Konflikt oder Status quo: Wohin fĂŒhrt die Taiwan-Wahl?
10.01.2024 - 12:18:09Taiwan ist etwa so groĂ wie Baden-WĂŒrttemberg, doch die PrĂ€sidenten- und Parlamentswahl in dem ostasiatischen Inselstaat hat weltweit Bedeutung. Wie die Menschen am Samstag in dem Land mit mehr als 23 Millionen Einwohnern abstimmen, dĂŒrfte das schwierige VerhĂ€ltnis zwischen den USA und China beeinflussen und entscheiden, ob die bereits erheblichen Spannungen in der Region zunehmen.
Fast tĂ€glich fliegen jetzt schon chinesische Kampfjets Richtung Taiwan. China demonstriert damit militĂ€rische Macht vor der Insel, die es fĂŒr sich beansprucht.
Warum die Wahl fĂŒr die Welt wichtig ist
Die Taiwan-Frage hat schon mehrfach fĂŒr Krisenstimmung zwischen den AtommĂ€chten China und USA gesorgt: Staats- und Parteichef Xi Jinping will die Wiedervereinigung mit der Insel. Die USA, die wie andere westliche LĂ€nder Taiwan nie anerkannt haben, haben sich der VerteidigungsfĂ€higkeit der Insel verpflichtet, liefern Waffen und lehnen jede gewaltsame VerĂ€nderung des Status quo als inakzeptabel ab. PrĂ€sident Joe Biden hat sogar zugesichert, Taiwan im Konfliktfall bei der Verteidigung zu helfen. Aus US-Sicht hat die Insel im Indopazifik eine strategisch wichtige Lage. Ein Krieg in der Region könnte die Supermacht USA daher direkt involvieren.
China betont zwar, eine friedliche Wiedervereinigung zu wollen, droht aber, diese auch mit Gewalt zu erzwingen. Das könne eintreten, falls Taiwan offiziell seine UnabhĂ€ngigkeit erklĂ€ren wĂŒrde, sagt Victor Gao vom chinesischen, regierungsnahen Zentrum fĂŒr China und Globalisierung. «Wenn das Festland eine bewaffnete Wiedervereinigung heute will, kann das heute auch erreicht werden», erklĂ€rt er.
Westliche und taiwanische Experten rechnen 2024 nicht mit einem Krieg. Chinas Wirtschaft geht es zurzeit schlecht. Zudem wĂ€re eine Invasion ĂŒber das Meer höchst anspruchsvoll und enorm teuer. Auch dĂŒrfte Pekings FĂŒhrung die US-PrĂ€sidentenwahl im November genau verfolgen. Ob eine mögliche Regierung des Republikaners Donald Trump Taiwan im Angriffsfall unterstĂŒtzen wĂŒrde, gilt als fraglich.
Die Kandidaten bei der Wahl
Bei der Wahl in Taiwan haben drei Parteien eine echte Siegeschance. FĂŒr die noch regierende Demokratische Fortschrittspartei (DPP), die fĂŒr eine UnabhĂ€ngigkeit Taiwans steht, kandidiert William Lai um das PrĂ€sidentenamt. Im Wahlkampf konzentrierte er sich auf die Gefahr durch China. Eine offizielle UnabhĂ€ngigkeitserklĂ€rung hĂ€lt er jedoch nicht fĂŒr nötig. Die bisherige PrĂ€sidentin Tsai Ing-wen darf nach zwei Amtszeiten nicht mehr antreten.
Aus der Opposition machen die chinafreundliche konservative Kuomintang (KMT) und die erst 2019 gegrĂŒndete Taiwanische Volkspartei (TPP) Lai wohl am meisten Konkurrenz. KMT-Kandidat Hou Yu-ih will die Demokratie in Taiwan verteidigen, aber nicht die UnabhĂ€ngigkeit erklĂ€ren. Die TPP schickt Ko Wen-je ins Rennen. Er sieht Taiwan als BrĂŒcke zwischen China und den USA und hat damit einen diplomatischeren Ansatz fĂŒr das VerhĂ€ltnis ins Auge gefasst.
In den zehn Tagen vor der Abstimmung durften keine Umfragen mehr publiziert werden. Kurz zuvor hatte eine Erhebung der Zeitung «United Daily News» den bisherigen VizeprÀsidenten Lai noch mit 32 Prozent vor dem Konkurrenten der Kuomintang-Kandidaten gesehen (27 Prozent). Ko Wen-je von der TPP kam demnach auf 21 Prozent. Taiwan wÀhlt auch ein neues Parlament. Bisher hatte die DPP dort die absolute Mehrheit. Wahlberechtigt sind im In- und Ausland 19,5 Millionen Menschen. Ein Ergebnis könnte in der Nacht zum Sonntag (Ortszeit) feststehen.
Warum die Wahl auch wirtschaftlich Gewicht hat
Die Meerenge zwischen China und Taiwan - die TaiwanstraĂe - ist weltweit eine der wichtigsten Handelsrouten. 48 Prozent aller Containerschiffe fahren dort durch, wie Yen Huai-Shing vom taiwanischen Chung-Hua Institut fĂŒr Wirtschaftsforschung sagt. Ein Konflikt wĂŒrde Lieferketten unterbrechen und der Weltwirtschaft enorm schaden. Wer in Deutschland dann zum Beispiel ein Regal zusammenbauen wollte, hĂ€tte der Expertin zufolge vielleicht keine Schrauben mehr. Die Insel ist auĂerdem ein bedeutender Hersteller von Halbleitern fĂŒr ElektrogerĂ€te. Die wichtigste Firma TSMC hat laut Yen 70 Prozent Anteil am Weltmarkt fĂŒr Chips in Smartphones. Ein Handelsstopp mit diesen Produkten hĂ€tte enorme Auswirkungen, sagt die Expertin.
Der Konflikt
Doch warum greift China nach Taiwan? Die Insel stand bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs unter Japans Kolonialherrschaft. Nach der Kapitulation fiel die Insel an die damalige Republik China. Diese zerbrach jedoch im BĂŒrgerkrieg zwischen den Kommunisten und den AnhĂ€ngern der Kuomintang (KMT). Denn 1949 verlor die KMT, floh nach Taiwan, das heute immer noch offiziell Republik China heiĂt, und regierte dort weiter. Die Kommunisten riefen spĂ€ter in Peking die Volksrepublik China aus. Sie zĂ€hlen Taiwan zu ihrem Gebiet. 1992 vereinbarten die damalige KMT-Regierung und die KP zwar, dass es nur ein China gibt. Jedoch einigten sie sich nicht, was das bedeutet. Peking besteht seither auf der sogenannten Ein-China-Politik.
Die Perspektive
«Egal, ob die DPP oder die KMT gewinnt, China wird Taiwan wirtschaftlich und politisch das Leben schwer machen», sagt der taiwanische Asien-Pazifik-Experte Kuo Yujen. Bei einem KMT-Sieg wĂŒrde China wohl auf Verhandlungen ĂŒber eine Wiedervereinigung drĂ€ngen. Sollte die DPP den PrĂ€sidenten und die Parlamentsmehrheit stellen, werde Lais Regierung die Verbindung mit westlichen Staaten wie den USA weiter aufrechterhalten, meint Wu Rwei-ren vom Institut fĂŒr Taiwan-Geschichte der taiwanischen Academia Sinica.
Das VerhĂ€ltnis zu China bliebe damit schlecht. Sollten die chinafreundlichere KMT oder die TPP siegen, könnte sich die Stimmung mit Peking aufhellen. Laut Wu wĂ€re das dann aber eine Schwachstelle fĂŒr die USA. Denn China hĂ€tte damit die Möglichkeit, durch eine AnnĂ€herung mit Taiwan die Inselkette US-verbĂŒndeter Staaten um Japan, die Philippinen und eben Taiwan zu spalten.


