Haftstrafe fĂŒr Sarkozy? Urteil in Libyen-AffĂ€re erwartet
Veröffentlicht am: 25.09.2025 um 05:03 Uhr | dpa.deEs ist ein politisch enorm brisantes Verfahren, das sich um riesige Geldsummen und eine angebliche Ăbereinkunft zwischen einem Diktator und einem französischen Staatschef dreht: In der sogenannten Libyen-AffĂ€re will das Pariser Strafgericht heute (ab 10.00 Uhr) sein Urteil ĂŒber Frankreichs Ex-PrĂ€sident Nicolas Sarkozy verkĂŒnden. Dem Konservativen werden wegen der angeblichen Zahlung von Wahlkampfgeldern aus Libyen unter anderem Bestechlichkeit und illegale Wahlkampffinanzierung vorgeworfen. Auch soll er von der Veruntreuung öffentlicher Gelder profitiert haben. Der 70-JĂ€hrige hat die Anschuldigungen stets bestritten.
Sarkozy drohen bis zu zehn Jahre Haft und eine GeldbuĂe. Die Anklage forderte eine siebenjĂ€hrige Haftstrafe fĂŒr den vom Volk kurz «Sarko» genannten Politiker. FĂŒr ein ehemaliges Staatsoberhaupt wĂ€re das in der jĂŒngeren französischen Geschichte beispiellos. Neben Sarkozy sind zwölf weitere Menschen angeklagt, unter ihnen drei Ex-Minister.
Vorwurf: Korruptionspakt zwischen Sarkozy und Al-Gaddafi
Konkret wird Sarkozy von der Anklage vorgeworfen, einen Korruptionspakt mit dem damaligen libyschen Machthaber Muammar al-Gaddafi geschlossen zu haben. Vertraute Sarkozys sollen die angeblichen GeldflĂŒsse ĂŒber MittelsmĂ€nner eingefĂ€delt haben. Mehrere Millionen aus Libyen seien fĂŒr seinen ersten PrĂ€sidentschaftswahlkampf 2007 vorgesehen gewesen.
Die Anklage sieht eine ganze Reihe möglicher Gegenleistungen. Den frĂŒher politisch auf internationaler BĂŒhne eher isolierten Al-Gaddafi empfing Sarkozy Ende 2007 mit militĂ€rischen Ehren im ĂlysĂ©e-Palast. Auch sollen BemĂŒhungen in Aussicht gestellt worden sein, einen Haftbefehl gegen Gaddafis Schwager Abdallah Senoussi aufzuheben. Senoussi war 1999 in Abwesenheit in Paris als Hauptverantwortlicher fĂŒr einen Terroranschlag auf ein französisches Flugzeug mit 170 Toten schuldig gesprochen worden. Wirtschaftliche GeschĂ€fte fĂŒhrte die Anklage ebenfalls an.
Alles ein Rachefeldzug des libyschen Machthabers?
Doch Sarkozy hat die VorwĂŒrfe immer wieder vehement zurĂŒckgewiesen. Sie seien falsch und schwach. Seine Verteidigung pochte darauf, dass es keine Belege gebe und verlangte einen Freispruch. «Sie werden niemals, niemals auch nur einen Euro, ja nicht mal einen libyschen Cent in meiner Kampagne finden», sagte der Konservative im Pariser Gerichtssaal.
Der AltprĂ€sident sah in der AffĂ€re sogar einen Rachefeldzug der Al-Gaddafis. Die Untersuchungen waren ins Rollen gekommen, nachdem die Familie des damaligen Machthabers selbst geĂ€uĂert hatte, den Wahlkampf des Konservativen finanziert zu haben. Laut Sarkozys Verteidigung eine Retourkutsche dafĂŒr, dass der damalige Staatschef 2011 die FĂŒhrung der internationalen Koalition ĂŒbernommen hatte, die dazu beitrug, das Gaddafi-Regime zu stĂŒrzen.
Geheimtreffen, MittelsmÀnner, TagebucheintrÀge
Der Prozess birgt enormes Sprengpotenzial. Sollten sich die VorwĂŒrfe bewahrheiten, dass ein spĂ€terer PrĂ€sident und mehrere Minister Geld vom System des libyschen Langzeitherrschers angenommen haben, wĂ€re das ein Skandal.Â
Der Prozess drehte sich unter anderem um ominöse Geheimtreffen und TagebucheintrĂ€ge eines Gaddafi-Vertrauten. Auch Zahlungen an mögliche MittelsmĂ€nner wurden in den Blick genommen. Die Ermittlungen dauerten rund zehn Jahre, die Unterlagen fĂŒllen mehr als 70 Aktenordner.
Skandalumwitterter Ex-PrÀsident
WĂ€hrend Sarkozy einst HoffnungstrĂ€ger der bĂŒrgerlichen Rechten in Frankreich war, geriet er in den vergangenen Jahren vor allem wegen seines juristischen HĂŒrdenlaufs in die Schlagzeilen. Anfang des Jahres musste er fĂŒr rund drei Monate eine FuĂfessel tragen und durfte sein Haus nicht verlassen. Ein Gericht hatte ihn der Bestechung und der unerlaubten Einflussnahme schuldig gesprochen. Das Urteil - drei Jahre Haft, davon zwei auf BewĂ€hrung - war fĂŒr ein ehemaliges Staatsoberhaupt in der jĂŒngeren französischen Geschichte ein Novum. Die eigentlich auf ein Jahr vorgesehene Strafe mit FuĂfessel wurde wegen Sarkozys Alter mittlerweile unter Auflagen ausgesetzt.
Auch wegen ĂŒberhöhter Wahlkampfkosten fĂŒr seine letztlich gescheiterte Kampagne zur Wiederwahl 2012 verurteilte ein Berufungsgericht Sarkozy im Februar 2024 zu einer einjĂ€hrigen Haftstrafe, davon sechs Monate auf BewĂ€hrung. Der frĂŒhere Staatschef ging in Revision. In diesen beiden Verfahren streitet Sarkozy ebenfalls alle VorwĂŒrfe ab.
Schon seine Amtszeit im ĂlysĂ©e-Palast von 2007 bis 2012 war von AffĂ€ren um reiche Freunde, Vetternwirtschaft und maĂlose Regierungsmitglieder geprĂ€gt. Die Wahl 2012 verlor er als Amtsinhaber gegen den Sozialisten François Hollande. FĂŒnf Jahre spĂ€ter scheiterte er bereits im parteiinternen Auswahlverfahren. Trotz seines Kampfs mit der Justiz und ohne Ămter gilt er bei zahlreichen AnhĂ€ngern der bĂŒrgerlichen Rechten noch immer als einflussreiche Stimme.
