Ausnahmezustand in Ecuador nach Kandidaten-Mord
10.08.2023 - 12:27:21 | dpa.deEineinhalb Wochen vor der PrĂ€sidentenwahl hat die Ermordung eines Kandidaten Ecuador erschĂŒttert und die politische Krise in dem kleinen Andenstaat dramatisch zugespitzt.
In Mafiamanier feuerten Unbekannte in der Hauptstadt Quito auf den 59 Jahre alten Oppositionskandidaten Fernando Villavicencio, als dieser nach Angaben der Staatsanwaltschaft am Mittwochabend (Ortszeit) eine Wahlkampfveranstaltung in einer Schule verlieĂ. Laut Medien wurde er dreimal in den Kopf getroffen.
VerdÀchtige sind AuslÀnder
PrÀsident Guillermo Lasso sprach von Auftragskillern (spanisch: sicarios). Er verhÀngte einen 60-tÀgigen Ausnahmezustand und mobilisierte landesweit die StreitkrÀfte.
Nach Angaben der Regierung handelt es sich bei den VerdĂ€chtigen um AuslĂ€nder. Die sechs Festgenommenen kĂ€men aus dem Bereich der organisierten KriminalitĂ€t, sagte Innenminister Juan Zapata am Donnerstag. Es seien Pistolen, Granaten, ein Gewehr und eine Maschinenpistole sichergestellt worden. Zapata sprach von einem «politischen Verbrechen mit terroristischen ZĂŒgen» und einem «Versuch, die kommenden Wahlen zu sabotieren». Nach Medienberichten sollen die VerdĂ€chtigen aus dem Nachbarland Kolumbien kommen. Offiziell bestĂ€tigt wurde das zunĂ€chst nicht.
Nach dem Attentat gab es dramatische Szenen. Bilder und Videos zeigen blutĂŒberströmte Opfer, verzweifelte Helfer sowie Menschen, die auf dem Boden liegend Schutz suchen und nach Hilfe schreien. Einer der mutmaĂlichen AttentĂ€ter sei bei einem Schusswechsel mit der Polizei verletzt worden und auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben, sagte der PrĂ€sident. Sechs weitere VerdĂ€chtige seien gefasst worden. Die Angreifer hĂ€tten noch eine Granate in die Menge geworfen. Diese sei aber nicht explodiert und spĂ€ter entschĂ€rft worden. Laut Staatsanwaltschaft gab es mindestens neun Verletzte.
PrÀsident Lasso: Werden der Gewalt nicht weichen
Lasso, der nicht selbst zur Wahl antritt, nannte den Mord ein politisches Verbrechen mit terroristischen ZĂŒgen. «Wir haben keine Zweifel, dass dieser Mord ein Versuch ist, den Wahlprozess zu sabotieren», sagte er. Die Abstimmung werde aber wie geplant am 20. August stattfinden. Man werde der Gewalt nicht weichen. Die TĂ€ter und ihre Auftraggeber wĂŒrden zur Rechenschaft gezogen. «Der Staat ist standhaft, und die Demokratie wird der BrutalitĂ€t dieses Mordes nicht nachgeben. Wir werden dem organisierten Verbrechen nicht die Macht und die demokratischen Institutionen ĂŒberlassen.»
Damit sprach er eines der drĂ€ngendsten Probleme an, mit denen das sonst als so friedfertig geltende Land am Ăquator seit geraumer Zeit zu kĂ€mpfen hat: Ecuador liegt auf der Transitroute des Kokains, das vor allem in anderen sĂŒdamerikanischen LĂ€ndern wie Kolumbien, Bolivien und Peru hergestellt wird und das Drogenkartelle dann in die USA oder Europa schmuggeln. Dies bringt Gewalt und Korruption mit sich - immer wieder kommt es in diesem Zusammenhang zu blutigen Revolten in ĂŒberfĂŒllten GefĂ€ngnissen, die teils von Gangs kontrolliert werden. Die Mordrate von 25 Tötungsdelikten je 100.000 Einwohnern 2022 war die höchste in der Geschichte des Landes und ĂŒberstieg sogar jene von Mexiko und Brasilien.
Mögliches Bekennervideo
In den sozialen Netzwerken tauchte ein Video auf, in dem mutmaĂliche Mitglieder des Verbrechersyndikats «Los Lobos» die Verantwortung fĂŒr den Anschlag ĂŒbernehmen. «Wenn die korrupten Politiker, die mit unserem Geld, mit Millionen von Dollar, ihre WahlkĂ€mpfe finanzieren, ihren Versprechen nicht nachkommen, werden sie getötet», sagte darin ein vermummter Sprecher vor einem Dutzend bewaffneter MĂ€nner. Die AuthentizitĂ€t des Videos konnte zunĂ€chst nicht unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒft werden.
«Los Lobos» sind nach Angaben des Fachportals Insight Crime die zweitgröĂte kriminelle Bande in Ecuador mit rund 8000 Mitgliedern. Das Verbrechersyndikat ist vor allem im Drogenhandel aktiv. Mitglieder der Gang waren zuletzt zudem in eine Reihe blutiger Auseinandersetzungen in den GefĂ€ngnissen des sĂŒdamerikanischen Landes mit Dutzenden Toten verwickelt.
Villavicencio trat gegen Gewalt und Korruption ein
Gegen diese Gewalt und die Korruption im Staat war der nun ermordete Kandidat zu Felde gezogen. Medienberichten zufolge hatte Villavicencio erst vergangene Woche Drohungen gegen ihn und sein Team von einem Drogenpaten erhalten.
Seine Schwester Patricia machte die Regierung fĂŒr den Angriff verantwortlich. «Sie haben die Demokratie getötet», sagte sie örtlichen Medien zufolge. «Sie wollten nicht, dass die Korruption aufgedeckt wird. Nun werden wir als Familie verfolgt. Sie werden uns aber nicht zum Schweigen bringen.» Villavicencio, der Journalist und Abgeordneter war, bewarb sich als Kandidat der Bewegung Construye (Baue) um das höchste Staatsamt und lag jĂŒngsten Umfragen zufolge auf dem vierten oder fĂŒnften Platz.
Er war bislang das prominenteste, aber nicht das einzige Opfer politischer Gewalt in dem rund 17 Millionen Einwohner zĂ€hlenden Land, das bei Touristen nicht zuletzt wegen des Amazonas-Urwaldes, der vielen aktiven Vulkane, der StrĂ€nde oder der fĂŒr ihre einzigartige Tierwelt bekannten GalĂĄpagos-Inseln beliebt ist. Vor rund zwei Wochen erst war der BĂŒrgermeister der Hafenstadt Manta, AgustĂn Intriago, bei einem Ă€hnlichen Angriff getötet worden.
Nach dem Mord an Villavicencio rief die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) Ecuadors Regierung auf, fĂŒr die Sicherheit der Kandidaten bei der anstehenden Wahl zu sorgen und die Tat lĂŒckenlos aufzuklĂ€ren.
Auch die EU verurteilte den Anschlag scharf und drĂŒckte ihre SolidaritĂ€t mit der ecuadorianischen Bevölkerung und vor allem der Familie des Toten aus. Man stehe an der Seite Ecuadors im Kampf gegen die zunehmende Gewalt durch das organisierte Verbrechen, sagte der EU-AuĂenbeauftragte Josep Borrell. Die EU wolle dabei helfen, friedliche Wahlen zu organisieren. Derzeit sind den Angaben zufolge Wahlbeobachter im Land.
Ecuador von Staatskrise gebeutelt
Allerdings steckt das Land auch in einer Staatskrise. Nur 17 Prozent der BĂŒrger unterstĂŒtzen laut Umfragen die RegierungsfĂŒhrung des PrĂ€sidenten, gerade mal 20 Prozent bewerten die Arbeit des Parlaments als gut. Inmitten eines Amtsenthebungsverfahrens gegen ihn wegen mutmaĂlicher Unterschlagung hatte der Staatschef im Mai das Parlament aufgelöst. Dadurch wurden die nun anstehenden Neuwahlen fĂ€llig.
In den vergangenen Jahren hatte das an Kolumbien und Peru grenzende Land durch die Förderung von Ălvorkommen einen erheblichen Modernisierungsschub erlebt: Neue StraĂen, Schulen und KrankenhĂ€user wurden seinerzeit gebaut. Als der Ălpreis fiel, schwĂ€chte sich das Wachstum jedoch ab. Ecuador ist auch einer der gröĂten Exporteure von Blumen und Bananen und setzt auf hochwertigen Kakao und die Ausfuhr von Fisch.
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