Joschka Fischer, Transatlantische Beziehungen

Fischer: 9/ 11 und Irak-Krieg ebnen Weg fĂŒr Trump-PrĂ€sidentschaft

Veröffentlicht am: 09.09.2026 um 10:31 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWS

Joschka Fischer sieht das Vertrauen der EuropĂ€er in die USA nach den Kriegen in Afghanistan und im Irak und der PrĂ€sidentschaft Donald Trumps als verloren und fordert eine europĂ€isch ausgerichtete deutsche AufrĂŒstung. Zugleich warnt er vor einem erstarkenden extremen Nationalismus in Deutschland, den er bei der AfD verortet.

Fischer: Vertrauen der EuropÀer in die USA ist verloren
US-Fahnen (Archiv) - Bild: via dts Nachrichtenagentur

Der frĂŒhere Außenminister Joschka Fischer sieht das Vertrauen der EuropĂ€er in die USA als verloren und fĂŒhrt diese Entwicklung wesentlich auf die Folgen der TerroranschlĂ€ge vom 11. September 2001 und nachfolgende Kriege zurĂŒck. Im GesprĂ€ch mit dem Nachrichtenmagazin Focus verknĂŒpft er die lange militĂ€rische PrĂ€senz in Afghanistan und den Irak-Krieg mit dem politischen Aufstieg Donald Trumps.

Fischer sieht Kriege als Wegbereiter fĂŒr Trump

Nach Fischers EinschĂ€tzung hĂ€tte es ohne die AnschlĂ€ge vom 11. September und die anschließenden MilitĂ€reinsĂ€tze die PrĂ€sidentschaft Trumps nicht gegeben. „Ohne den langen Einsatz in Afghanistan und vor allem ohne die Verirrung des Irak-Kriegs wĂ€re Donald Trump nicht PrĂ€sident geworden“, sagte er. Als tiefste Verschiebung infolge von 9/11 bezeichnet Fischer die „SelbstschwĂ€chung der USA unter Trump“, die fĂŒr ihn der entscheidende Faktor sei.

Kritik an amerikanischem RĂŒckzug aus Verantwortung

Fischer Ă€ußert VerstĂ€ndnis fĂŒr die ErmĂŒdung amerikanischer WĂ€hler angesichts „endloser und verlorener Kriege“. Zugleich warnt er, eine Weltmacht könne sich nicht einfach aus der Verantwortung zurĂŒckziehen und erklĂ€ren, sie habe genug. Ein solcher Kurs werde nach seinen Worten einen hohen Preis nach sich ziehen – fĂŒr die USA selbst ebenso wie fĂŒr jene Staaten, die von ihnen sicherheitspolitisch abhĂ€ngig sind.

Verlust von Abschreckung und Soft Power

In der internationalen Politik sei die Wahrnehmung durch andere Akteure entscheidend, betont Fischer. Er sieht die USA im Ergebnis der Trump-Jahre mit deutlich geschwĂ€chtem Abschreckungspotenzial und verringerter Soft Power, also der FĂ€higkeit, durch Anziehungskraft und Überzeugung zu wirken. Das Vertrauen der EuropĂ€er in die Vereinigten Staaten sei seiner Darstellung nach verloren, und er weist darauf hin, wie schwierig es sei, ein solches Vertrauen wiederherzustellen.

Appell fĂŒr europĂ€ische Sicherheitsstruktur

Als Konsequenz fordert Fischer, die deutsche AufrĂŒstung zu einem europĂ€ischen Projekt zu machen. Er plĂ€diert damit fĂŒr eine engere sicherheitspolitische und militĂ€rische Zusammenarbeit innerhalb Europas, statt eines ĂŒberwiegend national ausgerichteten Vorgehens. Zugleich Ă€ußert er Zweifel, ob sich dafĂŒr eine ausreichende politische UnterstĂŒtzung findet.

Warnung vor Nationalismus und Kritik an Bundesregierung

Fischer rechnet mit Widerstand gegen eine europĂ€ische Orientierung der deutschen AufrĂŒstung und spricht von erwartbarem „Geschrei“ nach dem Motto „Es ist unser Geld“. Diese Haltung nennt er kurzsichtig und verbindet seine Kritik mit UnverstĂ€ndnis gegenĂŒber dem Kurs der Bundesregierung. Deutschland befinde sich nach seinen Worten in einer extrem herausfordernden Situation: mit einer Generation, der historisches VerstĂ€ndnis nicht automatisch PrioritĂ€t sei, und mit einer „Wiederkehr eines extremen deutschen Nationalismus“, den er bei der AfD verortet.

Die Aussagen des frĂŒheren Außenministers Joschka Fischer fallen in eine Phase, in der die sicherheitspolitische Rolle der USA und Europas erneut intensiv diskutiert wird. Die anhaltenden Kriege und Konflikte seit 2001 haben nicht nur die US-Innenpolitik geprĂ€gt, sondern auch die Wahrnehmung der Vereinigten Staaten als verlĂ€ssliche FĂŒhrungsmacht in Europa verĂ€ndert. Fischers Diagnose eines verlorenen Vertrauens knĂŒpft an diese Entwicklung an und betont die strategischen Folgen fĂŒr die transatlantische Partnerschaft.

Transatlantische Beziehung und europÀische Sicherheitsdebatte

Wenn Fischer von einer „SelbstschwĂ€chung“ der USA unter Donald Trump spricht, adressiert er die Phase, in der traditionelle BĂŒndnisse wie die NATO immer wieder infrage gestellt wurden. FĂŒr europĂ€ische Staaten, die ihre Sicherheit seit Jahrzehnten maßgeblich auf US-Garantien stĂŒtzen, stellt dies einen Einschnitt dar. Seine Forderung, die deutsche AufrĂŒstung in ein europĂ€isches Projekt zu ĂŒberfĂŒhren, zielt auf eine stĂ€rkere gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik der EU. Damit reagiert er auf die Sorge, Europa könne im Ernstfall militĂ€risch und politisch zu abhĂ€ngig von einer innenpolitisch verunsicherten USA sein.

Innenpolitische Spannungen und Aufstieg des Nationalismus

Bemerkenswert ist Fischers Verbindung von außenpolitischer Unsicherheit mit inneren Entwicklungen in Deutschland. Wenn er die AfD als Verkörperung eines „extremen deutschen Nationalismus“ bezeichnet, knĂŒpft er an die aktuelle Debatte ĂŒber den Erfolg rechtspopulistischer und rechtsextremer KrĂ€fte an. Der Hinweis auf eine Generation, fĂŒr die historisches VerstĂ€ndnis nicht selbstverstĂ€ndlich sei, verweist auf die Herausforderung politischer Bildung. Die Kombination aus schwindendem Vertrauen in den wichtigsten Sicherheitspartner und erstarkenden nationalistischen Strömungen im Inneren beschreibt eine doppelte Belastung fĂŒr die deutsche Demokratie: Sie muss zugleich ihre Rolle in einer unsicheren Weltordnung klĂ€ren und den inneren Zusammenhalt gegenĂŒber antipluralistischen Tendenzen sichern.

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