PrÀsidentenpalast statt Haft: Droht Staatskrise in Polen?
09.01.2024 - 18:38:15Eigentlich hĂ€tten Polens ehemaliger Innenminister Mariusz Kaminski und sein frĂŒherer StaatssekretĂ€r Maciej Wasik ihre zweijĂ€hrige Haftstrafe antreten mĂŒssen. Doch als Polizeibeamte ihre Wohnungen durchsuchten, stieĂen sie ins Leere: Die beiden rechtskrĂ€ftig wegen Amtsmissbrauchs verurteilten Abgeordneten der abgelösten Regierungspartei PiS waren ausgeflogen.
Wenig spÀter erfuhren die erstaunten Polen durch einen Post der PrÀsidialadministration auf der Plattform X, wo sich die Gesuchten aufhielten: bei einem Empfang des Staatsoberhaupts Andrzej Duda im PrÀsidentenpalast.
Was anmutet wie eine Posse, ist in Wahrheit die Zuspitzung eines Konflikts zwischen dem neuen und dem alten Regierungslager in Polen, der das EU- und Nato-Land in eine Staatskrise fĂŒhren könnte. Der Machtkampf zwischen der seit dem 15. Dezember amtierenden Mitte-Links-Regierung von Donald Tusk und der abgewĂ€hlten nationalkonservativen PiS, aus deren Lager auch PrĂ€sident Duda stammt, ist eskaliert. Eine eigentlich fĂŒr Mittwoch geplante Parlamentssitzung wurde wegen der chaotischen Lage auf kommende Woche verschoben. Tusk drohte Duda und dem PiS-Chef Kaczynski, sie wĂŒrden wegen «Sabotage der Verfassung» zur Verantwortung gezogen.
PiS-Politiker im PrÀsidentenpalast
Die beiden per Haftbefehl gesuchten PiS-Abgeordneten haben offenbar im PrĂ€sidentenpalast Schutz gefunden. Am Nachmittag meldeten sich Kaminski und Wasik dort im Hof zu Wort. «Wir verstecken uns nicht. Im Moment sind wir bei Polens PrĂ€sidenten, bis das Böse verliert», sagte Kaminski. Wie lange sie dort bleiben wollen, sagte er nicht. Wasik rief die AnhĂ€nger der PiS auf, zu einer fĂŒr Donnerstag geplanten Demonstration gegen Tusks Regierung nach Warschau zu kommen.
Der Fall der beiden PiS-Politiker hat eine lange Vorgeschichte. Im Jahr 2015, direkt nach der MachtĂŒbernahme der PiS, hatte Duda Kaminski und Wasik in einer umstrittenen Entscheidung begnadigt. Beide waren zuvor in erster Instanz wegen Amtsmissbrauchs zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Grund der Verurteilung war eine im Jahr 2007 aufgedeckte AffĂ€re, bei der die damals von Kaminski geleitete Antikorruptionsbehörde gezielt einen Korruptionsfall inszeniert haben soll, um den damaligen Landwirtschaftsminister Andrzej Lepper zu diskreditieren. Kaminski und Wasik gingen gegen das Urteil in Berufung.
Die Meinungsverschiedenheiten ĂŒber die Begnadigung
Im vergangenen Juni hatte der Oberste Gerichtshof die Begnadigung Kaminskis und Wasiks durch den PrĂ€sidenten aufgehoben. Begnadigt werden könne nur, wer rechtskrĂ€ftig verurteilt sei, hieĂ es in der UrteilsbegrĂŒndung. Beide mussten sich erneut dem Verfahren stellen. Ende Dezember verurteilte sie das Warschauer Bezirksgericht zu zwei Jahren Haft. Das Gericht verfĂŒgte auch, dass beide PiS-Politiker fĂŒr fĂŒnf Jahre kein öffentliches Amt bekleiden dĂŒrften und ihr Abgeordnetenmandat verlieren.
Duda hatte in den vergangenen Tagen mehrfach betont, dass nach seiner Auffassung die Begnadigung weiter gelte - die fĂŒhrenden Verfassungsrechtler in Polen sehen das anders. Beide Politiker hatten angekĂŒndigt, sie wollten ihr Abgeordnetenmandat weiter wahrnehmen und zu den Parlamentssitzungen erscheinen.
Tusk warnt vor einer gefÀhrlichen Situation
Am Nachmittag richtete ein sichtlich aufgewĂŒhlter MinisterprĂ€sident Tusk klare Worte an Duda: «Herr PrĂ€sident, mein instĂ€ndiger Appell zum Wohle des polnischen Staates: Sie mĂŒssen dieses Spektakel beenden. Es wird uns in eine sehr gefĂ€hrliche Situation fĂŒhren». Die Handlungen zielten auf die Fundamente des Staates.
Tusk zitierte mit Blick auf das Verhalten des PrĂ€sidenten auch aus dem polnischen Strafgesetzbuch: «Wer ein Strafverfahren dadurch behindert oder vereitelt, dass er einem StraftĂ€ter hilft, sich der strafrechtlichen Verantwortung zu entziehen, (...) wird mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fĂŒnf Jahren bestraft.» Und er warnte: Duda und der PiS-Vorsitzende Jaroslaw Kaczynski wĂŒrden fĂŒr ihr Treiben zur Verantwortung gezogen. Eine gewaltsame Festnahme von Kaminski und Wasik im PrĂ€sidentenpalast schloss Tusk aber eindeutig aus.


