Israel-Wahl: 66,7 Prozent Beteiligung bis 17 Uhr
Veröffentlicht am: 27.10.2026 um 18:22 Uhr | dpa, AD HOC NEWSAuszählung und Regierungsauftrag
- Rund 7,3 Millionen Wahlberechtigte bestimmen die 120 Mitglieder der Knesset.
- Die Wahllokale sollen um 21.00 Uhr MEZ schließen, erste Prognosen werden danach erwartet.
- Vorläufige Endergebnisse werden am Donnerstag erwartet, offiziell soll das Ergebnis acht Tage später vorliegen.
Israel wählt neue Knesset
Bei der Parlamentswahl in Israel zeichnet sich eine hohe Beteiligung sowie ein enges Rennen zwischen dem Lager von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und seinen politischen Gegnern ab. Die Abstimmung gilt als entscheidend für die innenpolitische Ausrichtung des Landes, ein Kurswechsel in der Palästinenserpolitik erscheint nach Aussagen führender Politiker jedoch unwahrscheinlich.
Rund 7,3 Millionen Wahlberechtigte sind aufgerufen, die 120 Abgeordneten der Knesset zu bestimmen. Die Wahllokale sollen um 21.00 Uhr MEZ schließen, anschließend werden erste Prognosen auf Grundlage von Nachwahlbefragungen erwartet.
Beteiligung steigt deutlich
Nach Angaben der zentralen Wahlkommission zeichnet sich die höchste Wahlbeteiligung seit Beginn der Erfassung im Jahr 1973 ab. Um 17.00 Uhr MEZ lag sie bei 66,7 Prozent, nachdem es bei der Wahl 2022 zur selben Zeit 55,7 Prozent gewesen waren.
Vor Wahllokalen in Tel Aviv und in arabisch geprägten Städten bildeten sich lange Schlangen. Nach Medienangaben reisten mehr als 70.000 Israelis aus dem Ausland an, um ihre Stimme abzugeben.
Soldatenstimmen werden später ausgezählt
Die Stimmen von Hunderttausenden Soldaten und Reservisten werden turnusmäßig erst ab Mittwoch ausgezählt. Dieser Wählergruppe wird eine starke Unterstützung rechter Parteien zugeschrieben.
Mit vorläufigen Endergebnissen wird am Donnerstag gerechnet. Die offiziellen Ergebnisse sollen acht Tage nach der Wahl veröffentlicht werden.
Koalitionsbildung bleibt offen
Danach beauftragt Präsident Izchak Herzog den Kandidaten mit der Regierungsbildung, dem die besten Chancen eingeräumt werden. Dieser hat zunächst vier Wochen Zeit, eine Koalition zu schmieden.
Nach den letzten Umfragen zeichnet sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Netanjahu und seinem wichtigsten Herausforderer Gadi Eisenkot ab, der an der Spitze der Mitte-Partei Jaschar antritt. Voraussichtlich wird kein Lager die für eine Regierung nötigen 61 Stimmen erreichen.
Auch eine Pattsituation ist möglich. In diesem Fall könnte Netanjahu zunächst an der Spitze einer Übergangsregierung im Amt bleiben, bis erneut gewählt wird.
Wahlkampf im Zeichen von Sicherheit und Demokratie
Es ist die erste Wahl seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 und dem anschließenden Gaza-Krieg. Der Wahlkampf wurde von Fragen der Sicherheit, der Demokratie und Netanjahus persönlicher Verantwortung für den Terrorangriff geprägt.
Zu den innenpolitischen Konflikten gehören der umstrittene Umbau der Justiz und der Streit über die Wehrpflicht für Ultraorthodoxe. Außenpolitisch stehen der Gaza-Plan, der Libanon-Konflikt und die weitere Konfrontation mit Iran im Mittelpunkt.
Die Wahl ist die erste Parlamentsentscheidung seit dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 und dem anschließenden Gaza-Krieg. Damit verbindet sich die innenpolitische Auseinandersetzung über Netanjahus Verantwortung, die Sicherheitsstrategie und den Umgang mit den Folgen des Krieges.
Die hohe Beteiligung deutet auf eine starke Mobilisierung hin. Sie allein entscheidet jedoch nicht über die Regierungsbildung: Maßgeblich ist, ob eines der politischen Lager gemeinsam mit seinen Partnern die erforderliche Mehrheit von 61 der 120 Knesset-Sitze erreicht.
Koalitionen entscheiden über den nächsten Kurs
Ein Regierungswechsel würde voraussichtlich nicht automatisch eine grundlegende Änderung der israelischen Außen- und Sicherheitspolitik bedeuten. Auch Oppositionskräfte lehnen einen palästinensischen Staat überwiegend ab und verbinden weitere Schritte im Gaza- und Libanon-Konflikt mit Sicherheitsbedingungen.
Innenpolitisch könnte sich der Schwerpunkt dennoch verschieben. Die umstrittene Justizreform, der Streit über die Wehrpflicht ultraorthodoxer Männer und die politische Verantwortung für den 7. Oktober gehören zu den Themen, die die Gesellschaft tief spalten.
Entscheidend wird deshalb nicht nur das Wahlergebnis, sondern auch die anschließende Suche nach Koalitionspartnern. Die Auszählung der Soldatenstimmen kann das Kräfteverhältnis noch beeinflussen; danach beginnt das formale Verfahren zur Regierungsbildung unter Präsident Izchak Herzog.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
taz: „Enorm hohe Wahlbeteiligung in Israel“ (27.10.2026)
Der Beitrag hebt die starke Beteiligung hervor und bestätigt damit den im dpa-Bericht beschriebenen Mobilisierungseffekt. Im Mittelpunkt steht dort stärker die Wahlbeteiligung als das offene Rennen um die Regierungsbildung.
Frankfurter Rundschau: „Wahlen in Israel 2026: Erste Zahlen deuten historischen Rekordwert an“ (27.10.2026)
Die Frankfurter Rundschau ordnet die Wahl als besonders bedeutend für Benjamin Netanjahu ein und verweist auf seine lange Amtszeit. Anders als der taz-Beitrag konzentriert sich der Artikel stärker auf die politische Fallhöhe für den Ministerpräsidenten.
Über eine hohe Beteiligung besteht Übereinstimmung. Offen bleibt, ob daraus ein klarer Mehrheitsblock entsteht oder schwierige Koalitionsverhandlungen folgen.
