G20-Gipfel: Minimalkonsens bei Ukraine und Nahost
19.11.2024 - 03:39:17Mit einem Minimalkonsens bei den Kriegen in der Ukraine und im Nahen Osten hat die G20 fĂŒhrender WirtschaftsmĂ€chte in Rio de Janeiro eine gemeinsame GipfelerklĂ€rung gerade so zustande gebracht. Schon am ersten Tag des Gipfels wurde das 85 Punkte umfassende Dokument von der brasilianischen PrĂ€sidentschaft veröffentlicht.Â
Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine wird darin wie bereits beim Gipfel in Indien im Vorjahr nicht mehr explizit von einer Mehrheit der LĂ€nder verurteilt. Beim Treffen auf Bali vor zwei Jahren war dies noch der Fall. Russland - selbst G20-Mitglied - wird in der Passage zum Ukraine-Krieg erneut nicht erwĂ€hnt. Es wird nur allgemein «auf das menschliche Leid und die negativen zusĂ€tzlichen Auswirkungen des Krieges» verwiesen, beispielsweise auf die Nahrungsmittel- und Energiesicherheit.Â
Nahost: Terrorangriff der Hamas nicht erwĂ€hntÂ
Aus deutscher Sicht ist nicht nur diese Passage kaum zu akzeptieren, sondern auch die zum Krieg im Nahen Osten. Der TerrorĂŒberfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 ist darin nicht erwĂ€hnt. Vor dem Gipfel hatte es in deutschen Regierungskreisen noch geheiĂen, dass ein solches Ergebnis der Verhandlungen «inakzeptabel» wĂ€re.Â
In der ErklĂ€rung zeigt sich die «Gruppe der 20» nun ĂŒber die humanitĂ€re Lage im Gazastreifen und die Eskalation im Libanon besorgt. Die humanitĂ€re Hilfe mĂŒsse dringend ausgeweitet und der Schutz der Zivilbevölkerung verstĂ€rkt werden - eine klare Botschaft an Israel. Die G20 bekrĂ€ftigen zudem das Recht der PalĂ€stinenser auf Selbstbestimmung und ein «unerschĂŒtterliches Engagement» fĂŒr eine Zweistaatenlösung.
Israels AuĂenminister Gideon Saar hatte vor dem Gipfel gefordert, die G20 mĂŒssten in ihrem KommuniquĂ© Israels Recht auf Selbstverteidigung anerkennen, die Freilassung aller Geiseln verlangen und die Terrororganisationen Hamas und Hisbollah verurteilen, gegen die Israel im Gazastreifen und im Libanon Krieg fĂŒhrt. Eine ErklĂ€rung, die diese Punkte nicht erwĂ€hne, werde nur den Iran und seine VerbĂŒndeten ermutigen, weiter InstabilitĂ€t im ganzen Nahen Osten zu sĂ€en, schrieb Saar.
Tiefe GrÀben in der G20
Bei den beiden Konflikten in der Ukraine und im Nahen Osten gibt es die gröĂten GrĂ€ben zwischen den Staaten der G20. Ihr gehören die groĂen westlichen Demokratien wie die USA, Deutschland, USA und GroĂbritannien an, aber auch autoritĂ€r gefĂŒhrte Staaten wie Russland und China. Gastgeber Brasilien, sowie LĂ€nder wie Indien oder auch SĂŒdafrika stehen zwischen beiden Lagern.Â
Der Gastgeber, Brasiliens PrĂ€sident Luiz InĂĄcio Lula da Silva, setzte die beiden Kriege gar nicht erst auf die Tagesordnung. Und er lud zur VerĂ€rgerung Deutschlands und anderer westlicher Staaten den ukrainischen PrĂ€sidenten Wolodymyr Selenskyj nicht ein. Lula verfolgte eine Agenda, die vor allem die Themen des sogenannten «globalen SĂŒdens» hervorhob, also der SchwellenlĂ€nder Lateinamerikas, Afrikas und Asiens.
Hunger, KlimaerwÀrmung, Besteuerung der Superreichen
Wichtige Punkte konnte er in dem Abschlussdokument unterbringen: den Kampf gegen Hunger und KlimaerwĂ€rmung sowie eine Reform der internationalen Organisationen.Â
Die G20-Staaten wollen sich kĂŒnftig zudem fĂŒr eine wirksame Besteuerung der Superreichen einsetzen. Ohne in die Steuerhoheit der Staaten einzugreifen, werde man sich gemeinsam darum bemĂŒhen, sehr vermögende Personen effektiv zu besteuern, heiĂt es in der ErklĂ€rung. Damit wird ein Minimalkonsens der G20-Finanzminister aus dem Juli bekrĂ€ftigt.Â
Die MilliardĂ€rssteuer geht auf einen Vorschlag des Gastgeberlands Brasilien zurĂŒck. Demnach sollten alle Personen mit einem Vermögen ab einer Milliarde US-Dollar jĂ€hrlich mindestens zwei Prozent an ihr Heimatland abfĂŒhren. SchĂ€tzungen zufolge wĂ€ren davon etwa 3.000 Menschen betroffen gewesen - es hĂ€tte weltweit zusĂ€tzliche Steuereinnahmen von bis zu 250 Milliarden Dollar pro Jahr bringen können.Â
Doch bereits vor dem Treffen der G20-Finanzminister im Juli positionierten sich einflussreiche LĂ€nder wie die USA und auch Deutschland - zu der Zeit mit einem FDP-gefĂŒhrten Finanzministerium - gegen den brasilianischen Vorschlag. Man konnte sich auch hier lediglich auf einen Minimalkonsens einigen, der nun von den Staats- und Regierungschefs unterstĂŒtzt wird.
NGO kritisiert Passage zum Klimaschutz
AuĂerdem bekrĂ€ftigen die G20-Staaten in Rio das international vereinbarte Ziel, die ErderwĂ€rmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Mit Blick auf die Frage der Klimafinanzierung freue man sich ein erfolgreiches Ergebnis der Weltklimakonferenz in Baku.
Nach Ansicht der Umweltorganisation Global Citizen reichen die G20-Staaten die Verantwortung damit weiter. «Obwohl die G20-Mitglieder die Hauptblockierer sind, haben sie wieder einmal den Schwarzen Peter weitergereicht und es anderen ĂŒberlassen, das Chaos zu beseitigen», kritisiert Vize-PrĂ€sidentin Friederike Röder.Â
EU-KommissionsprÀsidentin Ursula von der Leyen zeigt sich auf X hingegen zufrieden. Mit der gemeinsamen ErklÀrung werde der Kampf gegen die globale Armut und den Klimawandel vorangetrieben.
UN-Sicherheitsrat soll modernisiert werden
Die G20-Staaten erklĂ€ren in der AbschlusserklĂ€rung zudem, auf eine Reform des UN-Sicherheitsrates hinarbeiten zu wollen. Die wichtigsten Industrie- und SchwellenlĂ€nder fordern eine bessere Vertretung der bislang unterreprĂ€sentierten Regionen Afrika, Asien, Lateinamerika und Karibik.Â
In Rio wurde auch die Globale Allianz gegen Hunger und Armut ins Leben gerufen. Es fehle weder an Wissen noch an Ressourcen, sondern an politischem Willen, um den Menschen Zugang zu Nahrungsmitteln zu verschaffen, heiĂt es in der AbschlusserklĂ€rung. Die Gruppe setze sich fĂŒr Schulspeisungsprogramme oder einen verbesserten Zugang zu Mikrofinanzierungen ein. Die Initiative ist eines der zentralen Themen der brasilianischen G20-PrĂ€sidentschaft. «Das wird unser gröĂtes VermĂ€chtnis sein», sagte Lula zum Auftakt des Gipfels.
Scholz trifft Xi - GesprĂ€ch ĂŒber Waffenlieferungen
Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) will am Rande des zweiten Gipfeltages erneut mit dem chinesischen PrĂ€sidenten Xi Jinping ĂŒber den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine beraten. Dabei soll es unter anderem um das Thema Waffenlieferungen an Russland gehen. Zuvor hatte AuĂenministerin Annalena Baerbock von Erkenntnissen ĂŒber den Export chinesischer Drohnen nach Russland berichtet und Konsequenzen angedroht. AuĂerdem will Scholz den Einsatz nordkoreanischer Truppen im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine thematisieren.





