Routine trotz Raketen: Teheran nach dem israelischen Angriff
26.10.2024 - 12:28:21In der stillen Dunkelheit des frĂŒhen Morgens verhallt das GerĂ€usch ferner Explosionen israelischer Raketen. Doch fĂŒr viele Iraner ist es ein Tag wie jeder andere. «Das war doch kein richtiger Angriff», meint ein SafranverkĂ€ufer im wohlhabenden Norden Teherans, wĂ€hrend er genĂŒsslich an seinem Tee nippt. Herr Mussawi, 57, erzĂ€hlt mit ruhiger Stimme von seinen 28 Monaten Dienst im Iran-Irak-Krieg. «Wir fĂŒrchten keinen groĂen Krieg», sagt er, und seine Augen blitzen kurz auf. «Iran wird auf jeden Fall reagieren.»
Stundenlang hatte Israels Luftwaffe in der Nacht militĂ€rische Ziele im Iran bombardiert, ohne auf nennenswerte Gegenwehr zu stoĂen. Die Operation unter dem Namen «Tage der Umkehr» war eine Vergeltung fĂŒr den massiven iranischen Raketenangriff auf Israel Anfang Oktober. Seit Monaten schaukelt sich der Konflikt zwischen Iran und Israel weiter hoch und droht immer wieder zu einem groĂen, regionalen Krieg zu eskalieren.
Eine Bewohnerin eines östlichen Vororts von Teheran berichtet am Telefon von den nĂ€chtlichen Angriffen. «Die Fenster haben gezittert», erzĂ€hlt sie, als Kampfjets ĂŒber den Himmel donnerten. Es folgten laute dumpfe Explosionen mit Feuerblitzen in der Ferne. Nicht weit davon entfernt liegt auch ein hochsensibler militĂ€rischer Komplex in der Vorstadt Partschin. «Vielleicht haben sie dort angegriffen», sagt die Frau. Am Fenster zu stehen und zuzuschauen - «das war Stress».
Insider in Teheran berichtet ĂŒber mögliche Reaktion
Irans Staatsmedien spielten den Angriff zunĂ€chst herunter, israelische Kampfflugzeuge seien nicht in den eigenen Luftraum eingedrungen. Der Schaden sei minimal, hieĂ es. Dahinter könnte sich laut Insidern der Wunsch der StaatsfĂŒhrung verbergen, diese Runde der Eskalation zunĂ€chst als abgeschlossen zu betrachten. «Ich persönlich glaube, dass jetzt erst einmal Propaganda-Rhetorik kommen wird, aber fĂŒr den hiesigen Markt», sagt ein Experte.
Israel habe mit seinem Angriff auf den Rat der USA gehört, nicht die Ălindustrie und Nuklearanlagen zu bombardieren, erklĂ€rt der Insider, der mit dem Denken der Revolutionsgarden, Irans Elitestreitmacht, bestens vertraut ist. «Irans AuĂenminister hat wĂ€hrend seiner Nahost-Tour ja betont, dass er keine Eskalation will. Daher sollten die Spannungen eigentlich erst einmal beendet sein.» Theoretisch - denn das letzte Wort hat nicht die Regierung, sondern vielmehr die Revolutionsgarden und ReligionsfĂŒhrer Ali Chamenei.
«Wenn die andere Seite stĂ€rker ist, sollte man sich zurĂŒckhalten»
Irans Gesellschaft ist Krisen lĂ€ngst gewohnt â die desolate Wirtschaftslage und die wiederkehrenden Proteste gegen die Regierung gehören seit Jahren zum Alltag. Wenig ĂŒberraschend also, dass sich viele Bewohner der Hauptstadt trotz nĂ€chtlicher Bombardierungen am frĂŒhen Morgen bereits im Park zum FrĂŒhsport treffen. Andere erfuhren erst spĂ€ter davon. «Ich habe den Angriff letzte Nacht gar nicht bemerkt», sagt Kian, ein 20-jĂ€hriger Architekturstudent. «Ich habe keine Angst vor einem israelischen Angriff, weil ich weiĂ, dass ihre Ziele militĂ€risch sind und nicht auf die Bevölkerung zielen.»
Staus, Hupen und das ĂŒbliche Verkehrschaos in Teheran â der Morgen unterscheidet sich nicht vom Alltag der Stadt. Auch die Schulen blieben geöffnet, und der Flugverkehr nahm wie gewohnt seinen Betrieb auf. Ironischerweise gewann sogar die iranische WĂ€hrung Rial gegenĂŒber dem Euro an Wert, nachdem sie wochenlang gefallen war. Ein Passant zuckt nur mit den Schultern, als er auf den Angriff angesprochen wird. Er, etwa Ende 50, war selbst bei der Armee. Was er davon hĂ€lt? «Wenn die andere Seite stĂ€rker ist, sollte man sich zurĂŒckhalten.»


