Massenproteste im Iran: Kommt diesmal der Umbruch?
13.01.2026 - 11:43:55Die neue Protestwelle im Iran hat sich binnen kurzer Zeit zu einer tiefgreifenden politischen Krise fĂŒr die FĂŒhrung in Teheran ausgeweitet. Bundeskanzler Friedrich Merz rechnet mit einem raschen Umbruch. «Wenn sich ein Regime nur noch mit Gewalt an der Macht halten kann, dann ist es faktisch am Ende. Ich gehe davon aus, dass wir jetzt hier auch gerade die letzten Tage und Wochen dieses Regimes sehen», sagte er.Â
In der jĂŒngeren Vergangenheit haben immer wieder Massenproteste das Land erschĂŒttert. Wesentliche politische VerĂ€nderungen blieben aus. Kommt es diesmal anders?
Worum geht es bei den Protesten jetzt?
Seit mehr als zwei Wochen demonstrieren Iranerinnen und Iraner gegen das autoritĂ€re Herrschaftssystem. Ausgelöst durch eine schwere Wirtschaftskrise, hat sich der Protest inzwischen zu einem landesweiten Aufstand ausgeweitet. In zahlreichen StĂ€dten kam es zu heftigen Ausschreitungen und schweren Unruhen.Â
Der Sicherheitsapparat geht mit brutaler HĂ€rte gegen die Demonstrierenden vor. Nach Angaben von Aktivisten wurden bereits Hunderte von ihnen getötet. Seit Donnerstagabend ist der Zugang zum Internet gekappt. Am Dienstag war es Menschen im Iran erstmals wieder möglich, ins Ausland zu telefonieren.Â
Ein weit verbreiteter Protestruf lautet «Tod dem Diktator» â gemeint ist Irans oberster FĂŒhrer und Staatsoberhaupt Ajatollah Ali Chamenei. Viele Demonstrierende folgen zudem den Aufrufen von Reza Pahlavi, dem Sohn des 1979 gestĂŒrzten Schahs, der im US-Exil eine FĂŒhrungsrolle in der Opposition fĂŒr sich beansprucht.
Welche Proteste gab es in der jĂŒngeren Vergangenheit?
- Der Beginn der bislang letzten groĂen Protestbewegung liegt rund drei Jahre zurĂŒck. Im September 2022 gingen Hunderttausende unter dem Motto «Frau, Leben, Freiheit» auf die StraĂe, nachdem die iranische Kurdin Jina Mahsa Amini in Polizeigewahrsam gestorben war. Sie war von der Sittenpolizei festgenommen worden, weil ihr Kopftuch angeblich nicht korrekt saĂ.
- 2019 fĂŒhrte die Erhöhung der Benzinpreise zu groĂen Protesten. Der Monat ging als «blutiger November» in die Geschichte des Iran ein.
- Zum Jahreswechsel 2017/2018 wurden Proteste zunĂ€chst durch Arbeitslosigkeit und stark gestiegene Lebensmittelpreise ausgelöst. Auch Korruption und die autoritĂ€re StaatsfĂŒhrung trieben viele Menschen auf die StraĂe.
- 2009 löste die umstrittene Wiederwahl des erzkonservativen PrĂ€sidenten Mahmud Ahmadinedschad Massenproteste aus. Daraus formierte sich die «GrĂŒne Bewegung», getragen vor allem von AnhĂ€ngern der ReformkrĂ€fte. Viele Demonstrierende gingen jedoch unabhĂ€ngig von politischen Lagern aus Frust ĂŒber Wahlbetrug und staatliche Repression auf die StraĂe. Das Jahr markierte einen historischen Wendepunkt, an dem viele Iranerinnen und Iraner die Hoffnung auf Reformen von innen aufgaben.
Wie und warum sind diese Proteste geendet?
FrĂŒhere Proteste wurden in der Regel durch massive Repression beendet. SicherheitskrĂ€fte setzten scharfe Munition ein, verhafteten Tausende und verhĂ€ngten lange Haftstrafen. Aktivisten wurden inhaftiert, ins Exil gezwungen oder hingerichtet. Gleichzeitig beschrĂ€nkte der Staat den Internetzugang sowie Kommunikation. Politische ZugestĂ€ndnisse blieben aus oder beschrĂ€nkten sich auf kurzfristige MaĂnahmen. Die fehlende organisatorische Struktur der Proteste erschwerte einen nachhaltigen Wandel. Das Machtmonopol von Revolutionsgarden und Sicherheitsapparat blieb unangetastet.
Was unterscheidet die Proteste heute?
Es sind die heftigsten Proteste im Iran seit Jahren. Nach Angaben von Aktivisten haben sie mittlerweile alle Provinzen erfasst. Die Hoffnung auf Reformen innerhalb des bestehenden Systems ist auf einem Tiefpunkt â vor allem unter jungen Menschen. Immer mehr fordern einen grundlegenden Wandel. Zugleich ist die wirtschaftliche Lage schlechter als bei frĂŒheren Protestwellen und trifft zunehmend auch bislang wohlhabende Schichten.
Die aktuelle Internetsperre dĂŒrfte die ohnehin schwere Wirtschaftskrise verschĂ€rfen. Offiziellen Angaben zufolge liegt die Inflation bei ĂŒber 40 Prozent, groĂe Teile der Bevölkerung leben in Armut. Gleichzeitig ist Irans regionale und internationale Position durch Sanktionen und anhaltende geopolitische Spannungen geschwĂ€cht.Â
Was braucht es fĂŒr einen echten politischen Umbruch im Land?
Die Macht des obersten FĂŒhrers Chamenei beruht auf loyalen Netzwerken in MilitĂ€r, Justiz und Sicherheitsapparat. Ohne UnterstĂŒtzung oder NeutralitĂ€t von MilitĂ€r und Revolutionsgarden gilt ein Umbruch als unwahrscheinlich. Der Politikwissenschaftler Tareq Sydiq von der UniversitĂ€t Marburg aber gab im GesprĂ€ch mit der Deutschen Presse-Agentur vor einigen Tagen zu bedenken: «Die Proteste sind immer wieder ein Stresstest fĂŒr das System.» Diese Momente zwĂ€ngen das System inmitten einer politischen Krise zur Reaktion. Dabei könne die Staatsmacht Fehler begehen, «die sich vielleicht akkumulieren und zu einem Regime Change oder Systemkollaps fĂŒhren».
Die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur sagte im Deutschlandfunk, der aktuelle Aufstand sei bereits der vierte innerhalb von acht Jahren. Die AbstĂ€nde zwischen den Protesten wĂŒrden kĂŒrzer, immer mehr gesellschaftliche Gruppen schlössen sich an. «Insofern glaube ich, dass es immer gewaltiger wird», sagte Amirpur. «Und wenn es jetzt nicht der letzte Aufstand vor dem Sturz der Islamischen Republik ist, dann ist es wahrscheinlich der vorletzte. Aber die Tage der Islamischen Republik Iran sind mit Sicherheit gezĂ€hlt.»
Der israelische Analyst Raz Zimmt kann bisher keine ernsthafte Bedrohung fĂŒr die StabilitĂ€t der FĂŒhrung erkennen. Einen Zusammenbruch hĂ€lt er derzeit fĂŒr unwahrscheinlich, da es keine organisierte Protestbewegung und keine Spaltung bei den RevolutionswĂ€chtern und im Sicherheitsapparat gebe, sagte er dem «Spiegel».Â
Zugleich verwies er darauf, dass die Krise der FĂŒhrung «viel gröĂer und viel gewalttĂ€tiger zu sein» scheine als in der Vergangenheit und Teheran kaum noch Optionen habe, darauf zu reagieren. «Wenn es massive Gewalt anwenden will, lĂ€uft es Gefahr, eine US-Reaktion zu provozieren. Und fĂŒr wirtschaftliche Geschenke zur BesĂ€nftigung fehlt ihm das Geld. Die Mehrheit der iranischen Bevölkerung hat jegliches Vertrauen und jegliche Hoffnung verloren.»


