G20-Gipfel, Minimalkonsens

G20-Gipfel: Minimalkonsens bei Ukraine und Nahost

19.11.2024 - 03:39:17

Im Abschlussdokument findet sich keine Verurteilung Russlands und keine ErwÀhnung des Hamas-Massakers. Aber Gastgeber Brasilien kann seine wichtigsten Punkte unterbringen: Hunger, Klima und UN-Reform.

  • Die Staats- und Regierungschefs der G20 kommen jĂ€hrlich zu einem Gipfeltreffen zusammen. - Foto: Sean Kilpatrick/The Canadian Press/AP/dpa

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  • Zur G20 gehören die EU, die Afrikanische Union und 19 der stĂ€rksten Volkswirtschaften aller Kontinente. - Foto: Kay Nietfeld/dpa

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Die Staats- und Regierungschefs der G20 kommen jÀhrlich zu einem Gipfeltreffen zusammen. - Foto: Sean Kilpatrick/The Canadian Press/AP/dpaZur G20 gehören die EU, die Afrikanische Union und 19 der stÀrksten Volkswirtschaften aller Kontinente. - Foto: Kay Nietfeld/dpa

Mit einem Minimalkonsens bei den Kriegen in der Ukraine und im Nahen Osten hat die G20 fĂŒhrender WirtschaftsmĂ€chte in Rio de Janeiro eine gemeinsame GipfelerklĂ€rung gerade so zustande gebracht. Schon am ersten Tag des Gipfels wurde das 85 Punkte umfassende Dokument von der brasilianischen PrĂ€sidentschaft veröffentlicht. 

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine wird darin wie bereits beim Gipfel in Indien im Vorjahr nicht mehr explizit von einer Mehrheit der LÀnder verurteilt. Beim Treffen auf Bali vor zwei Jahren war dies noch der Fall. Russland - selbst G20-Mitglied - wird in der Passage zum Ukraine-Krieg erneut nicht erwÀhnt. Es wird nur allgemein «auf das menschliche Leid und die negativen zusÀtzlichen Auswirkungen des Krieges» verwiesen, beispielsweise auf die Nahrungsmittel- und Energiesicherheit. 

Nahost: Terrorangriff der Hamas nicht erwÀhnt 

Aus deutscher Sicht ist nicht nur diese Passage kaum zu akzeptieren, sondern auch die zum Krieg im Nahen Osten. Der TerrorĂŒberfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 ist darin nicht erwĂ€hnt. Vor dem Gipfel hatte es in deutschen Regierungskreisen noch geheißen, dass ein solches Ergebnis der Verhandlungen «inakzeptabel» wĂ€re. 

In der ErklĂ€rung zeigt sich die «Gruppe der 20» nun ĂŒber die humanitĂ€re Lage im Gazastreifen und die Eskalation im Libanon besorgt. Die humanitĂ€re Hilfe mĂŒsse dringend ausgeweitet und der Schutz der Zivilbevölkerung verstĂ€rkt werden - eine klare Botschaft an Israel. Die G20 bekrĂ€ftigen zudem das Recht der PalĂ€stinenser auf Selbstbestimmung und ein «unerschĂŒtterliches Engagement» fĂŒr eine Zweistaatenlösung.

Israels Außenminister Gideon Saar hatte vor dem Gipfel gefordert, die G20 mĂŒssten in ihrem KommuniquĂ© Israels Recht auf Selbstverteidigung anerkennen, die Freilassung aller Geiseln verlangen und die Terrororganisationen Hamas und Hisbollah verurteilen, gegen die Israel im Gazastreifen und im Libanon Krieg fĂŒhrt. Eine ErklĂ€rung, die diese Punkte nicht erwĂ€hne, werde nur den Iran und seine VerbĂŒndeten ermutigen, weiter InstabilitĂ€t im ganzen Nahen Osten zu sĂ€en, schrieb Saar.

Tiefe GrÀben in der G20

Bei den beiden Konflikten in der Ukraine und im Nahen Osten gibt es die grĂ¶ĂŸten GrĂ€ben zwischen den Staaten der G20. Ihr gehören die großen westlichen Demokratien wie die USA, Deutschland, USA und Großbritannien an, aber auch autoritĂ€r gefĂŒhrte Staaten wie Russland und China. Gastgeber Brasilien, sowie LĂ€nder wie Indien oder auch SĂŒdafrika stehen zwischen beiden Lagern. 

Der Gastgeber, Brasiliens PrĂ€sident Luiz InĂĄcio Lula da Silva, setzte die beiden Kriege gar nicht erst auf die Tagesordnung. Und er lud zur VerĂ€rgerung Deutschlands und anderer westlicher Staaten den ukrainischen PrĂ€sidenten Wolodymyr Selenskyj nicht ein. Lula verfolgte eine Agenda, die vor allem die Themen des sogenannten «globalen SĂŒdens» hervorhob, also der SchwellenlĂ€nder Lateinamerikas, Afrikas und Asiens.

Hunger, KlimaerwÀrmung, Besteuerung der Superreichen

Wichtige Punkte konnte er in dem Abschlussdokument unterbringen: den Kampf gegen Hunger und KlimaerwÀrmung sowie eine Reform der internationalen Organisationen. 

Die G20-Staaten wollen sich kĂŒnftig zudem fĂŒr eine wirksame Besteuerung der Superreichen einsetzen. Ohne in die Steuerhoheit der Staaten einzugreifen, werde man sich gemeinsam darum bemĂŒhen, sehr vermögende Personen effektiv zu besteuern, heißt es in der ErklĂ€rung. Damit wird ein Minimalkonsens der G20-Finanzminister aus dem Juli bekrĂ€ftigt. 

Die MilliardĂ€rssteuer geht auf einen Vorschlag des Gastgeberlands Brasilien zurĂŒck. Demnach sollten alle Personen mit einem Vermögen ab einer Milliarde US-Dollar jĂ€hrlich mindestens zwei Prozent an ihr Heimatland abfĂŒhren. SchĂ€tzungen zufolge wĂ€ren davon etwa 3.000 Menschen betroffen gewesen - es hĂ€tte weltweit zusĂ€tzliche Steuereinnahmen von bis zu 250 Milliarden Dollar pro Jahr bringen können. 

Doch bereits vor dem Treffen der G20-Finanzminister im Juli positionierten sich einflussreiche LĂ€nder wie die USA und auch Deutschland - zu der Zeit mit einem FDP-gefĂŒhrten Finanzministerium - gegen den brasilianischen Vorschlag. Man konnte sich auch hier lediglich auf einen Minimalkonsens einigen, der nun von den Staats- und Regierungschefs unterstĂŒtzt wird.

NGO kritisiert Passage zum Klimaschutz

Außerdem bekrĂ€ftigen die G20-Staaten in Rio das international vereinbarte Ziel, die ErderwĂ€rmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Mit Blick auf die Frage der Klimafinanzierung freue man sich ein erfolgreiches Ergebnis der Weltklimakonferenz in Baku.

Nach Ansicht der Umweltorganisation Global Citizen reichen die G20-Staaten die Verantwortung damit weiter. «Obwohl die G20-Mitglieder die Hauptblockierer sind, haben sie wieder einmal den Schwarzen Peter weitergereicht und es anderen ĂŒberlassen, das Chaos zu beseitigen», kritisiert Vize-PrĂ€sidentin Friederike Röder. 

EU-KommissionsprÀsidentin Ursula von der Leyen zeigt sich auf X hingegen zufrieden. Mit der gemeinsamen ErklÀrung werde der Kampf gegen die globale Armut und den Klimawandel vorangetrieben.

UN-Sicherheitsrat soll modernisiert werden

Die G20-Staaten erklÀren in der AbschlusserklÀrung zudem, auf eine Reform des UN-Sicherheitsrates hinarbeiten zu wollen. Die wichtigsten Industrie- und SchwellenlÀnder fordern eine bessere Vertretung der bislang unterreprÀsentierten Regionen Afrika, Asien, Lateinamerika und Karibik. 

In Rio wurde auch die Globale Allianz gegen Hunger und Armut ins Leben gerufen. Es fehle weder an Wissen noch an Ressourcen, sondern an politischem Willen, um den Menschen Zugang zu Nahrungsmitteln zu verschaffen, heißt es in der AbschlusserklĂ€rung. Die Gruppe setze sich fĂŒr Schulspeisungsprogramme oder einen verbesserten Zugang zu Mikrofinanzierungen ein. Die Initiative ist eines der zentralen Themen der brasilianischen G20-PrĂ€sidentschaft. «Das wird unser grĂ¶ĂŸtes VermĂ€chtnis sein», sagte Lula zum Auftakt des Gipfels.

Scholz trifft Xi - GesprĂ€ch ĂŒber Waffenlieferungen

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) will am Rande des zweiten Gipfeltages erneut mit dem chinesischen PrĂ€sidenten Xi Jinping ĂŒber den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine beraten. Dabei soll es unter anderem um das Thema Waffenlieferungen an Russland gehen. Zuvor hatte Außenministerin Annalena Baerbock von Erkenntnissen ĂŒber den Export chinesischer Drohnen nach Russland berichtet und Konsequenzen angedroht. Außerdem will Scholz den Einsatz nordkoreanischer Truppen im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine thematisieren.

@ dpa.de