Israel-Wahl 2026, Benjamin Netanjahu

Israel-Wahl: Netanjahus Lager verfehlt Mehrheit

Veröffentlicht am: 28.10.2026 um 14:13 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Benjamin Netanjahus Lager liegt nach der Parlamentswahl vorn, verfehlt aber die absolute Mehrheit. Die Opposition um Gadi Eisenkot könnte für eine Regierungsbildung auf arabische Parteien angewiesen sein.

Herzogs Auftrag und mögliche Neuwahl

  • Die arabischen Parteien erreichen nach bisherigem Stand 17 Sitze und könnten damit über die Regierungsbildung entscheiden.
  • Rechnerisch kommen Eisenkots Lager und die arabischen Parteien gemeinsam auf 66 Sitze im Parlament.
  • Staatspräsident Izchak Herzog will kommende Woche Konsultationen zur Regierungsbildung beginnen.
  • Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu gibt sich trotz eines knappen Wahlausgangs siegesgewiss. - Bild: Olivier Fitoussi/dpa
  • Ex-Militärchef Gadi Eisenkot will Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu ablösen. - Bild: Gil Cohen-Magen/dpa
  • Ein arabisch geprägtes Wahlbündnis macht sich eine Ablösung der rechtsreligiösen Regierung in Israel zum Ziel. - Bild: Oren Ziv/dpa
Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu gibt sich trotz eines knappen Wahlausgangs siegesgewiss.  - Bild: Olivier Fitoussi/dpa Ex-Militärchef Gadi Eisenkot will Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu ablösen.  - Bild: Gil Cohen-Magen/dpa Ein arabisch geprägtes Wahlbündnis macht sich eine Ablösung der rechtsreligiösen Regierung in Israel zum Ziel.  - Bild: Oren Ziv/dpa

Israel steht vor schwieriger Regierungsbildung

In Israel zeichnet sich nach der Parlamentswahl eine schwierige Regierungsbildung ab. Weder der bisherige Ministerpräsident Benjamin Netanjahu noch die oppositionellen Kräfte erreichten eine absolute Mehrheit im Parlament.

Arabische Parteien werden zum Machtfaktor

Die arabischen Parteien kamen nach bisherigem Stand auf 17 Sitze und könnten damit bei der Regierungsbildung zum Zünglein an der Waage werden. Der Vorsitzende der Vereinten Liste, Jussef Dschabarin, erklärte sich bereit, den Weg für eine Ablösung Netanjahus zu ebnen.

Eine Zusammenarbeit wäre politisch heikel, weil rechte jüdische Parteien Bündnisse mit arabischen Parteien traditionell ablehnen. Mansur Abbas, Vorsitzender der pragmatisch geltenden Raam-Partei, äußerte die Hoffnung auf eine gemeinsame Mehrheit mit Eisenkots Lager.

Golan wirbt für Bündnis

Der Vorsitzende der linksliberalen Demokraten, Jair Golan, rief zur Bildung einer Koalition mit den arabischen Parteien auf. Netanjahu habe die Wahl verloren, die Opposition insgesamt mehr Stimmen erhalten als das rechtsreligiöse Lager.

Golan appellierte an Eisenkot und die übrigen Oppositionskräfte, gemeinsam mit arabischen Bürgern eine Regierung des Wandels zu bilden. Eine solche Koalition könnte rechnerisch 66 der 120 Sitze erreichen.

Höhere Beteiligung unter arabischen Wählern

Netanjahu hatte am Wahltag wiederholt vor einer hohen Wahlbeteiligung unter den arabischen Israelis gewarnt und seine Anhänger zur Stimmabgabe aufgerufen. Dschabarin warf ihm deshalb Hetze gegen die arabische Bevölkerung vor.

Rund ein Fünftel der israelischen Bevölkerung ist arabisch. Rechte jüdische Parteien grenzen sich traditionell von arabischen Parteien ab; manche sehen in ihnen eine fünfte Kolonne der Palästinenser.

Mehrheit bleibt unsicher

Der Politikexperte Jonathan Rynhold hält eine Duldung einer Eisenkot-Minderheitsregierung durch Raam für denkbar. Innerhalb der Vereinten Liste gebe es jedoch offen antizionistische Kräfte, die eine solche Regierung bei einer Konfrontation mit Hamas oder Hisbollah stürzen könnten.

Unklar ist zudem, ob zwei Partner Eisenkots einem Bündnis mit arabischen Parteien zustimmen würden. Auch Netanjahus Lager könnte versuchen, weitere Abgeordnete für sich zu gewinnen.

Neuwahlen bleiben möglich

Kommt keine neue Koalition zustande, könnte Israel in eine Phase politischer Instabilität zurückfallen. Netanjahu bliebe bis zu Neuwahlen an der Spitze einer Übergangsregierung.

Ein ähnliches Szenario hatte das Land zwischen 2019 und 2022 erlebt: Weil stabile Mehrheiten ausblieben, mussten die Israelis fünfmal ein neues Parlament wählen. Staatspräsident Izchak Herzog sagte, bei den für kommende Woche geplanten Konsultationen müsse alles unternommen werden, um eine weitere Wahl zu vermeiden.

Sicherheitspolitik überschattet Koalitionssuche

Netanjahu betonte, die Bedrohung durch den Iran sei weiterhin nicht gebannt. Israel und die USA haben seit dem vergangenen Jahr bereits zwei Kriege gegen den Iran geführt; den jüngsten begannen sie im Februar mit Angriffen auf die Islamische Republik.

Vor diesem Hintergrund wird über einen möglichen neuen Krieg gegen den Iran spekuliert. Im Wahlkampf hatte Netanjahu mit der Veröffentlichung einer Illustration eines Atompilzes über Tel Aviv irritiert und einen Sturz der iranischen Führung als ausdrückliches Ziel der israelischen Sicherheitskräfte bezeichnet.

Die Wahl führt Israel erneut in eine schwierige Koalitionssuche. Entscheidend ist nicht allein, welches Lager vorne liegt, sondern ob ein Kandidat mindestens 61 der 120 Sitze hinter sich vereinen kann.

Die 17 Sitze der arabischen Parteien verschieben damit das politische Gewicht. Eine Unterstützung für Gadi Eisenkot könnte rechnerisch den Weg zu einer Mehrheit öffnen, steht aber vor erheblichen politischen Hürden: Rechte jüdische Parteien lehnen eine solche Zusammenarbeit traditionell ab, und auch innerhalb des Oppositionslagers gibt es Vorbehalte.

Verfassungsfristen setzen Zeitrahmen

Für die Regierungsbildung gelten feste Fristen. Nach der Veröffentlichung des amtlichen Ergebnisses beauftragt Präsident Izchak Herzog den Abgeordneten mit den besten Aussichten auf eine Mehrheit. Gelingt keine Koalition, sind weitere Anläufe möglich; am Ende könnten Neuwahlen stehen. Bis dahin bliebe Netanjahu an der Spitze einer Übergangsregierung.

Die politische Blockade hätte Folgen über die Koalitionsarithmetik hinaus. Israel steht zugleich vor sicherheitspolitischen Entscheidungen im Verhältnis zum Iran sowie in den Konflikten mit Hamas und Hisbollah. Eine Regierung, die nur auf wechselnde Unterstützung einzelner Abgeordneter angewiesen wäre, hätte bei solchen Fragen einen besonders engen Handlungsspielraum.

Arabische Parteien zwischen Einfluss und Abgrenzung

Dass arabische Parteien bei der Regierungsbildung eine Schlüsselrolle erhalten könnten, markiert einen politischen Spannungsbogen: Ein großer Teil der arabischen Bevölkerung beteiligte sich stärker an der Wahl, während rechte Kräfte ihre Einbindung weiterhin als Tabubruch behandeln. Für Eisenkot wäre eine Zusammenarbeit daher zugleich rechnerische Chance und politisches Risiko.

Israel kennt die Folgen instabiler Mehrheiten bereits aus den Jahren 2019 bis 2022. Damals führten wiederholte Pattlagen zu fünf Parlamentswahlen. Eine erneute lange Übergangsphase könnte Entscheidungen in Innen- und Sicherheitspolitik verzögern.

Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen

tagesschau: „Nach Wahl zur Knesset: So könnte es in Israel nun weitergehen“ (28.10.2026)

Der Beitrag stelle die Koalitionsbildung als offen dar und beschreibe mehrere Szenarien, darunter eine Zusammenarbeit Eisenkots mit arabischen Parteien, eine Minderheitsregierung und mögliche Neuwahlen. Anders als die dpa-Meldung ordne er zusätzlich die verfassungsrechtlichen Fristen und die einzelnen Regierungsbildungsaufträge ein.

ZDFheute: „Nach Israel-Wahl: Welche Szenarien sind jetzt denkbar?“ (28.10.2026)

Der Artikel bestätige das Patt ohne Mehrheit und betone ebenfalls die mögliche Schlüsselrolle der arabischen Parteien. Einen anderen Schwerpunkt setze er bei den Auswirkungen auf die regionale Sicherheit und bei der Frage, ob eine politische Blockade bis zu Neuwahlen führen könnte.

Übereinstimmend gilt die Sitzverteilung als Ausgangspunkt für schwierige Verhandlungen. Offen bleibt, ob Eisenkot arabische Parteien einbinden kann, ob Netanjahu weitere Abgeordnete gewinnt und ob eine stabile Regierung zustande kommt.

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