkrĂ€ften tue. «Die nĂ€chsten Schritte werden auch weiter erfolgen.»

@ dpa.de