Unruhen im Westjordanland - Sorge vor Erstarken der Hamas
02.11.2023 - 15:28:46Israel geht nach dem brutalen Terrorangriff der Hamas auch im besetzten Westjordanland mit harter Hand gegen die Islamistenorganisation vor. Ziel ist es, ihr Erstarken dort zu verhindern.
Bei Auseinandersetzungen mit der Armee sowie mit radikalen israelischen Siedlern starben seit dem 7. Oktober bereits mehr als 130 PalÀstinenser. Der ohnehin angeschlagene PalÀstinenserprÀsident Mahmud Abbas hat weder der Gewalt der Siedler noch der Gewalt extremistischer PalÀstinenser etwas entgegenzusetzen.
Bei SolidaritÀtskundgebungen mit den Menschen im Gazastreifen angesichts der massiven israelischen GegenschlÀge versuchten einige Demonstranten Berichten zufolge, RegierungsgebÀude von Abbas' palÀstinensischer Autonomiebehörde (PA) zu erreichen. SicherheitskrÀfte hinderten sie demnach daran. Zu den Kundgebungen gegen Israel, die Berichten zufolge auch von Hamas-Mitgliedern organisiert werden, kamen Tausende.
Die Strategie der PA basiere derzeit darauf, «öffentliche Proteste als Ventil fĂŒr palĂ€stinensische Beschwerden zuzulassen», schreibt Neomie Neumann von der US-Denkfabrik Washington Institute. Die Behörde wolle zugleich verhindern, dass die Demonstrationen gewalttĂ€tig werden, um keinen Kontrollverlust zu riskieren. Denn davon könne die konkurrierende Hamas profitieren.
Fatah und Hamas sind erbitterte Rivalen
PrĂ€sident Mahmud Abbas leitet die PA sowie die sĂ€kulare Fatah-Fraktion innerhalb der PalĂ€stinensischen Befreiungsorganisation (PLO). Die Fatah und die Hamas sind die beiden gröĂten PalĂ€stinenserorganisationen - und erbitterte Rivalen.
Die bislang letzte PrĂ€sidentenwahl fand 2005 statt, die letzte Parlamentswahl 2006. Nach Umfragen sind viele PalĂ€stinenser sehr unzufrieden mit dem 87-jĂ€hrigen Abbas. Eine groĂe Mehrheit will seinen RĂŒcktritt. Die Autonomiebehörde ist immer wieder mit KorruptionsvorwĂŒrfen konfrontiert.
Im Rahmen eines blutigen Bruderkriegs vertrieb die islamistische Hamas die Fatah 2007 aus dem Gazastreifen. Seither regiert Abbas de facto nur im Westjordanland. Doch sein Einfluss dort ist nur noch gering.
Hunderte aus dem Westjordanland vertrieben
Nichts schwĂ€che die PA so sehr wie ihre UnfĂ€higkeit, die PalĂ€stinenser vor der Siedlergewalt zu schĂŒtzen, betont der palĂ€stinensische Analyst Dschihad Harb. Und seit dem 7. Oktober kommt es im Westjordanland vermehrt zu Gewalt israelischer Siedler. Menschenrechtlern zufolge töteten sie seitdem mindestens sieben PalĂ€stinenser. Hunderte wurden demnach in dem Zeitraum vertrieben.
Am 12. Oktober sollen Siedler und Soldaten der Zeitung «Haaretz» zufolge drei PalĂ€stinenser stundenlang brutal geschlagen, auf sie uriniert und die MĂ€nner bis auf die UnterwĂ€sche ausgezogen und dann fotografiert haben. Zwei TĂ€ter drĂŒckten demnach ihre brennenden Zigaretten auf den Opfern aus. Dem Bericht zufolge soll es dabei auch einen versuchten sexuellen Ăbergriff gegeben haben. Die israelische Armee teilte mit, sie untersuche den Vorfall.
Schuld an der zunehmenden Siedlergewalt seien auch einige rechtsextreme Politiker in der israelischen Regierung, die diese verteidigten, schreibt der Analyst Alex Lederman im US-Magazin «Time». Soldaten im Westjordanland seien oftmals selbst Siedler und TĂ€ter mĂŒssten nur selten mit rechtlichen Konsequenzen rechnen.
Trotz der groĂen Unzufriedenheit mit der als korrupt geltenden Autonomiebehörde sehe er derzeit aber keine Anzeichen fĂŒr einen Umsturz oder eine Ăbernahme der Geschicke im Westjordanland durch die Hamas, sagt Analyst Harb der Deutschen Presse-Agentur.
Zustimmungswerte fĂŒr Hamas könnten gestiegen sein
Umfragen zeigen nach Angaben der Wissenschaftlerin Neumann vom Washington Institute zwar, «dass die lokale Bevölkerung groĂe Vorbehalte gegenĂŒber der PalĂ€stinensischen Autonomiebehörde und der Fatah-Partei hat, Hamas jedoch auch nicht als Lösung sieht.» Harb geht aber davon aus, dass die Zustimmungswerte im Westjordanland fĂŒr die Hamas seit den Terrorangriffen auf Israel gestiegen sind.
Die PA steht auch nach einer AnkĂŒndigung Israels, vorĂŒbergehend millionenschwere Steuerzahlungen einzustellen, unter Druck. Als Grund nannte Israels rechtsextremer Finanzminister Bezalel Smotrich die angebliche UnterstĂŒtzung des Hamas-TerrorĂŒberfalls durch Vertreter der Fatah-Partei. Israels Verteidigungsminister Joav Galant kritisierte die Entscheidung: Die PA brauche die Gelder auch zur TerrorismusprĂ€vention.
Seit dem brutalen Angriff der Hamas auf Israel nahm das israelische MilitĂ€r eigenen Angaben nach mehr als 1000 TerrorverdĂ€chtige im Westjordanland fest, darunter viele Hamas-Mitglieder. Im selben Zeitraum hĂ€tten palĂ€stinensische TerrorvorfĂ€lle dort erheblich zugenommen, schreibt Neumann fĂŒr das Washington Institute. Auch die Hamas bemĂŒhe sich verstĂ€rkt darum, Angriffe im Westjordanland zu steuern.
Die palĂ€stinensische Ăffentlichkeit im Westjordanland sei derzeit dennoch nicht geneigt, sich an Gewalt zu beteiligen, resĂŒmiert Wissenschaftlerin Neumann. Die Menschen glaubten nicht an ihre Wirksamkeit. «Wenn sie zu Gewalt greifen, ist der Preis hoch.»
Mehr als 300 PalÀstinenser seit Anfang 2023 getötet
Seit Jahresbeginn kamen im Westjordanland nach Angaben des dortigen Gesundheitsministeriums mehr als 300 PalÀstinenser bei israelischen MilitÀreinsÀtzen, Konfrontationen oder eigenen AnschlÀgen ums Leben. Es ist laut Menschenrechtsorganisationen die höchste Zahl seit mehr als 15 Jahren.
Bislang gebe es eine relative ZurĂŒckhaltung der Bevölkerung in dem PalĂ€stinensergebiet, betont Neumann. Im Falle dramatisch steigender Todeszahlen im Gazastreifen oder bei einem unerwarteten militĂ€rischen Versagen der Israelis dort könne sich dies jedoch Ă€ndern. Vorerst sei es der Hamas in ihrem Krieg gegen Israel nicht gelungen, eine zweite Front im Westjordanland zu eröffnen.
Um die StabilitĂ€t im Westjordanland zu wahren, mĂŒsse Israels Regierung «gegen palĂ€stinensische und jĂŒdische Gewalt gleichermaĂen» vorgehen, betont der Analyst Lederman im «Time»-Magazin. Die Siedlergewalt bedrohe auch die IntegritĂ€t der israelischen Demokratie und die Sicherheit des Landes. Die Stationierung einer groĂen Anzahl an Soldaten im Westjordanland zum Schutz der Siedler habe zudem zu einer VernachlĂ€ssigung der Sicherheit an anderen Grenzen gefĂŒhrt. Ăber die Grenze zum Gazastreifen waren am 7. Oktober Tausende Terroristen eingedrungen, um Massaker in Israel zu verĂŒben.





