Chaos im Gazastreifen: Zehntausende auf der Flucht
14.10.2023 - 16:51:10 | dpa.deVor einer erwarteten israelischen Bodenoffensive sind im Gazastreifen Zehntausende Zivilisten auf der Flucht in den SĂŒden des Gebiets. Die israelische Armee hatte ĂŒber zwei zeitlich begrenzte Fluchtrouten informiert, die bis zum Samstagnachmittag von Angriffen verschont bleiben sollten.
Seit den beispiellosen Hamas-Massakern in Israel am Samstag vergangener Woche fliegt das israelische MilitĂ€r heftige Luftangriffe auf Ziele im Gazastreifen. Dabei wurden nach Angaben des israelischen MilitĂ€rs vom Samstag auch zwei der mutmaĂlichen Hamas-Drahtzieher der blutigen Angriffe getötet. Die Zerstörungen sind massiv. Insgesamt starben im Gazastreifen mehr als 2200 Menschen, ĂŒber 8700 wurden verletzt, wie das Gesundheitsministerium mitteilte.
Scharfe Kritik an Israel von NachbarlÀndern
Saudi-Arabien und auch Ăgypten, mit dem Israel schon 1979 Frieden geschlossen hat, kritisierten den Aufruf des israelischen MilitĂ€rs zur Massenevakuierung von mehr als einer Million Bewohnern des nördlichen Gazastreifens scharf. Saudi-Arabien lehne die «Zwangsumsiedlung ab», teilte das AuĂenministerium mit. Alle Formen der militĂ€rischen Eskalation, die sich gegen Zivilisten richteten, mĂŒssten gestoppt werden. Den Menschen im Gazastreifen seien die Grundvoraussetzungen fĂŒr ein menschenwĂŒrdiges Leben entzogen worden, was «einen VerstoĂ gegen das humanitĂ€re Völkerrecht» darstelle, hieĂ es aus Riad. Ăgypten sprach von «einer schwerwiegenden Verletzung der Regeln des humanitĂ€ren Völkerrechts».
Konflikt gefÀhrdet israelisch-arabische Normalisierung
Die harte israelische Reaktion im Gazastreifen auf den blutigen Ăberfall der islamistischen Hamas auf Israel mit mindestens 1300 Toten gefĂ€hrdet die Normalisierung des jĂŒdischen Staates mit seinen arabischen Nachbarn. Saudi-Arabien stoppte am Samstag GesprĂ€che ĂŒber eine mögliche Aufnahme von Beziehungen mit Israel, wie die Deutsche Presse-Agentur aus saudischen Diplomatenkreisen erfuhr.
Israels Erzfeind Iran erklĂ€rte eine mögliche AnnĂ€herung zwischen Israel und Saudi-Arabien damit schon fĂŒr gescheitert. «Das ist völlig vom Tisch», meinte Irans AuĂenminister Hussein Amirabdollahian in der libanesischen Hauptstadt Beirut.
Scholz und Netanjahu warnen vor FlÀchenbrand
Bundeskanzler Olaf Scholz sicherte den Menschen in Israel in einem Telefonat mit MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu erneut die volle SolidaritĂ€t Deutschlands zu. Beide seien sich einig gewesen, «dass es gilt, einen regionalen FlĂ€chenbrand und insbesondere das Eingreifen der Hisbollah in den Konflikt zu vermeiden», teilte Regierungssprecher Steffen Hebestreit. Die Schiitenorganisation im SĂŒdlibanon ist ein enger VerbĂŒndeter des Irans und war bereits 2006 in einen Krieg mit Israel verwickelt. In den vergangegen Tagen kam es an der Grenze zu mehreren Gefechten mit Toten auf beiden Seiten.
USA und Saudi-Arabien betonen Zusammenarbeit
Die USA und Saudi-Arabien betonen indessen ihre Zusammenarbeit. Der gemeinsame Austausch sei wichtig, sagte US-AuĂenminister Antony Blinken bei einem Treffen mit seinem saudischen Amtskollegen Faisal bin Farhan Al Saud am Samstag in Riad laut einem Transkript des US-AuĂenministeriums. Dieser Ă€uĂerte sich demnach Ă€hnlich. Es sei wichtig sicherzustellen, dass dieser Konflikt nicht auf andere Orte und andere Fronten ĂŒbergreife.
US-PrĂ€sident Joe Biden sprach mit Israels Premierminister Netanjahu und PalĂ€stinenserprĂ€sident Mahmud Abbas ĂŒber den Schutz der Zivilbevölkerung angesichts des blutigen Konflikts gesprochen. Mit Netanjahu habe Biden sich in einem Telefonat am Samstag ĂŒber den Zugang «unschuldiger Zivilisten» zu Wasser, Lebensmitteln und medizinischer Versorgung ausgetauscht, teilte das WeiĂe Haus mit. Biden habe dabei seine UnterstĂŒtzung fĂŒr alle BemĂŒhungen zum Schutz der Zivilbevölkerung bekrĂ€ftigt.
Wasser im Gazastreifen wird knapp
Das UN-Hilfswerk fĂŒr PalĂ€stinensische FlĂŒchtlinge (UNRWA) warnte mit drastischen Worten vor einer lebensbedrohlichen Wasserknappheit fĂŒr die Menschen im Gazastreifen durch die israelische Blockade. «Es ist eine Frage von Leben und Tod geworden», sagte Philippe Lazzarini, UNRWA-Generalkommissar. Es mĂŒsse dringend Treibstoff geliefert werden, um Wasser fĂŒr zwei Millionen Menschen bereitstellen zu können. «Die Menschen, darunter kleine Kinder, Ăltere und Frauen, werden an schwerer Dehydrierung sterben», warnte Lazzarini.
Israel macht Ende der Blockade von Geiselfreilassung abhÀngig
Nach den blutigsten Massakern an israelischen Zivilisten seit der StaatsgrĂŒndung hat Israel den nur 40 Kilometer langen und zwischen sechs und zwölf Kilometern breiten KĂŒstenstreifen abgeriegelt. Die Wiederaufnahme der Versorgung macht die Regierung von der Freilassung von bis zu 150 von der Hamas verschleppten Israelis abhĂ€ngig. Einem unbestĂ€tigten Medienbericht zufolge bargen israelische Soldaten bei ersten begrenzten Kommandounternehmen im Gazastreifen Leichen von Verschleppten. Die Hamas berichtete, bisher seien 22 Geiseln durch israelischen Beschuss gestorben.
Baerbock: Intensiver Einsatz fĂŒr Freilassung der Geiseln
Nach KrisengesprĂ€chen in Ăgypten appelierte AuĂenministerin Annalena Baerbock eindringlich an die Hamas, alle aus Israel verschleppten Geiseln freizulassen. Der Bundesregierung seien acht FĂ€lle von deutschen Staatsangehörigen unter ihnen bekannt - die meisten Doppelstaatler, sagte die GrĂŒnen-Politikerin nach einem Treffen mit ihrem Ă€gyptischen Kollegen Samih Schukri in Kairo. Man nutze alle KanĂ€le, «um alles dafĂŒr zu tun, dass diese unschuldigen Menschen freigelassen werden».
Irans AuĂenminister warnt Israel vor Angriffen gegen Hisbollah
Irans AuĂenminister warnte Israel vor Angriffen gegen die Schiitenorganisation Hisbollah im SĂŒdlibanon. «Hinsichtlich der Szenarien gegen die Hisbollah wird jede Aktion ein Erdbeben gegen die Zionisten sein», sagte Amirabdollahian in Beirut.
International wĂ€chst die Sorge, dass sich der Konflikt zu einem FlĂ€chenbrand entwickelt. Viele Beobachter blicken dabei auf die Hisbollah, die mit der Hamas verbĂŒndet ist und bereits 2006 in einen Krieg mit Israel verwickelt war. Die Organisation gilt als treuer VerbĂŒndeter des Irans. Seit dem vergangenen Wochenende kam es an der israelisch-libanesischen Grenze zu mehreren Gefechten mit Toten auf beiden Seiten. Auch ein Reuters-Journalist wurde getötet.
Experten hatten die Vermutung geĂ€uĂert, dass es die islamistische Hamas mit ihrem verheerenden Angriff auf Israel darauf abgesehen haben könnte, die unter Vermittlung der USA angestrebte Normalisierung zwischen Israel und Saudi-Arabien zu verhindern.
UN warnen vor Katastrophe
Die UN befĂŒrchten nach Angaben eines Sprechers eine «katastrophale Situation», sollte die Armee in das dicht besiedelte KĂŒstengebiet einmarschieren. Augenzeugen berichteten von Panik unter der Bevölkerung. Die UN forderten Israel auf, die Anweisung zur Evakuierung der etwa 1,1 Millionen Menschen zu widerrufen. UN-GeneralsekretĂ€r AntĂłnio Guterres forderte sofortigen Zugang zum Gazastreifen fĂŒr humanitĂ€re Hilfe. Auch der EU-AuĂenbeauftragter Josep Borrell bezeichnete die Massenevakuierung als unmöglich.
US-PrĂ€sident Joe Biden sicherte Israel erneut die SolidaritĂ€t zu, Ă€uĂerte sich aber ebenfalls besorgt. «Wir dĂŒrfen die Tatsache nicht aus den Augen verlieren, dass die ĂŒberwĂ€ltigende Mehrheit der PalĂ€stinenser nichts mit Hamas oder den abstoĂenden Attacken der Hamas zu tun hat», sagte Biden.
AuswÀrtiges Amt: 2800 Deutschen und Angehörigen bei Ausreise geholfen
Das AuswĂ€rtige Amt hat nach eigenen Angaben etwa 2800 BundesbĂŒrger und Familienmitglieder bei der Ausreise aus Israel unterstĂŒtzt. Die Menschen hĂ€tten das Land nach Beginn der Angriffe der islamistischen Hamas vor einer Woche zu Land, Luft und See verlassen. An diesem Sonntag gebe es eine Ausreisemöglichkeit mit SonderflĂŒgen der Fluggesellschaft Condor aus der jordanischen Stadt Akaba, die direkt an der SĂŒdgrenze Israels liegt.
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