Gaza-Krieg USA, FlÀchenbrand

Gaza-Krieg: USA wollen FlÀchenbrand verhindern

07.01.2024 - 15:52:45

Israels Premier Netanjahu steht unter Druck. Angesichts wachsender Sorgen vor einer Ausweitung des Krieges setzen die USA und Deutschland auf GesprĂ€che in der Region. Der Überblick.

Drei Monate nach Beginn des Gaza-Kriegs hat die Sorge vor einer weiteren Eskalation zwischen Israel und der Hisbollah-Miliz im Libanon einen neuen Höhepunkt erreicht. Israelische Politiker und das MilitĂ€r erneuerten ihre Drohungen gegen die vom Iran unterstĂŒtzte Schiitenorganisation. Seit Kriegsbeginn feuert die mit der islamistischen Hamas verbĂŒndete Hisbollah immer wieder Raketen auf Israels Norden. Auch die Lage im Westjordanland bleibt Ă€ußerst angespannt.

Um eine Deeskalation im Krieg zwischen Israel und der islamistischen Hamas zu erreichen und eine Ausweitung abzuwenden besuchen erneut sowohl Außenministerin Annalena Baerbock (GrĂŒne) und US-Außenminister Antony Blinken LĂ€nder im Nahen Osten.

Scharfe Warnung von Netanjahu

Der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu richtete scharfe Warnungen an die Hisbollah. «Ich schlage vor, dass die Hisbollah lernt, was die Hamas in den letzten Monaten bereits gelernt hat: Kein Terrorist ist immun», sagte Netanjahu nach Angaben seines BĂŒros bei einer Kabinettssitzung. Israel sei entschlossen, den Bewohnern des Nordens eine RĂŒckkehr in ihre HĂ€user zu ermöglichen. «Wenn wir es können, werden wir es mit diplomatischen Mitteln erreichen, und wenn nicht, werden wir auf andere Weise handeln», sagte der Chef der konservativen Likud-Partei.

Israels Armeesprecher droht mit militÀrischer Gewalt

«Das diplomatische Zeitfenster mag klein sein, aber es steht denjenigen offen, die die Region in eine unnötige Eskalation hineinziehen», sagte Armeesprecher Daniel Hagari an die Hisbollah gerichtet. Israel mĂŒsse sicherstellen, dass sich das Massaker vom 7. Oktober an keiner seiner Grenzen wiederhole. «Wir haben die Pflicht, unser Volk zu verteidigen, wenn nicht mit diplomatischen Mitteln, dann mit Waffengewalt.» Auch heute gab es gegenseitigen Beschuss an der Nordgrenze zum Libanon.

Die Hisbollah gilt als weitaus mĂ€chtiger als die Hamas. Ihr Einfluss reicht tief in den von Krisen gelĂ€hmten libanesischen Staat hinein. Die «Partei Gottes» entstand 1982 mit iranischer UnterstĂŒtzung als Antwort auf die israelische Invasion im Libanon. Seitdem kĂ€mpft sie politisch, aber auch mit Gewalt gegen Israel. Die Gruppe ist in dem multikonfessionellen Land am Mittelmeer auch im Parlament vertreten. Finanziert wird sie vorrangig vom Iran.

Blinken: «Moment erheblicher Spannungen»

Die Nahost-Region befindet sich nach Worten von US-Außenminister Blinken in einem «Moment erheblicher Spannungen». «Der Konflikt könnte schnell metastasieren, was noch mehr Leid in der Region verursachen wĂŒrde», sagte Blinken nach einem Treffen mit Katars MinisterprĂ€sident und Außenminister Mohammed bin Abdulrahman Al Thani in Doha. Er und seine GesprĂ€chspartner seien sich einig, dass der Konflikt sich nicht ausweiten dĂŒrfe.

«Vom Anfang an haben wir immer vor einer wahrscheinlichen und gefĂ€hrlichen Ausweitung des Konflikts gewarnt», sagte Al Thani. Die Tötung eines Hamas-AnfĂŒhrers in Beirut und eines ranghohen iranischen Generals in Syrien - beide mutmaßlich durch Israel angeordnet - seien zu verurteilen und ein Verstoß gegen die SouverĂ€nitĂ€t dieser LĂ€nder.

Blinken forderte eindringlich, dass Israel die Zivilisten in Gaza bei seinen Angriffen dort besser schĂŒtzen mĂŒsse. «Es ist absolut zwingend, dass Israel mehr zum Schutz von Zivilisten unternimmt», sagte Blinken. «Es sind schon viel zu viele unschuldige PalĂ€stinenser getötet worden.» Dies werde er auch bei seinem geplanten Besuch in Israel in den nĂ€chsten Tagen ansprechen. Laut der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde wurden bisher mehr als 22.000 Menschen getötet, darunter Tausende Frauen und Kinder.

Bericht: USA warnen Israel vor Eskalation im Libanon

Die USA sollen Israel einem Medienbericht zufolge vor einer «deutlichen Eskalation» im Nachbarland gewarnt haben. Die «Washington Post» berichtete von entsprechenden persönlichen GesprĂ€chen von US-Regierungsvertretern mit Israel. Die Sorge unter Regierungsbeamten sei groß, dass eine Eskalation noch blutiger sein könnte als der letzte Krieg zwischen Israel und der Hisbollah im Jahr 2006. «Die Zahl der Opfer im Libanon könnte sich auf 300.000 bis 500.000 belaufen und eine massive Evakuierung ganz Nordisraels nach sich ziehen», zitierte das Blatt den Libanon-Experten Bilal Saab.

Innerhalb der US-Regierung herrschen laut dem Bericht unterschiedliche Auffassungen ĂŒber Netanjahus Interessen. Einige US-Beamte seien der Meinung, der Likud-Parteichef wolle der Hisbollah ZugestĂ€ndnisse entlocken. Andere seien der Auffassung, er könnte angesichts der wachsenden Kritik am MilitĂ€reinsatz den Konflikt ausweiten wollen, um sein politisches Überleben zu sichern.

Umfragen zufolge will die Mehrheit der Israelis, dass Netanjahu spĂ€testens nach dem Ende des Gaza-Kriegs zurĂŒcktritt. Viele Menschen werfen ihm vor, bislang keine persönliche Verantwortung dafĂŒr ĂŒbernommen zu haben, dass das Hamas-Massaker am 7. Oktober geschehen konnte. Erst am Samstag hatten wieder Tausende Israelis in der Metropole Tel Aviv fĂŒr Neuwahlen und Neuverhandlungen ĂŒber eine Freilassung der Geiseln demonstriert.

USA und Deutschland auf diplomatischer Mission in Nahost

Baerbock rief vor dem Abflug nach Israel eindringlich zum Ende der Gewalt auf. Israel habe das Recht und die Pflicht, sich gegen den Terror zu verteidigen, mĂŒsse aber Zivilisten bei seinem militĂ€rischen Vorgehen viel besser schĂŒtzen, verlangte sie. Im Gazastreifen sei viel mehr humanitĂ€re Hilfe gegen Hunger, Seuchen und KĂ€lte nötig. Es ist bereits die vierte Reise Baerbocks nach Israel seit Kriegsbeginn.

Auch ihr US-Kollege Blinken machte auf die schlimmen ZustĂ€nde im Gazastreifen aufmerksam. Die ErnĂ€hrungssituation fĂŒr die Menschen dort sei «sehr schwierig», sagte er nach einem Besuch eines Lagerhauses des WelternĂ€hrungsprogramms in der jordanischen Hauptstadt Amman. Auf Blinkens Programm standen auch GesprĂ€che in Katar, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudi-Arabien. Zudem will er wie Baerbock Israel, das Westjordanland und Ägypten besuchen.

Sieben Tote bei israelischem Luftangriff im Westjordanland

Bei einem israelischen Luftangriff im Westjordanland wurden am Wochenende laut der palĂ€stinensischen Gesundheitsbehörde sieben Menschen getötet. Der Luftschlag in der Stadt Dschenin traf nach palĂ€stinensischer Darstellung eine BĂŒrgerversammlung. Israelischen Angaben zufolge handelte es sich bei den Getöteten um Terroristen.

In Dschenin, das von der palĂ€stinensischen Autonomiebehörde verwaltet wird und als Hochburgen von Extremisten gilt, finden regelmĂ€ĂŸig Razzien statt. Seit Beginn des Gaza-Krieges geht die israelische Armee verstĂ€rkt im Westjordanland vor. Israel hatte die Gebiete im Sechs-Tage-Krieg 1967 erobert. Dort leben inzwischen Hunderttausende israelische Siedler inmitten von rund drei Millionen PalĂ€stinensern. Die PalĂ€stinenser fordern die Gebiete fĂŒr einen eigenen Staat.

@ dpa.de