Trumps unglaubliche RĂŒckkehr an die Macht
06.11.2024 - 10:02:50Donald Trump ist die Genugtuung ins Gesicht geschrieben. «Es ist ein politischer Sieg, wie ihn unser Land noch nie erlebt hat», ruft der Republikaner seinen AnhĂ€ngern in einem Tagungszentrum im Bundesstaat Florida zu. Er steht umringt von seiner Familie und seinem Vizekandidaten J.D. Vance auf der BĂŒhne, lĂ€sst sich feiern und verspricht eine blĂŒhende Zukunft fĂŒr das Land: «Dies wird wirklich das goldene Zeitalter Amerikas.»Â
Der Trump-nahe Sender Fox News hat ihn kurz zuvor zum Sieger der PrĂ€sidentschaftswahl ausgerufen. Andere Sender und die Nachrichtenagentur AP folgen ein paar Stunden spĂ€ter. Erst dann herrscht Gewissheit - und viele Menschen wachen damit am Morgen nach der Wahl in einem anderen Amerika und einer anderen Welt auf.Â
Die groĂe Ăberraschung in der Wahlnacht
Eigentlich hatte alles nach einem extrem knappen Rennen zwischen ihm und der Demokratin Kamala Harris ausgesehen â und nach einer tagelangen Zitterpartie fĂŒr das Land. Doch am Ende ging alles ganz schnell. Trump legte einen unerwarteten Durchmarsch hin, gewann einen Swing State nach dem anderen und erklĂ€rte sich danach noch in der Wahlnacht selbst zum Sieger - nach der KĂŒr durch Fox News und bevor das Ergebnis wirklich feststand.Â
Mit Trump rĂŒckt zum ersten Mal in der US-Geschichte ein verurteilter StraftĂ€ter auf das höchste Staatsamt auf. Eine zweite Trump-PrĂ€sidentschaft hat dramatische Folgen: Die Amerikaner mĂŒssen um ihre Demokratie bangen, die Ukrainer um die Existenz ihres Landes, die EuropĂ€er um ihre Sicherheit ihres Kontinents, und die Menschen im globalen Westen um das MachtgefĂŒge auf der Welt.
Trump 2.0: Entfesselter, extremer, erratischer
Die USA und die Welt können sich auf einen entfesselten Donald Trump einstellen: selbstbewusster und erbarmungsloser denn je. Und noch extremer und unberechenbarer als in seiner ersten Amtszeit. Der Republikaner hat bereits damals mit nahezu jeder Konvention gebrochen, schwere internationale Verwerfungen ausgelöst und das Verfassungssystem der USA an den Rand des Zusammenbruchs gebracht.Â
Seit dem Abschied aus dem Amt hat er unbeschadet eine Vielzahl an Skandalen, AffĂ€ren und juristischen Desastern ĂŒberstanden, die jedem anderen lĂ€ngst die politische Karriere gekostet hĂ€tten. In einer neuen Amtszeit dĂŒrfte er deshalb erst recht nicht mehr davor zurĂŒckschrecken, weitere Grenzen zu ĂŒberschreiten und Tabus zu brechen.
Gleichzeitig ist Trump gealtert. Im Wahlkampf wirkte der 78-JĂ€hrige mitunter noch erratischer als in seiner Regierungszeit, gab teils zusammenhanglose Monologe von sich, endlose Schimpftiraden und Pöbeleien in alle Richtungen â vor allem rassistische und entmenschlichende AusfĂ€lle gegen Migranten.Â
Trump ist in den vergangenen Jahren noch mehr ins Extrem gerutscht. Und in einer zweiten Amtszeit dĂŒrfte er auch nicht mehr viele moderate Republikaner an seiner Seite haben, die mĂ€Ăigend auf ihn einwirken â sondern vor allem radikale Konservative, die ihn in extremen Positionen nur bestĂ€rken. Als AuĂenminister etwa ist der Hardliner Richard Grenell im GesprĂ€ch, der als Botschafter in Deutschland mit seiner rabiaten Art aneckte.Â
Was Trump vorhat
Trump hat eine radikale Agenda fĂŒr seine zweite Runde im WeiĂen Haus. Er plant die «gröĂte Abschiebeaktion in der amerikanischen Geschichte», um im ganz groĂen Stil Migranten aus dem Land zu jagen. Er möchte etwa das Bildungsministerium abschaffen, StraftĂ€ter der Kapitol-Attacke begnadigen, im Staatsapparat aufrĂ€umen und sich an politischen Gegnern rĂ€chen.
Der Republikaner kokettiert, «Diktator» wolle er nur am ersten Tag einer zweiten Amtszeit sein, und tatsĂ€chlich könnten die USA unter ihm autokratische ZĂŒge bekommen. Er hat Gegnern, Journalisten und MedienhĂ€usern vielfach mit Vergeltung gedroht. Er sprach sich zuletzt sogar dafĂŒr aus, das MilitĂ€r gegen «Feinde im Innern» einzusetzen â also gegen US-BĂŒrger, nĂ€mlich gegen «linksradikale Irre». Als Beispiel nannte er prominente Demokraten.Â
Und international? Trump behauptet unter anderem, dass er den Ukraine-Krieg innerhalb von 24 Stunden beenden und auch den Nahost-Konflikt im Handumdrehen lösen könnte. Gleichzeitig droht er damit, die gewaltigen US-MilitĂ€rhilfen fĂŒr die Ukraine dramatisch zurĂŒckzufahren oder ganz einzustellen, Russlands PrĂ€sident Wladimir Putin bei dessen Eroberungszug in der Nachbarschaft freie Hand zu lassen und anderen Nato-Staaten im Falle eines Angriffs den militĂ€rischen Beistand zu verweigern.
Trump stellt sich selbst gerne als den starken Mann dar, mit dem sich international niemand anlegen wolle und vor dem Autokraten aus anderen Teilen der Welt schlicht Angst hĂ€tten. TatsĂ€chlich ist er aber vor allem eines: unstet und unberechenbar. Damit hatten in seiner ersten Amtszeit Staats- und Regierungschefs aus aller Welt zu kĂ€mpfen. Und damit bekommen sie es nun wieder zu tun â mit unabsehbaren Folgen. Europa und die Nato mĂŒssen sich vorwerfen lassen, dass sie zu lange die Möglichkeit einer Trump-RĂŒckkehr verleugnet und sich nicht ausreichend darauf vorbereitet haben.
Der Unantastbare
Nach der Attacke von Trump-AnhĂ€ngern auf das US-Kapitol Anfang 2021 hatte es fĂŒr einen kurzen Moment so ausgesehen, als habe sich der Republikaner auf alle Zeit fĂŒr jedes Staatsamt disqualifiziert. Damals gingen zunĂ€chst selbst treue WeggefĂ€hrten auf Distanz zu ihm, doch nach und nach kehrte einer nach dem anderen an seine Seite zurĂŒck. Zu sehr hat Trump die Basis im Griff. In den vergangenen Jahren hat Trump bewiesen, dass ihm nichts, aber rein gar nichts politisch etwas anhaben kann. Nicht das Chaos wĂ€hrend seiner Amtszeit, nicht die Amtsenthebungsverfahren, nicht sein Angriff auf die Demokratie, nicht mehrere Anklagen, nicht die Verurteilung in einem Strafverfahren, kein Skandal, keine öffentliche Pöbelei â egal wie rassistisch, sexistisch oder vulgĂ€r sie auch sein mag. Nichts.Â
Das groĂe Warum
Die Amerikaner haben ihn trotzdem gewĂ€hlt â oder gerade deswegen. Dass Trump einmal mehr mit einer Kampagne Erfolg hat, die vor allem auf Hass und Angstmacherei aufgebaut war, sagt viel ĂŒber den Zustand der amerikanischen Gesellschaft aus. Manche haben ihn aus Frust gewĂ€hlt, andere aus Ăberzeugung, wieder andere aus einem einzelnen politischen Grund â etwa wegen seiner Wirtschaftspolitik, wofĂŒr sie ĂŒber den Rest groĂzĂŒgig hinwegsehen.Â
Die hohe Inflation trieb besonders viele WĂ€hler um. Die Amerikaner trauten Trump beim Thema Wirtschaft mehr zu und stellten ihre eigenen Finanzen damit ĂŒber menschliche Tugenden der Kandidaten.Â
Harris konnte mit ihren Warnungen vor Trumps diktatorischen Ambitionen und mit dem Paradethema Abtreibung bei vielen nicht durchdringen. Sie hatte damit zu kÀmpfen, dass sie als VizeprÀsidentin eher unsichtbar blieb und auch die miesen Beliebtheitswerte des Amtsinhabers Joe Biden auf sie abfÀrbten.
Harris konnte zwar bei Frauen mehr punkten als Trump, aber kaum mehr als Biden vor vier Jahren. Trump wiederum schnitt etwa bei Schwarzen und Latinos besser ab als erwartet - aller Hetze gegen Minderheiten und Migranten zum Trotz. Bei Latinos etwa lag er ersten WĂ€hleranalysen des Senders CNN zufolge ganze zwölf Prozentpunkte vor Harris. Und das Attentat auf ihn Mitte Juli, das er nur knapp ĂŒberlebte, hat ihn im Wahlkampf politisch auch nur stĂ€rker gemacht.
Jener Mann also, der als 45. PrĂ€sident der Vereinigten Staaten der Nato mit einem Ausstieg der USA drohte, Grönland kaufen wollte und vorschlug, das Coronavirus durch Injektion von Bleiche in den menschlichen Körper zu bekĂ€mpfen rĂŒckt erneut auf das mĂ€chtigste Amt der Welt auf.Â
In den USA kann jemand zwei Amtszeiten lang PrĂ€sident sein, egal ob diese aufeinanderfolgen oder nicht. Trump bleiben also «nur» noch vier Jahre im WeiĂen Haus. Er hat jedoch in seiner ersten Amtszeit bewiesen, dass dies genug Zeit ist, um das Land auf den Kopf zu stellen - und die Welt.





