Massenflucht im Gazastreifen geht weiter
29.12.2023 - 04:58:08Israels VorrĂŒcken gegen die islamistische Hamas zwingt erneut Tausende palĂ€stinensische Zivilisten zur Flucht innerhalb des abgeriegelten KĂŒstenstreifens. Die von Israel angeordnete Evakuierung des mittleren Gazastreifens fĂŒhre zur «erzwungenen Vertreibung» weiterer Bewohner, schrieb das UN-PalĂ€stinenserhilfswerks UNRWA auf der Plattform X (vormals Twitter).
Mehr als 150.000 Menschen - Kinder, Frauen mit Babys, Menschen mit Behinderungen und Ăltere - könnten «nirgendwo hin». Derweil gehen die KĂ€mpfe auch in Chan Junis im SĂŒdosten weiter. Dort will der PalĂ€stinensische Rote Halbmond ein FlĂŒchtlingslager bauen, teilte der Rettungsdienst am Donnerstag mit.
Damaskus: Israel greift Ziele in Syrien an
Unterdessen hat Israel nach Angaben aus Damaskus auch erneut Gebiete im benachbarten Syrien angegriffen. Die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana berichtete unter Berufung auf MilitĂ€rkreise am spĂ€ten Donnerstagabend, Israels MilitĂ€r habe «die sĂŒdliche Region» aus der Luft attackiert. Syriens Luftverteidigung habe einige der abgefeuerten Raketen abgefangen. Es habe SachschĂ€den gegeben.
Die Syrische Beobachtungsstelle fĂŒr Menschenrechte mit Sitz in London berichtete, dass auch Gebiete nahe dem Flughafen von Damaskus von israelischen Raketen getroffen worden seien. Das israelische MilitĂ€r prĂŒft die Angaben derzeit. Israels Luftwaffe bombardiert immer wieder Ziele in Syrien. Israel will verhindern, dass sein Erzfeind Iran und mit ihm verbĂŒndete Milizen ihren militĂ€rischen Einfluss in Syrien ausweiten. Der Iran ist einer der wichtigsten VerbĂŒndeten Syriens.
US-MilitĂ€r schieĂt Drohnen und Raketen ab
Das US-MilitĂ€r schoss derweil im SĂŒden des Roten Meeres eigenen Angaben zufolge erneut eine Drohne und eine Rakete der im Jemen basierten Huthi-Rebellen ab. Sie seien am frĂŒhen Donnerstagabend Ortszeit von den Huthis abgefeuert worden, teilte das zustĂ€ndige Regionalkommando des US-MilitĂ€rs am Morgen auf X mit. Berichten zufolge sei bei dem Vorfall am Donnerstag keines der 18 Schiffe in der Umgebung beschĂ€digt worden. Seit Ausbruch des Gaza-Kriegs greifen die Huthis immer wieder Schiffe im Roten Meer mit Drohnen und Raketen an und feuern Geschosse auch direkt auf Israel.
Minister: NĂ€chste Kriegsphase wird heftig
Israel setzt ungeachtet dessen den Kampf gegen die Hamas in Gaza fort. Nach einem Besuch des SĂŒdkommandos der Armee sagte Benny Gantz, Minister in Israels Kriegskabinett, laut einem Bericht der Nachrichtenseite Ynet, die StreitkrĂ€fte seien bereit fĂŒr die nĂ€chste Phase im Krieg gegen die Hamas. Diese Phase werde kraftvoller sein als «die Hamas sich vorstellt», wurde Gantz am Donnerstag zitiert.
Angesichts der hohen Zahl auch ziviler Todesopfer im Gazastreifen ist der israelische MilitĂ€reinsatz international stark kritisiert worden. Wenn sich die Hamas «sofort von allen Zivilisten» entfernen wĂŒrde, «wird die humanitĂ€re Krise ein Ende haben», sagte Doron Spielman, Sprecher der israelischen Armee, in der Nacht dem Sender CNN. Israel wirft der Terrororganisation vor, Zivilisten im Gazastreifen gezielt als menschliche Schutzschilde zu missbrauchen.
UN warnen vor Hungerkatastrophe
Laut dem UN-PalĂ€stinenserhilfswerk UNRWA sind 40 Prozent der Bevölkerung von einer Hungerkatastrophe bedroht. «Jeder Tag ist ein Kampf ums Ăberleben, um das Finden von Nahrung und Wasser», schrieb der Gaza-Direktor von UNRWA, Thomas White, am Donnerstag auf X. «Die einzige verbleibende Hoffnung ist ein humanitĂ€rer Waffenstillstand.» Der abgeriegelte Gazastreifen ist kaum gröĂer als die Stadt MĂŒnchen.
Der PalĂ€stinensische Rote Halbmond will in Chan Junis im SĂŒdosten zunĂ€chst 300 Zelte fĂŒr vertriebene Familien errichten. SpĂ€ter solle die KapazitĂ€t auf 1000 Zelte erweitert werden, um Hunderten von vertriebenen Familien in der sĂŒdlichen Region des Gazastreifens eine Unterkunft zu bieten, teilte der Rettungsdienst auf X weiter mit.
Israel vermutet, dass sich in Chan Junis die FĂŒhrungsspitze der islamistischen Hamas versteckt hĂ€lt. Auf diese Region konzentriert die Armee derzeit ihre KĂ€mpfe. Bei einem weiteren israelischen Angriff auf ein GebĂ€ude in der NĂ€he des Al-Amal-Krankenhauses in Chan Junis seien am Donnerstag zehn Menschen getötet und zwölf weitere verletzt worden, hatte der PalĂ€stinensische Halbmond mitgeteilt.
Hamas-Behörde: 187 Tote innerhalb eines Tages
Bei neuen israelischen Angriffen im Gazastreifen sind nach Darstellung der von der islamistischen Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde innerhalb eines Tages 187 Menschen getötet worden. 312 PalĂ€stinenser seien zudem verletzt worden, teilte die Behörde mit. Die Angaben lieĂen sich zunĂ€chst nicht unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒfen. Die Zahl der insgesamt seit Kriegsbeginn im Gazastreifen getöteten PalĂ€stinenser stieg demnach auf 21.507.
Bericht: Hunderte demonstrieren in Israel
In Israel haben derweil Hunderte Menschen in der Stadt Tel Aviv einem israelischen Medienbericht zufolge gegen den Krieg demonstriert. Sie forderten am Donnerstagabend ein Ende der KĂ€mpfe, die Freilassung der noch festgehaltenen Geiseln sowie eine Ende der israelischen Besatzung, wie die Zeitung «Haaretz» berichtete. Auch in Jerusalem demonstrierten demnach Hunderte fĂŒr die Freilassung der nach israelischen Informationen noch knapp 130 festgehaltenen Geiseln.
Armee: Schlechte Sicht, PanzerlÀrm
Nach der versehentlichen Tötung dreier Geiseln im Norden Gazas durch israelische Soldaten vor zwei Wochen hat das MilitÀr neue Erkenntnisse zu dem Vorfall veröffentlicht. Der Soldat, der zunÀchst zwei der Geiseln tötete, habe nur eingeschrÀnkte Sicht auf die Geiseln gehabt, teilte die israelische Armee gestern mit. Zudem hÀtten zwei Soldaten den Befehl, das Feuer einzustellen, wegen PanzerlÀrms nicht gehört und spÀter den dritten Mann erschossen.
Auslöser des Kriegs war das schlimmste Massaker in der Geschichte Israels am 7. Oktober, bei dem Terroristen der Hamas und anderer extremistischer Gruppen rund 1200 Menschen in Israel ermordeten und rund 240 weitere in den Gazastreifen verschleppten. Israel reagierte auf die verheerenden Terrorangriffe mit massiven Luftangriffen und einer Bodenoffensive. Laut der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde wurden dabei bislang rund 21.320 Menschen getötet.


