Netanjahu: Zweite Phase des Gaza-Krieges hat begonnen
28.10.2023 - 22:53:29Mit der Ausweitung der BodeneinsÀtze des israelischen MilitÀrs im Gazastreifen hat nach Angaben von Israels MinisterprÀsident Benjamin Netanjahu die zweite Phase des Krieges gegen die Hamas begonnen.
Ziel sei es, die militĂ€rischen FĂ€higkeiten sowie die Herrschaft der Islamistenorganisation zu zerstören und die Geiseln nach Hause zurĂŒckzubringen, sagte er Abend in Tel Aviv. Die massiven Luftangriffe der vergangenen Wochen hĂ€tten der Hamas einen «schweren Schlag» versetzt. «Allerdings stehen wir erst am Anfang», betonte er. Der Krieg werde «schwierig und langwierig».
Armeeangaben zufolge waren in der Nacht israelische Bodentruppen in den Norden des abgeriegelten KĂŒstenstreifens vorgedrungen. Anders als bei begrenzten EinsĂ€tzen dieser Art in frĂŒheren NĂ€chten zogen sich die PanzerverbĂ€nde jedoch zunĂ€chst nicht wieder zurĂŒck. Beteiligt seien Infanterie, Panzertruppen, Ingenieurkorps und Artillerie, hieĂ es. Dem MilitĂ€r zufolge sollen vermehrt unterirdische Ziele und terroristische Infrastruktur angegriffen werden.
Zahl der bestÀtigten Geiseln steigt weiter
Netanjahu war zuvor mit Familien von Geiseln zusammengetroffen. Armeeangaben zufolge wurden die Familien von 230 Geiseln informiert. Erwartet wird, dass die Zahl weiter steigen könnte. Die vier von der islamistischen Hamas bereits freigelassenen Geiseln sind nach MilitĂ€rangaben bei der Zahl nicht mitgerechnet. Bei den Angriffen von Terroristen der Hamas am 7. Oktober waren in Israel 1400 Menschen getötet und mehr als 200 Menschen entfĂŒhrt worden, darunter auch einige deutsche StaatsbĂŒrger.
Vertreter der Angehörigen forderten einen Gefangenenaustausch. Israel solle die Freilassung aller palĂ€stinensischen HĂ€ftlinge im Austausch fĂŒr alle Geiseln erwĂ€gen. Netanjahu sagte, ein Austausch werde debattiert. Details wollte er nicht nennen. Die Bedingungen eines solchen Abkommens offenzulegen, werde nicht dabei helfen, ihn zu verwirklichen. Der Chef der islamistischen Hamas, Jihia al-Sinwar, behauptete, die PalĂ€stinenserorganisation sei bereit, ein Abkommen ĂŒber einen Gefangenenaustausch sofort abzuschlieĂen.
Israels MilitÀr ruft zu weiteren Evakuierungen auf
Die israelische Armee rief die noch im Norden des Gazastreifens verbliebenen Menschen erneut dringend auf, sich im SĂŒden in Sicherheit zu bringen. Das «Zeitfenster» schlieĂe sich schnell, hieĂ es. Hilfsorganisationen beklagten, dass der Ausfall fast aller Telefon- und Internetverbindungen die Hilfe fĂŒr Opfer des Krieges noch schwieriger mache. Es war die Rede von Panik und Chaos.
UN-Hilfswerk besorgt
Das UN-PalĂ€stinenserhilfswerks UNRWA beklagte, zur «groĂen Mehrheit» seiner Mitarbeiter im Gazastreifen keinen Kontakt mehr zu haben. UNRWA-Generalkommissar Philippe Lazzarini bezeichnete den Ausfall der Kommunikationsdienste als «einen weiteren Versuch, die humanitĂ€re Antwort fĂŒr die Zivilisten im Gazastreifen» zu behindern. Das Hilfswerk werde sich davon aber nicht entmutigen lassen.
Die Versorgungslage im Gazastreifen war schon vor Kriegsbeginn sehr schlecht und hat sich durch die laufenden KÀmpfe noch verschlimmert. Fast die HÀlfte der gut 2,2 Millionen Menschen im Gazastreifen sind Kinder und Jugendliche. Bei den israelischen GegenschlÀgen in den vergangenen drei Wochen sind nach Angaben des von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums in dem PalÀstinensergebiet mehr als 7703 Menschen ums Leben gekommen.
UN-GeneralsekretÀr fordert sofortigen Waffenstillstand
UN-GeneralsekretĂ€r AntĂłnio Guterres rief erneut zu einem «sofortigen humanitĂ€ren Waffenstillstand» auf. Er sei ĂŒberrascht ĂŒber die «beispiellose Eskalation» der Bombardierungen, sagte Guterres. Er forderte auch die bedingungslose Freilassung aller Geiseln und die Bereitstellung von HilfsgĂŒtern fĂŒr die Menschen im Gazastreifen. Dort spiele sich «vor unseren Augen» eine humanitĂ€re Katastrophe ab.
Spannungen zwischen Israel und TĂŒrkei verschĂ€rft
Nach «harschen ĂuĂerungen» aus der TĂŒrkei rief Israel seine diplomatischen Vertreter aus Ankara ab. Sein Land werde eine Neubewertung der Beziehungen zur TĂŒrkei vornehmen, schrieb AuĂenminister Eli Cohen auf der Plattform X. Botschafterin Irit Lillian und weitere Botschaftsmitarbeiter hatten die TĂŒrkei bereits verlassen. Israel hatte zuvor auch seine StaatsbĂŒrger zum Verlassen der TĂŒrkei aufgefordert. Hintergrund war die Sorge vor AnschlĂ€gen.
Der tĂŒrkische PrĂ€sident Recep Tayyip Erdogan warf Israel auf einer pro-palĂ€stinensischen Demonstration in Istanbul «Kriegsverbrechen» vor. Zuvor hatte Erdogan die islamistische Hamas schon als «FreiheitskĂ€mpfer» bezeichnet. Die USA, Europa und Israel stufen die Hamas als Terrororganisation ein, die TĂŒrkei nicht.
Bodeneinsatz ausgeweitet
Israels Armeesprecher Daniel Hagari sagte, Israel schreite «in den Kriegsphasen voran». In der Nacht «sind israelische Truppen in den Norden des Gazastreifens vorgedrungen und haben den Bodeneinsatz ausgeweitet». Es seien mehrere ranghohe Kommandeure der islamistischen Hamas getötet worden. Darunter sind nach MilitĂ€rangaben auch ein Hamas-Marinekommandeur sowie der fĂŒr Luftangriffe zustĂ€ndige Hamas-AnfĂŒhrer Asem Abu Rakaba.
Weiter Raketenangriffe aus Gaza auf israelische StÀdte
Militante PalĂ€stinenser schossen auch wieder Raketen aus dem Gazastreifen auf israelische StĂ€dte. In israelischen Ortschaften im Grenzgebiet heulten mehrmals Warnsirenen. Auch im GroĂraum Tel Aviv gab es erneut Raketenalarm, ebenso in der KĂŒstenstadt Aschkelon. In der WĂŒstenstadt Beerscheva wurde nach Polizeiangaben ein GebĂ€ude durch eine Rakete getroffen. Israelische Medien berichteten, auch in den StĂ€dten Holon, Kiriat Ono und Ramat Gan, alles Vororte von Tel Aviv, seien Raketen eingeschlagen - Ă€hnlich in Aschdod in der NĂ€he des Gazastreifens. Ăber Verletzte wurde zunĂ€chst nichts bekannt.
Neue Gefechte an Israels Grenze zum Libanon
An Israels Grenze zum Libanon kam es wieder zu Gefechten. Mehrere Panzerabwehrraketen und Mörsergranaten seien vom Libanon aus auf Israel abgefeuert worden, teilte die israelische Armee mit. Israels MilitĂ€r habe zurĂŒckgeschossen und militĂ€rische Einrichtungen der libanesischen Schiitenmiliz Hisbollah angegriffen. An der Grenze kommt es seit Beginn des Gaza-Kriegs zunehmend zu ZwischenfĂ€llen. Auf beiden Seiten gab es bereits Todesopfer. Die Hisbollah ist wie die Hamas mit Israels Erzfeind Iran verbĂŒndet.













