NiederlÀnder, Rutte

NiederlÀnder Rutte wird Nachfolger von Stoltenberg

26.06.2024 - 10:24:29

In sicherheitspolitisch schwierigen Zeiten wird der NiederlĂ€nder Mark Rutte neuer GeneralsekretĂ€r der Nato. Ärger in seiner Amtszeit droht nicht nur wegen Russland.

Der scheidende niederlĂ€ndische Regierungschef Mark Rutte ist offiziell zum nĂ€chsten GeneralsekretĂ€r der Nato ernannt worden. Der 57-JĂ€hrige soll Anfang Oktober die Nachfolge des Norwegers Jens Stoltenberg antreten, wie das VerteidigungsbĂŒndnis nach einer Sitzung der stĂ€ndigen Vertreter der 32 Nato-Staaten im BrĂŒsseler Hauptquartier mitteilte. Stoltenberg (65) wird den Spitzenposten dann zehn Jahre ausgeĂŒbt haben.

Stoltenberg sagte zu der Personalentscheidung: «Ich begrĂŒĂŸe es sehr, dass die Nato-VerbĂŒndeten Mark Rutte als meinen Nachfolger ausgewĂ€hlt haben. Mark ist ein wahrer Transatlantiker, eine starke FĂŒhrungspersönlichkeit und jemand, der Konsens bildet.» Er wĂŒnsche ihm viel Erfolg und wisse, dass er die Nato in gute HĂ€nde ĂŒbergebe.

Der Vertrag von Rutte lĂ€uft zunĂ€chst ĂŒber vier Jahre. Der NiederlĂ€nder gilt als Ă€ußerst erfahrener Außenpolitiker. Er war zuletzt knapp 14 Jahre Regierungschef der Niederlande, so lange wie noch keiner vor ihm und war damit auch einer der dienstĂ€ltesten der EU.

Erste Reaktionen

Rutte erklĂ€rte, es sei eine enorme Ehre, zum GeneralsekretĂ€r ernannt zu werden, und dankte den BĂŒndnispartnern fĂŒr ihr Vertrauen. «Die FĂŒhrung dieser Organisation ist eine Verantwortung, die ich sehr ernst nehme», versprach er. Er werde das im Amt im Oktober mit großem Elan antreten.

Staats- und Regierungschefs anderer Nato-Staaten gratulierten dem NiederlĂ€nder. Bundeskanzler Olaf Scholz schrieb etwa auf der Plattform X: «Lieber Mark Rutte, GlĂŒckwunsch! Und gutes Gelingen als Nato-GeneralsekretĂ€r. Selten war unser BĂŒndnis so wichtig wie heute. Deine Erfahrung, sicherheitspolitische Expertise und dein diplomatisches Geschick kommen an die richtige Stelle. Eine gute Wahl fĂŒr Freiheit und Sicherheit.»

Der britische Premierminister Rishi Sunak erklĂ€rte, er sei zuversichtlich, dass Rutte die herausragende Arbeit von Stoltenberg fortsetzen werde, um die Nato stark und vereint zu halten. Ulf Kristersson, Regierungschef von Neu-Nato-Mitglied Schweden, bezeichnete Rutte als «hervorragenden AnfĂŒhrer».

Hauptaufgabe des GeneralsekretĂ€rs der Nato ist es, die politischen Abstimmungsprozesse zwischen den Alliierten zu koordinieren und dafĂŒr zu sorgen, dass auch bei schwierigen Themen ein Konsens erzielt werden kann. Weil er auch HandlungsvorschlĂ€ge machen kann, spielt er damit gerade in Zeiten von Krisen oder Konflikten eine entscheidende Rolle. Zudem reprĂ€sentiert der GeneralsekretĂ€r das VerteidigungsbĂŒndnis auf internationaler Ebene und leitet als oberster Verwaltungsbeamter das Nato-Hauptquartier.

Der Krieg und das Szenario Trump

Eine besonders große Herausforderung dĂŒrfte der neue Job fĂŒr Rutte werden, wenn es nach der US-PrĂ€sidentenwahl im November zu einer RĂŒckkehr von Donald Trump ins Weiße Haus kommen sollte. Äußerungen des Republikaners hatten in der Vergangenheit Zweifel daran geweckt, ob die USA unter seiner FĂŒhrung uneingeschrĂ€nkt zur Beistandsverpflichtung stehen wĂŒrden.

Bereits in seiner Amtszeit von 2017 bis 2021 hatte Trump immer wieder ĂŒber die seiner Ansicht nach zu niedrigen Verteidigungsausgaben von europĂ€ischen Alliierten gewettert und zeitweise sogar mit einem Austritt der USA aus dem BĂŒndnis gedroht.

Selbst wenn es nicht zu einer Wiederwahl Trumps kommt, wird Rutte allerdings stark gefordert sein. Das liegt vor allem daran, dass der Krieg Russlands gegen die Ukraine das sicherheitspolitische Umfeld völlig verĂ€ndert, sich die Alliierten aber zum Beispiel nicht einig darĂŒber sind, ob der Ukraine in diesen Zeiten eine klare Perspektive fĂŒr eine Aufnahme in die Nato gegeben werden sollte oder nicht.

LĂ€nder wie Deutschland und die USA sind dagegen, weil sie befĂŒrchten, dass ein solcher Schritt dazu fĂŒhren könnte, dass Russland seinen Krieg noch aggressiver fortfĂŒhrt. LĂ€nder wie Polen oder die baltischen Staaten sehen das Risiko hingegen nicht.

Lange Blockade durch Ungarn und RumÀnien

Vorausgegangen war der Ernennung Ruttes eine monatelange Blockade der Personalie durch Mitgliedstaaten wie Ungarn und RumĂ€nien. Erst in der vergangenen Woche hatten sie ihren Widerstand gegen den NiederlĂ€nder aufgegeben und so den Weg fĂŒr den notwendigen Konsens im Nordatlantikrat freigemacht.

Ungarn lenkte ein, nachdem Rutte auf ungarische Forderungen eingegangen war. Dabei ging es unter anderem darum, dass Ungarn sich sicher sein will, nicht zu einer Beteiligung an einem geplanten Nato-Einsatz zur Koordinierung von Waffenlieferungen fĂŒr die Ukraine gedrĂ€ngt zu werden.

Die Regierung von MinisterprĂ€sident Viktor Orban befĂŒrchtet, dass das BĂŒndnis durch das Projekt in eine direkte Konfrontation mit Russland getrieben werden könnte. Aus RumĂ€nien war StaatsprĂ€sident Klaus Iohannis selbst Kandidat fĂŒr den Posten gewesen. Nach der Entscheidung Orbans zog er seine Bewerbung aber offiziell zurĂŒck.

Bundeskanzler Olaf Scholz hatte sich bereits im Februar öffentlich hinter Rutte gestellt. Weitere UnterstĂŒtzung kam damals auch aus den USA und Großbritannien.

Als Hintergrund der von Anfang an aussichtslosen Kandidatur des RumĂ€nen Iohannis galt in BĂŒndniskreisen dessen ungewisse berufliche Zukunft. So wurde vermutet, dass es Iohannis vor allem darum ging, als Alternative irgendeinen anderen internationalen Spitzenposten angeboten zu bekommen. Die zweite Amtszeit des RumĂ€nen als StaatsprĂ€sident endet im Herbst und er kann dann in RumĂ€nien kein weiteres Mal mehr antreten.

Stoltenberg-Vertrag lÀuft bis zum 1. Oktober

Der derzeitige Vertrag des amtierenden Nato-GeneralsekretĂ€rs Stoltenberg lĂ€uft noch bis 1. Oktober. Der 65-JĂ€hrige hatte in der Vergangenheit schon mehrfach angekĂŒndigt, den Posten aufgeben zu wollen. Im vergangenen Sommer scheiterten allerdings erneut Versuche der Mitgliedstaaten, sich auf einen Nachfolger zu einigen.

Damals hatten als mögliche AnwĂ€rter fĂŒr die Nachfolge Stoltenbergs unter anderem die dĂ€nische MinisterprĂ€sidentin Mette Frederiksen und der damalige britische Verteidigungsminister Ben Wallace gegolten. In der Geschichte des BĂŒndnisses ist Stoltenberg mittlerweile der am zweitlĂ€ngsten amtierende GeneralsekretĂ€r. Am lĂ€ngsten war bislang der NiederlĂ€nder Joseph Luns der höchste internationale Beamte der Allianz. Er amtierte von 1971 bis 1984.

@ dpa.de