Gaza-Waffenruhe nach einem Jahr: Angriffe nehmen wieder zu
Veröffentlicht am: 10.10.2026 um 05:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWSEin Jahr nach Beginn der Waffenruhe im Gazastreifen ist ein Ende des Krieges nicht in Sicht: Israel fliegt wieder verstÀrkt Angriffe, wÀhrend die Hamas ihre Waffen bislang nicht abgeben will.
Waffenruhe bleibt brĂŒchig
Seit dem 10. Oktober 2025 gilt im Gaza-Krieg grundsĂ€tzlich eine Waffenruhe. Dennoch kommt es weiter zu Angriffen. Israels MilitĂ€r erklĂ€rt, dabei gezielt ranghohe Hamas-Mitglieder ins Visier zu nehmen, darunter Beteiligte am TerrorĂŒberfall vom 7. Oktober 2023.
Der israelische MilitĂ€rexperte Danny Orbach von der HebrĂ€ischen UniversitĂ€t in Jerusalem geht nicht davon aus, dass Israel die Waffenruhe vollstĂ€ndig aufkĂŒndigen wird. Mit den Angriffen solle die Hamas unter Druck gesetzt werden, ihre verbliebenen Hochburgen im Gazastreifen aufzugeben.
Hamas kontrolliert weiter Teile des Gebiets
Das israelische MilitĂ€r kontrolliert seit Beginn der Waffenruhe etwas mehr als die HĂ€lfte des Gazastreifens. In dem ĂŒbrigen Gebiet hat die Hamas ihre Kontrolle gefestigt. Israel habe die Hamas zwar militĂ€risch stark geschwĂ€cht, sie aber nicht aus den von ihr kontrollierten Gebieten verdrĂ€ngt, sagte Orbach. Mit gezielten Angriffen allein werde sich dieses Ziel aus seiner Sicht nicht erreichen lassen.
Streit ĂŒber Entwaffnung und Wiederaufbau
Ein von den USA unterstĂŒtzter Plan sieht die Entwaffnung der Hamas, danach den Abzug der israelischen Armee und den Wiederaufbau des weitgehend zerstörten Gazastreifens vor. Der Plan kommt derzeit nicht voran.
Israel lehnt ab, dass die Waffen der Hamas unter palĂ€stinensischer Kontrolle eingelagert werden. Die Regierung fordert, die Waffen vollstĂ€ndig aus dem KĂŒstenstreifen zu entfernen. Ein dauerhaftes Ende des Krieges ist damit vorerst nicht absehbar.
Auslöser war der Hamas-Ăberfall
Auslöser des Krieges war das Massaker vom 7. Oktober 2023 in Israel. Terroristen aus dem Gazastreifen töteten rund 1.200 Menschen und verschleppten mehr als 250 weitere. Nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde wurden seitdem bei israelischen Luftangriffen und BodeneinsÀtzen mehr als 74.000 PalÀstinenser getötet; die Statistik unterscheidet nicht zwischen Zivilisten und bewaffneten KÀmpfern.
Nach Beginn der Waffenruhe lieĂ die Hamas die letzten 20 lebenden Geiseln frei. Israel entlieĂ im Gegenzug rund 2.000 palĂ€stinensische HĂ€ftlinge. SpĂ€ter ĂŒbergab die Hamas auch die letzten Geisel-Leichen.
HumanitÀre Lage bleibt prekÀr
Experten sehen derzeit keine Hungersnot mehr, aber weiterhin ErnÀhrungsunsicherheit. Hilfsorganisationen kritisieren, dass humanitÀre Hilfe nicht verlÀsslich und nicht in ausreichendem Umfang ankomme. Viele Menschen leben weiter in Zelten oder beschÀdigten GebÀuden.
Mehr als 100 Organisationen erklĂ€rten, die Waffenruhe bestehe nur auf dem Papier. Keines der 36 KrankenhĂ€user im Gazastreifen sei voll funktionsfĂ€hig; zudem fehlten Medikamente, medizinische AusrĂŒstung und Treibstoff. Die israelische Cogat-Behörde weist die Kritik zurĂŒck und erklĂ€rt, GĂŒter wĂŒrden entsprechend dem Bedarf vor Ort geliefert.
Menschen sehnen sich nach NormalitÀt
Bewohner berichten auch ein Jahr nach Beginn der Waffenruhe von schwierigen Lebensbedingungen. Der 13-jĂ€hrige Adam Abu Dschasar aus dem SĂŒden des Gazastreifens sagt, er verbringe weiterhin viel Zeit damit, Wasser fĂŒr seine Familie zu holen. Die 46-jĂ€hrige Amina al-Schawa berichtet, sie habe trotz der Waffenruhe dreimal fliehen mĂŒssen. Bei einem israelischen Angriff sei das Zelt ihrer Familie getroffen worden.
Waffenruhe ohne politische Lösung
Eine Waffenruhe beendet einen Krieg nicht automatisch. Im Gazastreifen zeigt sich, dass die militĂ€rische Beruhigung von ungelösten Kernfragen abhĂ€ngt: Wer soll das Gebiet kĂŒnftig kontrollieren, wie soll die Hamas entwaffnet werden und welche Sicherheitsgarantien erhĂ€lt Israel? Solange Israel und die Hamas bei diesen Punkten unvereinbare Bedingungen stellen, bleibt das Abkommen störungsanfĂ€llig.
HumanitÀre Folgen bleiben zentral
FĂŒr die Bevölkerung bedeutet die festgefahrene Umsetzung, dass selbst ein deutlich geringeres Kampfgeschehen keine NormalitĂ€t schafft. Zerstörte Wohnungen, beschĂ€digte KrankenhĂ€user, fehlende Medikamente und die AbhĂ€ngigkeit von Hilfslieferungen prĂ€gen den Alltag. Der Wiederaufbau setzt auĂerdem politische und sicherheitspolitische Entscheidungen voraus, die bislang nicht getroffen sind.
Regionale und internationale Bedeutung
Der Stillstand belastet auch die internationale Diplomatie. Die USA stehen vor der Aufgabe, ihre Vermittlung in konkrete Vereinbarungen zu ĂŒbersetzen, wĂ€hrend Israel vermeiden will, dass die Hamas ihre militĂ€rischen Strukturen erhĂ€lt. FĂŒr die Menschen in Gaza entscheidet sich die praktische Bedeutung des Abkommens vor allem daran, ob Angriffe dauerhaft ausbleiben, Hilfe verlĂ€sslich ankommt und ein tragfĂ€higer Weg zum Wiederaufbau eröffnet wird.

