Krankenhaus, Kommandozentrale

Ein Krankenhaus als Kommandozentrale der Hamas?

09.11.2023 - 08:41:07

Israel wirft der Hamas vor, in der grĂ¶ĂŸten Klinik im Gazastreifen eine Zentrale zu haben. In dem Krankenhaus halten sich neben Patienten und Personal auch Tausende Schutzsuchende auf. Wie wird Israels Armee vorgehen?

WĂ€hrend Israels MilitĂ€r immer weiter in die Stadt Gaza vorrĂŒckt, gerĂ€t ein mögliches - und Ă€ußerst umstrittenes - Ziel in den Fokus: Das grĂ¶ĂŸte Krankenhaus im Gazastreifen. Erkenntnissen israelischer Geheimdienste zufolge missbraucht die in dem KĂŒstengebiet herrschende Terrororganisation Hamas das Krankenhaus als Kommando- und Kontrollzentrum.

PrekÀre Bedingungen im Schifa-Krankenhaus

Die Gefechte in der NĂ€he der Klinik werden heftiger. Augenzeugen berichten von SchĂ€den am Dach des Krankenhauses nach israelischen Bombardements. Auf den Fluren und dem GelĂ€nde der ĂŒberfĂŒllten Klinik haben Zehntausende Menschen Zuflucht gefunden, unter ihnen Mohammed al-Kuka mit seiner Familie. BefĂŒrchtet wĂŒrden Angriffe der israelischen Armee auf das GebĂ€ude, erzĂ€hlt er der Deutschen Presse-Agentur. Ein Mann, der neben ihm gebetet habe, sei vor kurzem durch Beschuss getötet worden, sagt al-Kuka. Viele Menschen flĂŒchteten inzwischen aus der Klinik. Er selbst wolle auch dort weg.

Klinik-Direktor: IrrefĂŒhrende Anschuldigungen

Der Direktor der Klinik, Mohammed Abu Salamija, nennt Israels Anschuldigungen, die Hamas nutze die Klinik fĂŒr ihre Zwecke, einen «irrefĂŒhrenden Versuch», die Menschen aus dem Krankenhaus zu vertreiben. Er berichtet von schlimmen Bedingungen fĂŒr die Patienten und das völlig ĂŒberarbeitete Personal. Die Klinik mit ihren Abteilungen fĂŒr Chirurgie, Innere Medizin, Radiologie, Geburtshilfe und GynĂ€kologie bietet Medien zufolge Platz fĂŒr 700 Patienten. Behandelt werden Berichten zufolge derzeit aber Tausende.

Salamija warnt auch vor Treibstoffmangel. Wenn es keinen Treibstoff mehr gebe, könnte das beispielsweise fĂŒr Menschen, die beatmet werden mĂŒssen, sofort tödlich sein. Israels Armee erklĂ€rt dagegen, in den KrankenhĂ€usern im Gazastreifen gebe es Treibstoff - den allerdings die Hamas fĂŒr ihre «Terror-Infrastruktur» nutze.

Menschenrechtler: In Abteilung der Klinik wurde gefoltert

VorwĂŒrfe, dass die Hamas das Schifa-Krankenhaus fĂŒr Gewalttaten nutzt, gab es in der Vergangenheit schon von anderer Seite. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International berichtete vor mehr als acht Jahren, Hamas-Mitglieder hĂ€tten in einer stillgelegten Abteilung der Klinik im Jahr 2014 wĂ€hrend eines Kriegs mit Israel PalĂ€stinenser gefoltert. Die Hamas warf den Opfern demnach Zusammenarbeit mit Israel vor. Der MilitĂ€rexperte Danny Orbach von der HebrĂ€ischen UniversitĂ€t in Jerusalem sagt, es sei schon seit vielen Jahren bekannt, dass die Hamas die Klinik, deren Ausbau einst von Israel veranlasst worden sei, fĂŒr ihre Zwecke missbrauche. An der Erkenntnis gebe es «keine Zweifel».

Armee: Versteck fĂŒr Terroristen

Die Hamas nutzt nach Darstellung der israelischen Armee auch verschiedene Abteilungen im Krankenhaus, um etwa RaketenabschĂŒsse zu befehlen. «Die Hamas fĂŒhrt Krieg aus KrankenhĂ€usern heraus», sagt MilitĂ€rsprecher Daniel Hagari. Nach dem Massaker vom 7. Oktober hĂ€tten sich zudem Hunderte Terroristen in der Schifa-Klinik versteckt. Zu der unterirdischen Basis gibt es nach Angaben des MilitĂ€rs auch innerhalb der Klinik einen Eingang. Die Hamas bestreitet die VorwĂŒrfe.

Missbrauch von Kliniken ist Kriegsverbrechen

Die Armee veröffentlichte Satellitenbilder und Materialien, um zu beweisen, dass die Klinik von der Hamas genutzt wird. In Videos waren tief in der Erde unter der Klinik KontrollrĂ€ume und Verbindungstunnel zu sehen. Die Angaben lassen sich derzeit nicht unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒfen. Die Nutzung einer Klinik fĂŒr militĂ€rische Zwecke stellt nach Angaben des Völkerrechtlers Daniel-Erasmus Khan von der UniversitĂ€t der Bundeswehr ein Kriegsverbrechen dar.

Zivile Ziele im humanitÀren Völkerrecht

Israels StreitkrĂ€fte sind eigenen Angaben nach dazu entschlossen, die Hamas wo auch immer nötig anzugreifen. Ob damit auch das Schifa-Krankenhaus gemeint ist, sagt die Armee nicht. Israelische Medien berichten, das MilitĂ€r habe sich noch nicht entschieden, ob und wann Truppen in die Klinik geschickt wĂŒrden.

Laut humanitĂ€rem Völkerrecht sind Angriffe auf zivile Ziele wie KrankenhĂ€user verboten. «Wenn zivile Objekte allerdings missbraucht werden, sind sie nicht mehr per se sakrosankt», erlĂ€utert Khan. «Wenn die israelische Darstellung stimmt, dann wĂ€re ein solcher Angriff zulĂ€ssig.» Das humanitĂ€re Völkerrecht akzeptiere in dem Fall sogar unbeabsichtigte zivile Opfer. Israel mĂŒsse dennoch alles dafĂŒr tun, Zivilisten aus der Klinik zu evakuieren.

Experte: Armee wird Klinik umstellen

Die VerhĂ€ltnismĂ€ĂŸigkeit hĂ€lt der Historiker Orbach fĂŒr gegeben. «Der militĂ€rische Wert ist hoch - selbst wenn sich die FĂŒhrung der Hamas nicht in der Basis aufhĂ€lt.» Die israelische Armee geht aber davon aus, dass sich die meisten hochrangigen Hamas-Mitglieder in den Kliniken, insbesondere im Schifa-Krankenhaus, verstecken. Sie nutzten aus, dass die Armee KrankenhĂ€user nicht bombardiere. Die Zerstörung des «Mittelpunkts der Hamas-Herrschaft» wĂ€re laut Orbach auch ein symbolischer Sieg Israels ĂŒber die Terrororganisation. Israel werde damit aber noch warten, vermutet er. Erst einmal werde die Armee die Klinik umstellen, bis sich alle Menschen darin ergeben.

Massenevakuierung und Patienten-Verlegungen

Der MilitĂ€rhistoriker geht von einem baldigen Zusammenbruch der Macht der Islamistenorganisation aus. «Das wird einen Dominoeffekt auslösen.» Die StreitkrĂ€fte könnten dann die Massenevakuierung der Zivilisten aus der Klinik durchsetzen. Dass derzeit immer mehr Menschen dem Armee-Aufruf folgen und in den SĂŒden des Gazastreifens fliehen, wertet Orbach als Zeichen des beginnenden Kontrollverlusts der Hamas. Patienten könnten aus der Klinik in die vom Ausland gestifteten Lazarette verlegt werden, sagt Orbach.

Laut israelischen Medien gab es zwischen Israel und Rettungsdiensten bereits eine Einigung, 50 Patienten zu verlegen. Als die Krankenwagen eintrafen, ließ die Hamas den Berichten zufolge aber nur sieben Menschen aus dem Schifa-Krankenhaus gehen. Die UN lehnen derweil die Verlegung von Patienten ab - dies gefĂ€hrde das Leben der Betroffenen.

Nach Abschluss einer Evakuierung wird die Armee nach EinschĂ€tzung des MilitĂ€rexperten Orbach die Klinik gezielt bombardieren. Schließlich könnten Bodentruppen das GebĂ€ude erobern und die Hamas-Einrichtungen darin zerstören. Der MilitĂ€rhistoriker geht nicht davon aus, dass die Armee das GebĂ€ude in Schutt und Asche legen wird. Er hĂ€lt es sogar fĂŒr möglich, dass das in der britischen Mandatszeit gegrĂŒndete Krankenhaus nach dem Krieg wieder als Klinik genutzt werden könnte.

@ dpa.de