Tod, Raisi

Nach Tod von Raisi: Iran wÀhlt neuen PrÀsidenten

28.06.2024 - 14:45:00

Im Iran haben zwei Hardliner und ein moderater Bewerber gute Chancen auf das PrÀsidentenamt. So oder so wird der Einfluss des Wahlgewinners begrenzt sein.

Nach dem Tod von PrĂ€sident Ebrahim Raisi wĂ€hlt der Iran einen Nachfolger. ReligionsfĂŒhrer Ajatollah Ali Chamenei eröffnete die Wahl traditionell mit seiner Stimmabgabe im Zentrum der Hauptstadt Teheran. Die PrĂ€sidentenwahl steht im Zeichen einer schweren Wirtschaftskrise, Spannungen mit dem Westen und Frust ĂŒber die Staatsmacht und Regierung, vor allem in der jĂŒngeren Bevölkerung. Mit ersten Ergebnissen wird am Samstag gerechnet. 

Rund 61 Millionen WĂ€hlerinnen und WĂ€hler waren in der Islamischen Republik dazu aufgerufen, einen neuen Regierungschef zu wĂ€hlen. Die Wahllokale waren regulĂ€r bis 18.00 Uhr Ortszeit (6.30 bis 16.30 Uhr MESZ) geöffnet. Die Wahlbehörde verlĂ€ngerte die Möglichkeit der Stimmabgabe am Abend bis 24.00 Uhr Ortszeit (22.30 Uhr MESZ). Die Wahl folgt auf den Tod Raisis, der im Mai bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben gekommen war. Wenn keiner der Bewerber mehr als 50 Prozent der Stimmen gewinnt, geht es fĂŒr die beiden stĂ€rksten Kandidaten am 5. Juli in eine Stichwahl.

Der sogenannte WĂ€chterrat, ein mĂ€chtiges islamisches Kontrollgremium, hatte nur sechs Kandidaten fĂŒr die Wahl zugelassen. Zwei Bewerber zogen sich jedoch zurĂŒck. Die sogenannten Fundamentalisten - loyale und erzkonservative AnhĂ€nger des Systems - sind am stĂ€rksten vertreten. Unter ihnen brennt ein Machtkampf zwischen dem amtierenden ParlamentsprĂ€sidenten Mohammed Bagher Ghalibaf und dem Hardliner Said Dschalili. Als wichtigster Herausforderer gilt der moderate Politiker Massud Peseschkian.

Konservatives Lager gespalten - Hoffnung bei Reformpolitikern

Ghalibaf, frĂŒherer General der mĂ€chtigen Revolutionsgarden, gilt als konservativer Machtpolitiker. Dschalili vertritt radikalere Positionen. Er gehörte frĂŒh zum engsten Machtzirkel und arbeitete im BĂŒro des ReligionsfĂŒhrers Ajatollah Ali Chamenei. Unter dem umstrittenen frĂŒheren PrĂ€sidenten Mahmud Ahmadinedschad war Dschalili ChefunterhĂ€ndler bei den Atomverhandlungen. Bis zuletzt hatten RegierungsanhĂ€nger und Fundamentalisten gehofft, sich auf einen Spitzenkandidaten einigen zu können. 

Als gefĂ€hrlichster Herausforderer gilt der moderate Politiker und frĂŒhere Gesundheitsminister Massud Peseschkian. Im Wahlkampf kritisierte der Politiker die Kopftuchpolitik und warb mit bĂŒrgerlichen Positionen fĂŒr Stimmen. Gleichzeitig bekundete Peseschkian seine LoyalitĂ€t fĂŒr Chamenei, die mĂ€chtigen Revolutionsgarden und lobte den Angriff mit Drohnen und Raketen auf Israel als Stolz der iranischen Nation. Nach seiner Stimmabgabe sagte er: «Wir werden versuchen, mit allen LĂ€ndern freundschaftliche Beziehungen zu pflegen, außer mit Israel.»

Bei einer hohen Wahlbeteiligung dĂŒrften Peseschkians Chancen gar nicht schlecht sein. Insbesondere, wenn es in die Stichwahl geht und sich das iranische Volk zwischen einem Konservativen und Reformer entscheiden mĂŒsste. Der PrĂ€sident hat im Iran als Regierungsoberhaupt nur eingeschrĂ€nkte Macht. Staatsoberhaupt ist der 85 Jahre alte ReligionsfĂŒhrer Chamenei, der in allen strategischen Belangen das letzte Wort hat.

Wenig Hoffnung auf große innenpolitische Änderungen

Den Glauben an große innenpolitische VerĂ€nderungen haben die meisten Landesbewohner, vor allem junge Menschen, verloren. Der Tod der jungen Kurdin Jina Masa Amini im Herbst 2022 entfachte landesweite Proteste gegen das islamische Herrschaftssystem. Die Wahlbeteiligung bei der diesjĂ€hrigen Parlamentswahl erreichte ein Rekordtief von rund 40 Prozent. Bei PrĂ€sidentenwahlen gehen traditionell jedoch mehr Menschen wĂ€hlen. Einige Aktivisten sowie die inhaftierte FriedensnobelpreistrĂ€gerin Narges Mohammadi riefen zum Boykott der Wahl aufgerufen.

Im Wahlkampf debattierten die Kandidaten vor allem ĂŒber Wege, die enorme Wirtschaftskrise im Land zu bewĂ€ltigen. Der Iran ist wegen seines umstrittenen Atomprogramms mit internationalen Sanktionen belegt und vom weltweiten Finanzsystem weitgehend abgeschnitten. Das Land benötigt Investitionen in Milliardenhöhe. Daneben diskutierten die Bewerber ĂŒber innenpolitische Themen, Kulturpolitik und den Umgang mit dem Westen.

Irans politisches System vereint seit der Revolution von 1979 republikanische und auch theokratische ZĂŒge. Freie Wahlen gibt es jedoch nicht: Das Kontrollgremium des WĂ€chterrats prĂŒft Kandidaten stets auf ihre Eignung. Eine grundsĂ€tzliche Kritik am System wird nicht geduldet, wie die Niederschlagung von Protesten in den vergangenen Jahren zeigte.

@ dpa.de