Israel, Demonstrationen

Protest gegen Justizreform in Israel nimmt zu

09.07.2023 - 12:55:45 | dpa.de

Israels Regierung treibt trotz Massendemonstrationen im Land ihre PlÀne zur SchwÀchung der Justiz weiter voran. Die Protestbewegung droht mit «nie dagewesenem» Widerstand.

Israelische Demonstranten halten Fahnen und zĂŒnden Fackeln wĂ€hrend eines Protestes gegen die PlĂ€ne der Regierung von Premierminister Netanjahu, das Justizsystem zu reformieren. - Foto: Ilia Yefimovich/dpa
Israelische Demonstranten halten Fahnen und zĂŒnden Fackeln wĂ€hrend eines Protestes gegen die PlĂ€ne der Regierung von Premierminister Netanjahu, das Justizsystem zu reformieren. - Foto: Ilia Yefimovich/dpa

Vor einer kritischen Abstimmung im Parlament haben in Israel die Demonstrationen gegen die von der Regierung geplante Justizreform an Fahrt aufgenommen. Am Samstag versammelten sich laut Organisatoren landesweit rund 360.000 Menschen. Allein in der KĂŒstenstadt Tel Aviv waren es Medienberichten zufolge mehr als 140.000 Demonstranten. Regierungschef Benjamin Netanjahu hatte im MĂ€rz die PlĂ€ne nach massivem Druck zunĂ€chst gestoppt, vor drei Wochen jedoch in etwas abgeschwĂ€chter Form wieder auf die Agenda gesetzt.

EinschrÀnkung des Höchsten Gerichts geplant

Am Montag soll ein Teil zur SchwĂ€chung der Justiz in erster Lesung dem Parlament vorgelegt werden. Dem Höchsten Gericht soll es den PlĂ€nen nach kĂŒnftig nicht mehr möglich sein, eine Entscheidung der Regierung als «unangemessen» zu bewerten. Kritiker befĂŒrchten, dass dies Korruption und damit auch die willkĂŒrliche Besetzung hochrangiger Posten begĂŒnstigen könnte. Die Regierung wirft den Richtern vor, sich zu sehr in politische Entscheidungen einzumischen.

Anfang des Jahres hatte das Höchste Gericht die Ernennung des Vorsitzenden der Schas-Partei, Arie Deri, zum Innenminister wegen dessen krimineller Vergangenheit als «unangemessen» eingestuft. Daraufhin musste Netanjahu seinen Vertrauten entlassen. Beobachter erwarten, dass die Regierung dies wieder rĂŒckgĂ€ngig machen will.

Zur Verabschiedung des Gesetzes sind drei Lesungen notwendig. Da Netanjahus Regierung im Parlament eine Mehrheit hat, wird damit gerechnet, dass das Gesetz bis Ende des Monats gebilligt wird.

Herzog: Ende von GesprĂ€chen «Fehler von historischem AusmaĂŸÂ»

Israels PrĂ€sident Izchak Herzog rief derweil alle Parteien eindringlich auf, wieder in einen Dialog zu treten. «Eine Einigung ist machbar. Und dennoch ist niemand bereit, sich hinzusetzen und zu reden - jetzt, ohne Vorbedingungen», sagte Herzog in Jerusalem und ergĂ€nzte: «Das ist ein Fehler von historischem AusmaĂŸÂ». Eine Einigung, auch im Streit ĂŒber die sogenannte Angemessenheitsklausel, sei seiner Ansicht nach machbar. «Lassen Sie Ihre Egos beiseite. Kommt und redet.»

Herzog hatte Ende MÀrz GesprÀche zwischen Regierung und Opposition vermittelt. Diese brachten jedoch auch nach monatelangem Ringen keine Einigung.

Der frĂŒhere Regierungschef Ehud Barak schrieb in einem «Haaretz»-Gastbeitrag, Israel befinde sich in der schwersten Krise seiner Geschichte und warnte davor, dass das Land kurz davorstehe, zu einer «De-facto-Diktatur» zu werden.

Massiver Widerstand angekĂŒndigt

Die Verabschiedung des Gesetzes könnte sich auch auf die Sicherheit Israels auswirken. Hunderte Reservisten des MilitÀrs drohten in dem Fall, ihren Dienst nicht mehr antreten zu wollen. Aus Protest versammelten sich Dutzende in der Nacht zum Sonntag vor dem Haus von Verteidigungsminister Joav Galant und forderten ihn auf, sich gegen die PlÀne zu stellen.

Die Organisatoren der Proteste riefen derweil fĂŒr Dienstag zu einem «Tag der Störung» auf und drohten mit einem «nie dagewesenen Widerstand». Auch am internationalen Flughafen Ben Gurion bei Tel Aviv soll es am Nachmittag eine Kundgebung geben. Die Protestbewegung ist eine der grĂ¶ĂŸten in der Geschichte Israels, einem Land mit rund 9,4 Millionen Einwohnern, und sie umfasst breite Gesellschaftsteile.

Mehrere Unternehmen der Hightech-Branche, die in Israel als treibender Motor der Wirtschaft gilt, kĂŒndigten an, ihren Angestellten fĂŒr die Demonstrationen freizugeben. Die Einkaufzentrums-Kette «Big» drohte damit, dass im Fall der Verabschiedung des Gesetzes alle ihre Zentren in Streik treten wĂŒrden. Unklar war zunĂ€chst, ob sich auch der Dachverband der Gewerkschaften in Israel, Histarut, beteiligen wĂŒrde.

Erinnerung an Generalstreik werden wach

Histarut mit rund 800.000 Mitgliedern hatte Ende MĂ€rz wegen einer zwischenzeitlichen Entlassung von Galant durch Netanjahu zu einem Generalstreik aufgerufen. Galant hatte zuvor Netanjahus PlĂ€ne öffentlich kritisiert. Mehrere Einkaufszentren und UniversitĂ€ten blieben damals zu. KrankenhĂ€user arbeiteten im Schichtbetrieb. Am Flughafen Ben-Gurion kam zu erheblichen BeeintrĂ€chtigungen des Flugverkehrs. Netanjahu setzte damals die PlĂ€ne seiner Regierung aus, Galants Entlassung wurde wenige Wochen spĂ€ter rĂŒckgĂ€ngig gemacht.

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