Rafah: Angst vor Ausweitung des MilitÀreinsatzes wÀchst
11.05.2024 - 17:57:12Die israelische Armee hat die Menschen in Rafah zum Verlassen weiterer Stadtgebiete aufgefordert und damit die Sorge vor einer Ausweitung des MilitĂ€reinsatzes in der sĂŒdlichsten Stadt des Gazastreifens vergröĂert. Familien wĂŒrden ĂŒberall in der Stadt ihre Sachen packen, schrieb eine Mitarbeiterin des UN-PalĂ€stinenserhilfswerks UNRWA auf X.
«Die StraĂen sind deutlich leerer.» Israel hatte zu Wochenbeginn einen Einsatz von Bodentruppen in den östlichen AuĂenbezirken von Rafah gestartet, um den Kampf gegen die islamistische Hamas auszuweiten. Nach UNRWA-Angaben vom Samstag flĂŒchteten seitdem 150.000 PalĂ€stinenser aus Rafah. Nach Darstellung des israelischen MiltĂ€rs sollen es sogar schon 300.000 Menschen sein.
Israels militÀrisches Vorgehen höchst umstritten
Israels militĂ€risches Vorgehen in dem an Ăgypten grenzenden Teil des abgeriegelten KĂŒstenstreifens ist international höchst umstritten. Bis zuletzt drĂ€ngten sich dort mehr als eine Million Menschen zusammen, die aus anderen Teilen des Gazastreifens geflohen waren. Eine Ausweitung der israelischen Offensive könnte dazu fĂŒhren, dass Hunderttausende Zivilisten zwischen die Fronten geraten, befĂŒrchten Hilfsorganisationen. Auch die ohnehin prekĂ€re Versorgung der Menschen könnte völlig zusammenbrechen. Die USA, Israels wichtigster VerbĂŒndeter, warnen das Land eindringlich vor einer groĂangelegten Offensive. US-PrĂ€sident Joe Biden drohte zuletzt sogar mit der BeschrĂ€nkung von Waffenlieferungen.
Die KĂ€mpfe hatten bisher nicht das dicht bebaute, mit improvisierten FlĂŒchtlingslagern ĂŒbersĂ€te Zentrum von Rafah erreicht. Am Samstag forderte die israelische Armee die Bevölkerung jedoch auf, weitere Gebiete im Osten sowie erstmals auch im Zentrum der Stadt zu verlassen. In einer Botschaft, die das MilitĂ€r auf Arabisch ĂŒber die Plattform X, in Form von Textnachrichten und auf FlugblĂ€ttern verbreitete, zĂ€hlten die StreitkrĂ€fte die betroffenen Zonen auf, darunter zwei FlĂŒchtlingslager. Die rund 300.000 betroffenen Menschen mĂŒssten sich unverzĂŒglich in die Ortschaft Al-Mawasi an der MittelmeerkĂŒste begeben, hieĂ es. Hilfsorganisationen bezweifeln, dass dort eine groĂe Zahl von Menschen angemessen versorgt werden kann.
In der fraglichen Zone liegt nach Angaben von BeschĂ€ftigten auch das Kuwait-Krankenhaus, die letzte einigermaĂen funktionierende Gesundheitseinrichtung in Rafah. Mitarbeiter bestĂ€tigten der Nachrichtenagentur dpa telefonisch, dass auch die Verwaltung der Klinik eine RĂ€umungsanordnung des israelischen MilitĂ€rs erhalten habe. Bislang habe sich das Management aber geweigert, ihr nachzukommen. Stattdessen bemĂŒhe man sich darum, ĂŒber internationale Partner vom israelischen MilitĂ€r Garantien zu erwirken, dass es das Krankenhaus nicht angreife. Die Aussichten auf Erfolg seien aber ungewiss.
Israels BegrĂŒndung fĂŒr militĂ€risches Vorgehen in Rafah
Israel begrĂŒndet das schon vor Monaten angedrohte militĂ€rische Vorgehen in Rafah damit, dass es die letzten Bataillone der Hamas zerschlagen und die unter der Grenze zu Ăgypten vermuteten Schmuggel-Tunnel zerstören wolle. Nach dem EinrĂŒcken in der Nacht zum Dienstag gingen die Truppen weiterhin an spezifischen Orten im Osten von Rafah gegen die Hamas-Milizen vor, teilte das MilitĂ€r mit.
In den letzten 24 Stunden hĂ€tten die EinsatzkrĂ€fte dort «zahlreiche Terroristen im Nahkampf ausgeschaltet und die terroristische Infrastruktur in dem Gebiet zerstört». Israelische Truppen seien auch weiterhin auf der Gaza-Seite des GrenzĂŒbergangs Rafah aktiv. Die Angaben lieĂen sich zunĂ€chst nicht unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒfen.
Derweil gab die von der Hamas kontrollierte Gesundheitsbehörde bekannt, dass seit Ausbruch des Gaza-Kriegs 34.971 PalĂ€stinenser getötet und weitere 78.641 verletzt worden seien. In den letzten 24 Stunden kamen demnach 28 Menschen ums Leben, weitere 69 erlitten Verletzungen. Auch diese Angaben lieĂen sich nicht unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒfen. Die Behörde unterscheidet bei ihren Angaben nicht zwischen Zivilisten und bewaffneten KĂ€mpfern. Auslöser des Gaza-Kriegs war das beispiellose Massaker mit mehr als 1200 Toten, das Terroristen der Hamas und anderer Gruppen am 7. Oktober in Israel verĂŒbt hatten.
Die Vereinigten Arabischen Emirate erteilten indes einer von Israels MinisterprĂ€sidenten Benjamin Netanjahu ins Spiel gebrachten Beteiligung an einer kĂŒnftigen lokalen Zivilverwaltung im Gazastreifen unter israelischem Sicherheitsregime eine klare Absage. Sein Land werde sich in keine PlĂ€ne hereinziehen lassen, um «Deckung zu geben fĂŒr Israels PrĂ€senz im Gazastreifen», stellte der emiratische AuĂenminister Abdullah bin Sajid bei X klar.
Netanjahu hatte kĂŒrzlich in einem Interview eines US-Fernsehsenders gesagt, dass es nach einer Niederlage der Hamas vermutlich «irgendeine Art Zivilverwaltung» geben werde, «möglicherweise mithilfe der Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien und anderen LĂ€ndern». Die Emirate hatten im Jahr 2020 als erster Golfstaat diplomatische Beziehungen mit Israel aufgenommen.
Kanzler Scholz warnt Israel vor Offensive auf Rafah
Bundeskanzler Olaf Scholz hat Israel vor einer Ausweitung des MilitĂ€reinsatzes im Gazastreifen auf die Stadt Rafah gewarnt. «Wir halten eine Offensive auf Rafah (...) fĂŒr unverantwortlich», sagte der SPD-Politiker bei einer Talkrunde des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND) in Potsdam.
«Wir warnen davor, und wir glauben nicht, dass es irgendein Konzept gibt, das am Ende darauf hinauslĂ€uft, dass das ohne unglaubliche menschliche Verluste unschuldiger Zivilisten vor sich geht.» Er bekrĂ€ftigte zugleich, Israel habe das Recht, sich zu verteidigen und die islamistische Hamas zu bekĂ€mpfen. Es mĂŒsse auch humanitĂ€re Hilfe nach Gaza kommen und eine Perspektive fĂŒr ein friedliches Miteinander geben, bei dem zwei Staaten nebeneinander existieren könnten.


