Katar: Vereinbarung ĂŒber Waffenruhe in Gaza in Reichweite
14.01.2025 - 12:15:11Eine Vereinbarung ĂŒber eine Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas im Gazastreifen sowie eine Freilassung von Geiseln ist nach Darstellung Katars in Reichweite. Eine Einigung sei sehr nah, sagte der Sprecher des katarischen AuĂenministeriums, Madschid Al-Ansari. «Ich kann bestĂ€tigen, dass die GesprĂ€che auf höchster Ebene hier in Doha laufen, wĂ€hrend wir sprechen.» Israel und die islamistische Hamas hĂ€tten EntwĂŒrfe eines Vorschlags vorliegen. Er warnte zugleich vor zu hohen Erwartungen oder ĂŒberzogener Aufregung. «Solange nichts verkĂŒndet wird, ist nichts verkĂŒndet», sagte al-Ansari.
Seit Monaten laufen BemĂŒhungen der Vermittlerstaaten USA, Ăgypten und Katar, durch indirekte Verhandlungen Israel zu einer Waffenruhe im Gazastreifen und die Hamas zur Freilassung israelischer Geiseln zu bewegen. Die GesprĂ€che traten aber lange Zeit auf der Stelle. FĂŒr die USA seien sowohl die Regierung des scheidenden PrĂ€sidenten Joe Biden als auch die seines Nachfolgers Donald Trump stark involviert, sagte al-Ansari.Â
«Kritisches Zeitfenster» in Verhandlungen
«Wir hoffen wirklich, dass wir bald gute Nachrichten ĂŒbermitteln können», sagte ein israelischer Regierungsvertreter. «Wir sind nahe dran, aber noch nicht am Abschluss.» Anders als vorher zeige die Hamas nun Ernsthaftigkeit bei den Verhandlungen. Man befinde sich gegenwĂ€rtig in einem «kritischen Zeitfenster».
Auch aus Hamas-Kreisen erfuhr die Deutsche Presse-Agentur, die Organisation erwarte jetzt «gute Nachrichten». Die Hamas habe den vorliegenden Entwurf angenommen und die Vermittler darĂŒber informiert. Von Israel liege aber noch keine Antwort vor.Â
Die Einigung wĂ€re ein lang erhoffter Durchbruch in dem 15 Monate dauernden Krieg, der verheerende Folgen fĂŒr Gaza hatte und sich auf die ganze Nahost-Region auswirkte. In dem Krieg - ausgelöst durch das beispiellose Hamas-Massaker in Israel am 7. Oktober 2023 mit mehr als 1.000 Toten - wurden nach palĂ€stinensischen Angaben in dem KĂŒstengebiet mehr als 46.600 Menschen getötet. Mehr als 110.000 wurden demnach verletzt.Â
«Nach vielen Monaten quĂ€lender Verhandlungen scheint eine Vereinbarung jetzt in greifbarer NĂ€he», teilte Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) mit. «Wir verstehen, wie schmerzhaft jede Vereinbarung mit der Terrororganisation Hamas fĂŒr Israel ist. Dennoch: Das Leben der Geiseln muss jetzt oberste PrioritĂ€t haben. Das sage ich auch, da sich unter den Geiseln zahlreiche deutsche Staatsangehörige befinden.» Die Vereinbarung biete die Chance auf einen Waffenstillstand, um das Leid in Gaza endlich zu lindern.
ZunÀchst offenbar Freilassung von 33 Geiseln geplant
Ziel der GesprĂ€che sei es, alle 98 Geiseln aus der Gewalt der Hamas zurĂŒckzuholen, betonte der israelische Regierungsvertreter. In einer ersten Phase sollten aber zunĂ€chst 33 «humanitĂ€re FĂ€lle» freikommen. Dabei handele es sich um Frauen, Kinder, Menschen ĂŒber 50 sowie verletzte und kranke Geiseln. Man gehe davon aus, dass die meisten davon am Leben seien.Â
Im Gegenzug sollten «Hunderte von Terroristen» freikommen. Mörder dĂŒrften allerdings nicht ins Westjordanland zurĂŒckkehren. Erst wenn die Hamas mitteile, wie viele von den Geiseln am Leben seien, werde die genaue Zahl der freizulassenden HĂ€ftlinge klar werden.
Die Waffenruhe sei zunĂ€chst auf etwa 42 Tage beschrĂ€nkt. Verhandlungen ĂŒber die zweite Phase sollten dann am 16. Tag der Waffenruhe beginnen. Ziel sei die Freilassung einer weiteren Gruppe von jungen MĂ€nnern und Soldaten im nĂ€chsten Schritt.Â
«Wir werden den Gazastreifen nicht verlassen, bis alle Geiseln wieder zu Hause sind», sagte der Regierungsvertreter. Auch nach Beginn der Waffenruhe sollten israelische Soldaten in einer Pufferzone am Rande des Gazastreifens und in weiteren Gebieten bleiben, um die Sicherheit der israelischen Grenzorte zu gewÀhrleisten.
Innenpolitischer Druck auf Netanjahu
Der rechtsextreme israelische Polizeiminister Itamar Ben-Gvir drohte fĂŒr den Fall eines Geisel-Abkommens mit der Hamas unterdessen mit einem Ausscheiden aus der Regierung. Er rief in einem Post auf der Plattform X den ebenfalls rechtsextremen Finanzminister Bezalel Smotrich auf, sich ihm anzuschlieĂen im Kampf «gegen den entstehenden schrecklichen Deal».Â
Man mĂŒsse MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu entschlossen gemeinsam sagen, «dass wir zusammen aus der Regierung ausscheiden, wenn der Deal geschlossen wird», forderte Ben-Gvir. Dennoch sagte Ben-Gvir, auch im Falle eines Ausscheidens werde man Netanjahu nicht stĂŒrzen. Es gab in der Vergangenheit in Israel bereits Minderheitsregierungen. Netanjahu hĂ€tte ohne die Fraktionen der beiden Minister keine Mehrheit mehr.Â
GeÀnderte UmstÀnde in Nahost und «Trump-Effekt»
Die UmstĂ€nde fĂŒr eine Waffenruhe in Gaza haben sich in vergangenen Monaten verĂ€ndert. Im Oktober tötete Israel den Hamas-Chef in Gaza, Jihia al-Sinwar. Die Hisbollah-Miliz im Libanon wurde nach einem mehr als einjĂ€hrigen Krieg mit Israel ebenfalls stark geschwĂ€cht. Im Dezember wurde die Regierung von Baschar al-Assad in Syrien gestĂŒrzt. Es waren mehrere RĂŒckschlĂ€ge fĂŒr die VerbĂŒndeten des Iran in der sogenannten «Achse des Widerstands» gegen den erklĂ€rten Erzfeind Israel.Â
Die Vereidigung von Donald Trump zum US-PrĂ€sidenten kommenden Montag könnte den Druck in den Verhandlungen zudem erhöht haben. Der «Trump-Effekt» zeige Wirkung, zitierte das «Wall Street Journal» einen israelischen Beamten. Trump hatte der Hamas massiv gedroht und gesagt, im Nahen Osten werde «die Hölle losbrechen», wenn die Geiseln nicht bis zu seiner AmtseinfĂŒhrung am 20. Januar frei seien.


