Israel meldet Geiselrettung bei Rafah-Angriffen
12.02.2024 - 05:46:52Die Rettung zweier israelischer Geiseln im SĂŒden des Gazastreifens ist nach Armeeangaben in einer dramatischen Befreiungsaktion unter heftigem Beschuss erfolgt. Das israelische MilitĂ€r habe sich auf den Einsatz auf Basis nachrichtlicher Erkenntnisse seit einiger Zeit vorbereitet und einen geeigneten Moment abgewartet, sagte der israelische Armeesprecher Daniel Hagari.
Die in einer Spezialoperation im sĂŒdlichen Gazastreifen befreiten Geiseln sind im Krankenhaus bereits von ihren Familien in die Arme geschlossen worden. Es handelt sich um zwei MĂ€nner im Alter von 60 und 70 Jahren. Der argentinische PrĂ€sident Javier Milei schrieb bei X, vormals Twitter, die Befreiten seien israelisch-argentinische DoppelstaatsbĂŒrger.
Der Schwiegersohn eines der Befreiten sagte israelischen Medien, die Familie habe die Mitteilung in der Nacht bekommen und die vier erwachsenen Kinder seien direkt ins Krankenhaus gefahren. Trotz der mehr als viermonatigen Geiselhaft sei der 70-JĂ€hrige in vergleichsweise guten Zustand, er sehe nur etwas dĂŒnn und blass aus. «Er ist etwas schockiert von dem ganzen Trubel», sagte der Schwiegersohn dem israelischen Sender Kan vor dem Schiba-Krankenhaus nahe Tel Aviv. Dorthin wurden die MĂ€nner nach ihrer Befreiung mit einem Hubschrauber gebracht. «Er hat weniger erzĂ€hlt, was ihm passiert ist, und wollte eher wissen, wie es uns geht, den Kindern und den Enkelkindern.» Er habe sich auch an die Geburtstage aller Angehörigen erinnert.
Die israelische Nachrichtenseite «ynet» berichtete, die Geiseln seien im Haus einer Familie in Rafah festgehalten und dort im zweiten Stock befreit worden. Die Befreiung geschah den Berichten zufolge im Zuge heftiger KÀmpfe und Angriffe im Bereich von Rafah, bei denen nach palÀstinensischen Angaben Dutzende von PalÀstinensern getötet wurden.
Erste gelungene Befreiung
Es sind die ersten zivilen Geiseln, deren Befreiung seit Beginn des Gaza-Krieges vor mehr als vier Monaten gelungen ist. Ende Oktober hatten israelische SpezialkrÀfte bereits eine Soldatin aus der Gewalt der Hamas befreit. Eine andere Geisel war nach MilitÀrangaben im Dezember bei einem gescheiterten Befreiungsversuch getötet worden.
Der israelische PrĂ€sident Izchak Herzog schrieb bei X: «Alle Achtung denen, die daran beteiligt waren, Fernando und Luis in einer wagemutigen Rettungsaktion heimzubringen. Wir werden weiter alles daransetzen, alle Geiseln nach Hause zu bringen.» Auch der israelische AuĂenminister Israel Katz dankte den SpezialkrĂ€ften und sagte, man werde weiterhin alles tun, «um alle Geiseln aus der Gewalt der mörderischen Terrororganisation zu befreien».
PalÀstinenser berichten von Hunderten von Verletzten
Nach palĂ€stinensischen Angaben sind durch den Angriff auf Rafah Dutzende PalĂ€stinenser getötet worden. Die von der Hamas kontrollierte Gesundheitsbehörde berichtete von mindestens 70 Toten und mehr als 160 Verletzten. UnabhĂ€ngig waren die Angaben zunĂ€chst nicht zu ĂŒberprĂŒfen.
Die islamistische Terrororganisation Hamas sprach in einer Mitteilung von «Massakern» an Frauen, Kindern und Àlteren Menschen, die zuvor aus anderen Teilen des Gazastreifens geflohen seien. Die Hamas nannte die Zahl von mehr als 100 Toten bei den Angriffen.
Israels Regierungschef rechtfertigt Vorgehen der Armee
Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu hatte der Armee des Landes am Freitag den Befehl erteilt, eine Offensive auf Rafah vorzubereiten. «Es ist unmöglich, das Kriegsziel der Eliminierung der Hamas zu erreichen, wenn vier Hamas-Bataillone in Rafah verbleiben», lieà er mitteilen. Die Armee soll deshalb die Evakuierung der Zivilisten in Rafah vorbereiten. Aus seiner Sicht rechtfertigt die Zahl der im Gazastreifen verbleibenden Geiseln Israels massives militÀrisches Vorgehen. Auf die Frage, wie viele Geiseln nach seinem Kenntnisstand noch am Leben sind, antwortete Netanjahu in einem Interview mit dem US-Sender ABC News: «Ich denke genug, um unsere Anstrengungen zu rechtfertigen, die wir unternehmen.»
Terroristen der Hamas und anderer extremistischer Gruppen hatten bei ihrem Ăberfall auf Israel am 7. Oktober 1200 Menschen getötet und weitere 250 verschleppt. Israels MilitĂ€r geht seitdem mit massiven Luftangriffen und einer Bodenoffensive gegen die Hamas und ihre VerbĂŒndeten in Gaza vor. Derzeit befinden sich noch 136 Menschen in der Gewalt der Hamas, von denen aber nach israelischen MilitĂ€rangaben mindestens rund 30 nicht mehr am Leben sein dĂŒrften. Die Zahl der Getöteten könnte nach Medienberichten aber inzwischen auch schon bei 50 liegen. Die SicherheitskrĂ€fte wĂŒrden weiterhin «mit allen Mitteln» versuchen, die Geiseln nach Hause zu bringen, teilte das israelische MilitĂ€r mit.
Gerettete Geiseln im Krankenhaus
Auch die beiden in der Nacht befreiten Geiseln seien bei dem Massaker der Hamas am 7. Oktober in das abgeriegelte KĂŒstengebiet am Mittelmeer entfĂŒhrt worden, hieĂ es weiter. Sie seien nun zur medizinischen Untersuchung in ein Krankenhaus gebracht worden. Israel gebe sein Bestes, um alle lebenden Geiseln zurĂŒckzuholen, sagte Netanjahu in dem ABC-Interview, «und offen gestanden auch die Leichen». Darauf werde er aber nicht nĂ€her eingehen. Die beiden Ziele, die Hamas zu besiegen und die Leben der Geiseln zu retten, schlössen sich nicht gegenseitig aus, sagte der israelische MinisterprĂ€sident weiter.
Viele Angehörige der Geiseln werfen Netanjahu vor, die von internationalen Vermittlern gefĂŒhrten Verhandlungen zu torpedieren, die zu einer Waffenruhe im Krieg mit der Hamas und zu einem Austausch der Geiseln gegen palĂ€stinensische HĂ€ftlinge fĂŒhren sollen. Bei einem TelefongesprĂ€ch von US-PrĂ€sident Joe Biden mit Netanjahu am Sonntag ging es nach Angaben des WeiĂen Hauses um das gemeinsame Ziel, die Hamas zu besiegen und die langfristige Sicherheit Israels und des israelischen Volkes zu gewĂ€hrleisten. Biden habe auĂerdem darauf gepocht, «die in den Verhandlungen (mit der Hamas) erzielten Fortschritte zu nutzen, um die Freilassung aller Geiseln so schnell wie möglich sicherzustellen».
UN-Kommissar: kollektive Bestrafung der PalÀstinenser verletzt Völkerrecht
Der UN-Hochkommissar fĂŒr Menschenrechte, Volker TĂŒrk, hat die Lage in Rafah im SĂŒden des Gazastreifen als «schrecklich» bezeichnet. «Mir fallen eigentlich keine Worte mehr ein, wie man die Situation zurzeit beschreiben kann», sagte TĂŒrk im Morgenjournal des österreichischen Senders Ă1. In Rafah lebten heute 1,4 Millionen Menschen, vor Beginn der israelischen Angriffe seien es 300.000 gewesen. Die Menschen hĂ€tten dort nicht genĂŒgend zu essen und viele hĂ€tten erlebt, dass Familienangehörige getötet wurden. «In so einer Situation noch einen Angriff zu fĂŒhren, da frage ich mich schon: Was muss noch passieren?», sagte TĂŒrk.
Das UN-MenschenrechtsbĂŒro betrachte die Lage mit gröĂter Sorge. «Die kollektive Bestrafung der PalĂ€stinenser, vor allem auch die Abkoppelung von humanitĂ€rer Hilfe, ist eine Verletzung des humanitĂ€ren Völkerrechts», sagte TĂŒrk. «Ich habe sehr schwerwiegende Bedenken, dass das, was sich vor unseren Augen abspielt, noch verhĂ€ltnismĂ€Ăig ist.»
Mahnung zu SchutzmaĂnahmen
Deutschland hat die israelische Regierung angesichts der angekĂŒndigten MilitĂ€roffensive erneut eindringlich zum Schutz der palĂ€stinensischen Zivilbevölkerung dort aufgerufen. «Wir sind angesichts der Lage in Rafah sehr besorgt. Dort sind ja ĂŒber eine Million Menschen auf sehr engem Raum, (...) die dort Schutz suchen vor den MilitĂ€roperationen und die im Grunde ja nirgendwo anders mehr hin können», sagte ein Sprecher des AuswĂ€rtigen Amts. Es gelte, was AuĂenministerin Annalena Baerbock schon am Wochenende erklĂ€rt habe: Bevor es zu weiteren gröĂeren Offensiven auf Rafah gegen die Hamas kommen sollte, mĂŒsse Israel klar darlegen, «wo und wie diese Menschen Schutz finden können - und zwar effektiven Schutz finden können».
Nach Klage: Niederlande stoppt vorerst RĂŒstungsexport
Die Niederlande dĂŒrfen nach einem Gerichtsurteil keine Ersatzteile des Kampfflugzeuges F-35 mehr nach Israel exportieren. Ein Gericht in Den Haag gab einer Klage von Menschen- und Friedensorganisationen statt. Es bestehe das groĂe Risiko, dass Israel mit den Luftangriffen auf den Gazastreifen das humanitĂ€re Kriegsrecht verletze. «Israel nimmt bei den Angriffen zu wenig RĂŒcksicht auf die Folgen fĂŒr die Zivilbevölkerung», hieĂ es weiter. Das Gericht erlegte dem Staat auf, innerhalb der nĂ€chsten sieben Tage die Ausfuhr der Ersatzteile nach Israel zu stoppen. Der Staat kann noch in die Revision gehen.
Auf einem LuftwaffenstĂŒtzpunkt im SĂŒden des Landes befindet sich das europĂ€ische Ersatzteillager des US-Herstellers der Kampfflugzeuge F-35. Auch Israel wird von hier aus beliefert.
Die Organisationen Oxfam Novib, Pax Niederlande und The Rights Forum hatten den Staat verklagt und auf möglichen Völkermord und Kriegsverbrechen durch Israel verwiesen. Der niederlĂ€ndische Staat sei durch die RĂŒstungsexporte mitverantwortlich. Der Verteidiger des Staates hatte sich auf das Selbstverteidigungsrecht Israels berufen. Ein VerstoĂ gegen das Kriegsrecht sei nicht nachgewiesen.


