Jewgeni Prigoschin, Wagner

Vom Vertrauten zum «VerrÀter»: Prigoschin gegen Putin

25.06.2023 - 17:37:06

Jewgeni Prigoschin hat den Aufstand gegen Moskau geprobt. Nun muss er bĂŒĂŸen. Wer ist der Ex-Vertraute von Kremlchef Putin? Und was wird nun aus ihm?

Über Monate hinweg legte sich der Chef der russischen Privatarmee Wagner, Jewgeni Prigoschin, wegen des chaotischen Kriegsverlaufs in der Ukraine mit der MilitĂ€rfĂŒhrung in Moskau an. Immer wieder warf er dem Verteidigungsministerium und dem Generalstab der Armee vor, PrĂ€sident Wladimir Putin zu belĂŒgen.

Mit einem bewaffneten Aufstand seiner mit Panzern und anderen schweren Waffen voll ausgestatten Armee forderte der 62-JÀhrige nun aber auch Putin selbst heraus - bis er am Samstagabend dann plötzlich das Ende seines Marsches auf Moskau bekanntgab.

Prigoschin galt als Putins Vertrauter

Bis zu diesem Wochenende wurde Prigoschin zu Putins langjĂ€hrigen Vertrauten gezĂ€hlt. Wie der Kremlchef kommt er aus St. Petersburg. Über das Privatleben des Familienvaters ist wenig bekannt. Aber immer wieder inszeniert er sich selbst als BeschĂŒtzer mit sozialer Ader. So unterhĂ€lt er Rehazentren fĂŒr Kriegsversehrte. In Moskau will er auf einem seiner GrundstĂŒcke im Luxusviertel Rubljowka ein Zentrum zur psychologischen Betreuung von Veteranen bauen lassen.

Seine PopularitĂ€tswerte schnellten in die Höhe - auch, weil er mit seinem Kanal beim Nachrichtendienst Telegram Hunderttausende erreichte. Viele hielten die Aussagen, die an die russische Opposition erinnerten, fĂŒr ehrlich - ein Ventil in Zeiten des Kriegs. Das schĂŒrte auch Spekulationen um politische Ambitionen des Wagner-Chefs. Er wies solche Absichten stets zurĂŒck.

Prigoschin genießt vielmehr den Ruf, mit seinem Firmenimperium Concord und anderen geschĂ€ftlichen AktivitĂ€ten auf maximalen Gewinn aus zu sein. Dass er dabei extrem machtbewusst vorgeht, bezweifelt niemand. Seinen Einfluss nutzte er besonders, um Verteidigungsminister Sergej Schoigu und Generalstabschef Waleri Gerassimow unter Druck zu setzen, den Einsatz im Krieg zu erhöhen. Er warf ihnen vor, die Truppen nicht ordentlich zu fĂŒhren.

Niemand sonst in Russland traute sich solche Kritik, fĂŒr die einfache BĂŒrger zu hohen Haftstrafen verurteilt werden. Es gehe ihm darum, dass die Armee mit WĂŒrde und Stolz ihre Aufgaben erfĂŒllen könne - und nicht in einem System von «Speichelleckerei, Kriecherei und Verantwortungslosigkeit». Prigoschin kritisierte zudem, dass die Staatsmedien die Erfolge Wagners schmĂ€lerten oder sogar verschwiegen. Das Wort Wagner werde in den Medien «sorgfĂ€ltig ausradiert» - wie Genitalien in einem Film ĂŒbers Saunieren.

Bekannt ist Prigoschin aber auch als skrupelloser Unternehmer mit krimineller Vergangenheit. Er und Putin kennen sich lange. Als der heutige PrĂ€sident noch in der St. Petersburger Stadtverwaltung arbeitete, soll er in Prigoschins Restaurant eingekehrt sein. Deshalb ist der Russe, der mehrer Jahre wegen Raubs in Haft saß, auch als «Putins Koch» bekannt.

Der Mann mit dem kahlgeschorenen Kopf soll sich mit seiner auf Desinformation spezialisierten Internet-Trollfabrik 2020 auch in die US-PrĂ€sidentenwahl eingemischt haben. Deshalb haben ihn die Vereinigten Staaten zur internationalen Fahndung ausgeschrieben. Die Wagner-Truppen gelten im Westen als «Terrororganisation», verantwortlich fĂŒr Kriegsverbrechen in vielen LĂ€ndern.

Existenz der Truppe jahrelang bestritten

Im September - nach einem halben Jahr Krieg in der Ukraine - rĂ€umte Prigoschin erstmals ein, die Söldnertruppe schon 2014 fĂŒr den Einsatz auf russischer Seite im ukrainischen Donbass gebildet zu haben. Zuvor hatte Prigoschin seine Verbindung zu den Söldnern nie eindeutig bekannt. Auch Moskau bestritt die Existenz jahrelang vehement.

Als zweiter GrĂŒnder ist der ehemalige Geheimdienstler Dmitri Utkin bekannt, der offizielle Wagner-Kommandeur. Ihm wird eine Vorliebe fĂŒr den deutschen Komponisten Richard Wagner nachgesagt - daher der Name der Truppe. Im Ukraine-Krieg spielte sie bislang eine zentrale Rolle: Als Prigoschins grĂ¶ĂŸter militĂ€rischer Erfolg gilt die blutige Eroberung der ostukrainischen Stadt Bachmut. Seine MĂ€nner sollen aber auch an dem Massaker in Butscha nahe Kiew beteiligt gewesen sein.

Wagner-KÀmpfer waren in Syrien, anderen arabischen LÀndern sowie in Afrika und Lateinamerika im Einsatz, und sind es auch heute noch. Dort liegt eine von vielen Geldquellen: Wagner bietet skrupelloses Personal und Dienstleistungen. Im Gegenzug gibt es Geld und Rohstoffe wie Gold und Diamanten. In Russland verdient Prigoschin Geld mit der Essensversorgung beim MilitÀr, aber auch in Schulen und KindergÀrten.

Rekrutierung von HĂ€ftlingen

Die Wagner-Gruppe rekrutiert ihre Mitglieder unter Freiwilligen - im Ukraine-Krieg nicht zuletzt unter HĂ€ftlingen. Prigoschin lockte Schwerverbrecher mit dem Versprechen, nach halbjĂ€hrigem Kriegsdienst die Begnadigungsurkunde zu erhalten. 32.000 Ex-Gefangene seien so in Freiheit gekommen. Etwa 10.000 frĂŒhere HĂ€ftlinge wurden nach Prigoschins Angaben allerdings allein im Kampf um Bachmut getötet. Bei Fluchtversuchen soll die Hinrichtung drohen. FĂŒr Entsetzen sorgte ein Video, das zeigen soll, wie ein abtrĂŒnniger Wagner-Mann mit einem Vorschlaghammer getötet wird.

Nun sieht sich Prigoschin selbst von Putin als «VerrÀter» an den Pranger gestellt. Belarus gewÀhrte ihm Zuflucht. Kommentatoren meinen allerdings, dass der Wagner-Chef seine Kritik mit dem Leben bezahlen könnte, egal wo. Wie andere Kritiker Putins zuvor.

@ dpa.de