Merz rechnet mit politischem Umbruch im Iran
13.01.2026 - 12:35:42Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) rechnet angesichts der Massenproteste im Iran mit einem politischen Umbruch. «Wenn sich ein Regime nur noch mit Gewalt an der Macht halten kann, dann ist es faktisch am Ende. Ich gehe davon aus, dass wir jetzt hier auch gerade die letzten Tage und Wochen dieses Regimes sehen», sagte er bei seiner Indien-Reise. US-PrĂ€sident Donald Trump will unterdessen den Druck auf die FĂŒhrung in Teheran erhöhen.
Der Republikaner kĂŒndigte Strafzölle in Höhe von 25 Prozent auf Importe aus LĂ€ndern an, die mit dem Iran GeschĂ€fte machen. Die MaĂnahme gelte ab sofort, erklĂ€rte Trump auf seiner Plattform Truth Social. Details blieben jedoch unklar. Vom WeiĂen Haus wurde zunĂ€chst kein entsprechender Erlass veröffentlicht. Trump hatte in der Vergangenheit wiederholt neue Zölle oder Erhöhungen bestehender EinfuhrgebĂŒhren angekĂŒndigt, die spĂ€ter teils zurĂŒckgenommen oder verschoben wurden.
Iranische Justiz klagt erste Demonstranten an
Irans Justiz stellte die ersten Teilnehmer der Proteste vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft in Teheran habe gegen mehrere festgenommene Personen Anklage erhoben, berichtete die iranische Nachrichtenagentur Tasnim. Besonders schwere FĂ€lle von «Randalierern» wĂŒrden demnach vorrangig und gesondert behandelt. Dazu zĂ€hle auch der Vorwurf der «KriegsfĂŒhrung gegen Gott» â ein Tatbestand, der nach islamischem Recht im Iran mit der Todesstrafe geahndet werden kann. Irans Justizchef hatte am Montag Vergeltung fĂŒr bei den Protesten getötete SicherheitskrĂ€fte und Polizisten gefordert.Â
Erstmals wieder Anrufe aus dem Iran möglich
Bewohner aus Teheran berichteten von schrecklichen Tagen, nachdem am Dienstag erstmals wieder Anrufe ins Ausland möglich waren. «Wir hören, dass tĂ€glich Hunderte Opfer - Tote und Verletzte - in die KrankenhĂ€user gebracht werden. Die Lage ist nicht gut», sagte ein junger Mann. Das Internet bleibt aber weiter gesperrt. Irans Sicherheitsapparat hatte die Bevölkerung angesichts von Massenprotesten seit Donnerstagabend von der AuĂenwelt abgeschnitten.
WĂ€hrend der Internet-Blockade konnten sich Iranerinnen und Iraner teils ĂŒber Satellitenfernsehen informieren. Einige Exilsender sind im Iran empfangbar. In mehreren Teilen Teherans jedoch haben SicherheitskrĂ€fte begonnen, SatellitenschĂŒsseln von HausdĂ€chern zu beschlagnahmen â eine alte Praxis aus der Zeit vor dem Internet. SatellitenschĂŒsseln sind offiziell verboten.
«Die Bevölkerung steht jetzt auf gegen dieses Regime», sagte Merz. «Ich hoffe, dass es eine Möglichkeit gibt, diesen Konflikt friedlich zu beenden. Das muss das Mullah-Regime jetzt auch einsehen.» Mit den USA, GroĂbritannien und Frankreich sei man zu dieser Frage im GesprĂ€ch. «Die AuĂenminister stehen in engstem Kontakt zueinander, um jetzt dafĂŒr zu sorgen, dass es im Iran einen friedlichen Ăbergang geben kann zu einer demokratisch legitimierten Regierung».Â
AuĂenminister Abbas Araghtschi attackierte Merz in den sozialen Medien. «Iraner erinnern sich auch an die widerwĂ€rtige Lobpreisung Israels durch Herrn Merz», schrieb der Minister auf der Plattform X in Anspielung auf Merz umstrittene «Drecksarbeit»-ĂuĂerung. Merz hatte im Juni 2025 die israelischen Angriffe auf den Iran verteidigt und gesagt, dass Israel die Drecksarbeit fĂŒr alle mache. «SchĂ€men Sie sich. Besser noch: Deutschland sollte seine völkerrechtswidrige Einmischung in unserer Region beenden», schrieb Araghtschi weiter.
Deutschland in Europa wichtigster Handelspartner des Irans
Zu den wichtigsten Handelspartnern der Islamischen Republik, die von den USA und der EU mit weitreichenden Sanktionen belegt ist, gehören unter anderem China, Indien, die Emirate und die TĂŒrkei. Aber auch EU-LĂ€nder wie Deutschland betreiben in geringem Umfang Handel mit dem Iran. Im Jahr 2024 etwa gingen deutsche Exporte im Wert von knapp 1,3 Milliarden Euro in das Land, zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamts. Damit stand Iran auf Platz 68 in der Rangfolge der deutschen Handelspartner hinter Kolumbien. In Europa gilt Deutschland jedoch als wichtigster Handelspartner Irans.
Nach Angaben der bundeseigenen Wirtschaftsförderungsgesellschaft GTAI werden vor allem Chemieerzeugnisse, Maschinen und Elektrotechnik in den Iran exportiert. Nach Deutschland importiert wurden Waren im Wert von rund 230 Millionen Euro â insbesondere Nahrungsmittel, darunter Pistazien, sowie Textilien wie geknĂŒpfte Teppiche. Beim Import rangierte der Iran auf Platz 97 unter den deutschen Handelspartnern. Iranische Aktivisten im Exil fordern seit Jahren, dass europĂ€ische Regierungen ihre Handelsbeziehungen zum Iran einschrĂ€nken, um Druck auf die FĂŒhrung in Teheran auszuĂŒben.
Aktivisten gehen von rund 650 Toten aus
Seit mehr als zwei Wochen demonstrieren Iranerinnen und Iraner gegen das autoritÀre Herrschaftssystem der Islamischen Republik. Die durch eine Wirtschaftskrise ausgelösten Proteste haben inzwischen eine landesweite Dimension angenommen. In StÀdten kam es zu heftigen Ausschreitungen und schweren Unruhen. Der Sicherheitsapparat reagiert mit brutaler HÀrte. Es sind die schwersten Proteste im Iran seit Jahren.
Die Menschenrechtsorganisation Iran Human Rights (IHRNGO) mit Sitz in Oslo beziffert die Zahl der Toten seit Ausbruch der Proteste Ende Dezember auf inzwischen mindestens 648. Auch das Menschenrechtsnetzwerk HRANA mit Sitz in den USA sprach von knapp 650 Toten. Darunter seien 505 Demonstranten - unter ihnen neun Kinder - und 133 MilitĂ€r- und Polizeibeamte.Â
Einigen SchĂ€tzungen zufolge könnten sogar mehr als 6.000 Menschen getötet worden sein, schrieb IHRNGO auf X weiter. Die Zahl der Festnahmen ĂŒbersteige einigen SchĂ€tzungen nach mehr als 10.000. Die Angaben können derzeit nicht unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒft werden.





