EU-Gipfel in Rovaniemi: Merz und Partner beraten über Arktis-Strategie
Veröffentlicht am: 14.09.2026 um 08:53 Uhr | dpa, AD HOC NEWSIn der nordfinnischen Stadt Rovaniemi am Polarkreis beraten Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Spitzenvertreter mehrerer EU-Staaten über eine gemeinsame europäische Strategie für die Arktis.
EU-Staaten ringen um Einfluss im Hohen Norden
Im Mittelpunkt des Gipfels stehen neue Schifffahrtsrouten, die durch den klimabedingten Rückgang des arktischen Meereises entstehen, sowie unerschlossene Rohstoffvorkommen und sicherheitspolitische Fragen. Die Teilnehmer wollen ausloten, wie Europa seine Interessen in der Region besser schützen kann, während Russland und China ihre militärischen Aktivitäten im Hohen Norden ausbauen.
Merz nutzt seine erste Auslandsreise nach der Sommerpause, um gegenüber EU- und Nato-Partnern zu signalisieren, dass Deutschland die Arktis auch als sicherheitspolitisch relevante Region betrachtet. Die Reise fällt in eine Phase, in der seine Kanzlerschaft nach dem Wahldebakel der CDU in Sachsen-Anhalt unter starkem innenpolitischen Druck steht.
Innenpolitische Belastung begleitet Kanzler
Das schlechte Abschneiden der CDU in Sachsen-Anhalt hat den Druck aus der eigenen Partei auf Merz deutlich erhöht. Seine umstrittene Personalrochade zu Beginn der Sommerpause wird weiterhin kritisch diskutiert. Mit Blick auf die in einer Woche anstehenden Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin gilt der Gipfel auch als Test dafür, welche außenpolitische Führungsrolle Merz in einer schwierigen innenpolitischen Lage einnehmen kann.
Der Nordeuropa- und Sicherheitsexperte Tobias Etzold betont, die Arktis könne als Sicherheitsraum nicht mehr von Europa und der Ostsee getrennt werden. Deshalb sind neben den klassischen Arktis-Anrainern auch Staats- und Regierungschefs der baltischen Staaten nach Rovaniemi eingeladen, um ihre Erfahrungen mit sicherheitspolitischen Bedrohungen einzubringen.
Grönland und EU-Interessen im Fokus
Unter den Gästen wird auch die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen erwartet, die sich mit Besitzansprüchen von US-Präsident Donald Trump auf Grönland konfrontiert sieht. Die weitgehend autonome, zum Königreich Dänemark gehörende Insel ist wegen ihrer militärstrategischen Lage und vermuteter Bodenschätze von besonderem Interesse. Trump stellt infrage, ob Dänemark Grönland ausreichend vor Russland und China schützen könne.
Obwohl Grönland nicht Mitglied der Europäischen Union ist, hat EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bei einem jüngsten Besuch eine engere Zusammenarbeit angekündigt und ein Investitionspaket von 200 Millionen Euro zugesagt. Mit den Mitteln sollen unter anderem Infrastrukturen ausgebaut werden, die für die Erschließung wertvoller Rohstoffe erforderlich sind.
Arktischer Rat und wachsende Bedrohungen
Neben Dänemark mit Grönland zählen auch Norwegen mit Spitzbergen, Russland, die USA und Kanada zu den arktischen Polarstaaten. Dem Arktischen Rat, der 1996 mit dem Schwerpunkt Umweltschutz gegründet wurde, gehören außerdem Island, Schweden und Finnland an. Gipfelgastgeber Finnland will bei den Beratungen deutlich machen, dass die Arktis als integraler Bestandteil europäischer Sicherheit verstanden werden muss und längst nicht mehr nur aus wissenschaftlicher oder wirtschaftlicher Perspektive betrachtet werden kann.
Als Beispiel für aktuelle Bedrohungen verweisen Norwegen und Großbritannien auf im Frühjahr offengelegte Aktivitäten russischer Unterseeboote im Hohen Norden. Nach Angaben aus Nato-Kreisen sollen die Boote nahe Spitzbergen eine neuartige Technologie erprobt haben, mit der sich Unterseekabel weitgehend spurenlos sabotieren lassen.
Pläne für europäische Eisbrecherfähigkeiten
Die Ergebnisse des Treffens in Rovaniemi sollen in die von der EU-Kommission geplante neue Arktis-Strategie einfließen. Finnland dringt darauf, dass der Ausbau europäischer Eisbrecherfähigkeiten als konkretes Projekt aufgenommen wird. Aus Sicht Helsinkis sind Eisbrecher ein Schlüsselinstrument, um Versorgung, Handel und militärische Präsenz im Hohen Norden auch bei schwierigen Bedingungen sicherzustellen.
Kommissionspräsidentin von der Leyen hat bereits zuvor vorgeschlagen, höhere europäische Verteidigungsausgaben für eine europäische Eisbrecher-Flotte oder entsprechende Fähigkeiten zu nutzen. Ein konkretes Beschaffungsprogramm oder eine festgelegte Zahl neuer Schiffe gibt es bislang allerdings nicht.
EU warnt vor Militarisierung der Arktis
Aus der Delegation der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas heißt es, die Sicherheit der Arktis sei europäische Sicherheit, Europa müsse entsprechend handeln. Der Klimawandel bleibe ein Kernelement der neuen EU-Arktispolitik, zugleich sehe sich die EU mit einer härteren Sicherheitsrealität konfrontiert, in der Russland die Arktis zunehmend militarisiere und China seine Präsenz ausweite.
Der Nordeuropa-Experte Tobias Etzold wertet den Gipfel auch als Signal an die USA. Die EU wolle deutlich machen, dass sie in der Arktis nicht untätig bleibe, sondern ihre eigenen Interessen in der Region aktiv verfolge und sich nicht allein auf die Politik anderer Akteure verlasse.
Arktis als Schauplatz globaler Machtpolitik
Die Beratungen in Rovaniemi unterstreichen, dass die Arktis längst zu einem zentralen Schauplatz geopolitischer Rivalität geworden ist. Klimawandel, neue Schifffahrtsrouten und der Zugang zu Rohstoffen verbinden sich mit sicherheitspolitischen Interessen der Anrainerstaaten und großer Mächte. Für Europa steht die Frage im Raum, wie es in einem von den USA, Russland und China geprägten Umfeld eigene Handlungsspielräume wahrt und seine Infrastrukturen schützt.
Gleichzeitig verknüpft der Gipfel Sicherheit und Klimapolitik enger miteinander. Die Erwärmung der Arktis schreitet deutlich schneller voran als im globalen Durchschnitt, was ökologische Risiken erhöht und zugleich militärische Aktivitäten erleichtert. Für EU-Staaten mit Ostseezugang ist die Region damit nicht mehr fernes Randgebiet, sondern ein direkt mit ihrer eigenen Verwundbarkeit verbundener Raum. Die Diskussion über neue Eisbrecherfähigkeiten zeigt, dass es nicht nur um Strategiepapieren, sondern auch um konkrete Investitionen in kritische Fähigkeiten geht.
Innenpolitischer Druck auf den Kanzler
Die Teilnahme von Friedrich Merz erfolgt vor dem Hintergrund einer innenpolitischen Belastungssituation. Schlechte Wahlergebnisse und Kritik an Personalentscheidungen erhöhen den Druck innerhalb der Union, während unmittelbar bevorstehende Landtagswahlen als weiterer Stimmungstest gelten. In diesem Kontext erhält jede außen- und sicherheitspolitische Bühne zusätzliches Gewicht, weil sie als Maßstab für Führungsstärke und Verlässlichkeit des Kanzlers gelesen wird.
Damit entsteht eine Doppelperspektive: Einerseits soll Deutschland gegenüber EU- und Nato-Partnern Verlässlichkeit demonstrieren, andererseits wird der Auftritt in Rovaniemi innenpolitisch genau beobachtet. Fehler oder Unklarheiten könnten in der innenpolitischen Debatte verstärkt werden, während sichtbare Führungsrolle und abgestimmtes Handeln mit Partnern Merz innenpolitisch nutzen könnten.
Langfristige Weichenstellungen für Europa
Die von der EU-Kommission angestrebte neue Arktis-Strategie und die Debatte über eine europäische Eisbrecherflotte gehören zu langfristigen Weichenstellungen. Entscheidungen in diesem Feld wirken über Legislaturperioden hinaus, da Aufbau, Betrieb und Einsatz solcher Fähigkeiten hohe Investitionen und langfristige Planung erfordern. Zugleich geht es um die Frage, wie stark Europa sich militärisch im Hohen Norden engagiert und welche Rolle zivile Nutzung, Forschung und Klimaschutz künftig spielen.
Der Gipfel in Rovaniemi markiert damit einen Punkt, an dem Europa Sicherheit, wirtschaftliche Chancen und ökologische Verantwortung neu austarieren muss. Für Bürgerinnen und Bürger in EU-Staaten sind die Ergebnisse deshalb nicht nur abstrakte Außenpolitik, sondern können mittelbar etwa über Verteidigungsausgaben, Energiepolitik oder den Schutz digitaler Infrastrukturen spürbar werden.
