Protest, Uhr

Protest um zwölf Uhr? - PrÀsidentenwahl in Russland endet

17.03.2024 - 04:16:58

Kremlchef Wladimir Putin will als möglichst ĂŒberzeugender Wahlsieger erscheinen. Deshalb treiben die Behörden die Menschen an die Wahlurnen. Nur zu einer bestimmten Uhrzeit sollen sie nicht kommen.

In Russland ist an diesem Sonntag der dritte und letzte Tag der von ManipulationsvorwĂŒrfen begleiteten PrĂ€sidentenwahl. Vom Kreml ist die Abstimmung so angelegt, dass sie das angeblich große Vertrauen in Wladimir Putin und die UnterstĂŒtzung fĂŒr dessen Krieg gegen die Ukraine belegen soll. Putin (71) beherrscht die russische Politik seit fast einem Vierteljahrhundert. Die Abstimmung soll ihm eine fĂŒnfte Amtszeit bis 2030 sichern.

Die Rahmenbedingungen sind aber nach EinschĂ€tzung unabhĂ€ngiger Wahlrechtsexperten in Russland wie im Ausland weder frei noch fair: Die Opposition ist ausgeschlossen, die drei zugelassenen Gegenkandidaten gelten als kremltreu. Zahlreiche Berichte belegen, dass Druck auf die Russen und Russinnen ausgeĂŒbt wird, an der Wahl teilzunehmen. Schon Samstagnachmittag meldete die zentrale Wahlleitung, dass mehr als die HĂ€lfte der etwa 114 Millionen Wahlberechtigten in Wahllokalen oder online abgestimmt habe. Aus vielen Regionen wurden noch höhere Prozentzahlen gemeldet, ohne dass dies ĂŒberprĂŒfbar war.

Hoffnung auf Proteste zur Mittagszeit

FĂŒr Sonntagmittag haben verschiedene oppositionelle KrĂ€fte dazu aufgerufen, genau um 12.00 Uhr Ortszeit wĂ€hlen zu gehen. Die entstehenden Warteschlangen vor den Wahllokalen sollten einen Eindruck davon geben, dass viele Menschen mit Putin und seiner Politik nicht einverstanden sind. BefĂŒrchtet wird, dass es dabei zu Festnahmen kommen könnte. Die Behörden warnten vor einer Teilnahme an der Aktion, in der sie «Anzeichen extremistischer AktivitĂ€ten» erkennen.

Wie mehrere russische Medien berichteten, bekamen BĂŒrger in Moskau, deren kritische Haltung den Behörden bekannt ist, auf ihr Mobiltelefon Warnmeldungen unbekannter Absender. Sie sollten zur Wahl gehen, «aber ohne Warteschlangen», hieß es nach Angaben des Portals Meduza in diesen Mitteilungen.

In den ersten zwei Tagen gab es mehrere FĂ€lle, dass Menschen aus Protest Farbe in Wahlurnen kippten, um die Stimmzettel darin ungĂŒltig zu machen. In der Stadt Jekaterinburg am Ural wurde eine Professorin an einer örtlichen UniversitĂ€t wegen eines solchen Versuchs festgenommen und zu 15 Tagen Arrest verurteilt. FĂŒr andere FĂ€lle drohen höhere Strafen. Auch mehrere versuchte Brandstiftungen in Wahllokalen wurden gemeldet. Bis Samstag wurden nach ZĂ€hlung der oppositionellen Zeitung Nowaja Gaseta Europa» 15 eingeleitete Verfahren gezĂ€hlt.

Russlands Wahlleiterin Ella Pamfilowa sagte, mehr als 210 Wahlzettel seien durch in Wahlurnen geschĂŒttete FlĂŒssigkeiten zerstört worden. Die Störaktionen seien aus 20 russischen Wahlregionen gemeldet worden. Zudem habe es acht Brandstiftungen gegeben. Russlands Ex-PrĂ€sident Dmitri Medwedew bezeichnete die TĂ€ter auf Telegram als «VerrĂ€ter», die einem fremden Staat wĂ€hrend eines Kriegs Hilfe leisteten.

Nawalny-Team meldet Wahlproteste in Russland

Das Team um den gestorbenen Kremlgegner Alexej Nawalny hat am letzten Tag der PrĂ€sidentenwahl von zahlreichen Protestteilnehmern gegen die Wiederwahl von Putin berichtet. Im Ă€ußersten Osten Russlands in Wladiwostok, in Nowosibirsk, Omsk, Irkutsk und anderen sibirischen StĂ€dten kamen zur Mittagszeit (Ortszeit) Menschen, die sich an der Aktion «Mittag gegen Putin» beteiligten, wie das Nawalny-Team in einem Live-Stream bei Youtube zeigte. In Jekaterinburg am Ural standen demnach Hunderte Menschen an einem Wahllokal an. Auch andere Putin-Gegner wie der im Exil in Großbritannien lebende russische GeschĂ€ftsmann Michail Chodorkowski riefen die Menschen auf, keine Angst zu haben und an der Aktion teilzunehmen.

Stapelweise Stimmzettel in Urne geworfen

Manipulationen am Ergebnis befĂŒrchtet die unabhĂ€ngige Wahlbeobachtungsorganisation Golos vor allem bei der Online-Abstimmung und bei den Wahlautomaten. Aus Krasnodar im SĂŒden Russlands wurde am Samstag aber auch eine klassische Methode der WahlfĂ€lschung gemeldet: Ein Mitglied einer Wahlkommission warf zahlreiche ausgefĂŒllte Stimmzettel in die Urne ein.

Die Wahlen finden im grĂ¶ĂŸten FlĂ€chenland der Erde verteilt ĂŒber elf Zeitzonen statt. Als letztes schließen am Sonntagabend um 19.00 Uhr MEZ die Wahllokale in der Ostsee-Exklave Kaliningrad. Danach sollen die angeblichen Resultate von Nachwahlbefragungen sowie erste AuszĂ€hlungsergebnisse veröffentlicht werden. Die GesamtauszĂ€hlung lĂ€uft meist bis in den Montagvormittag. Ein offizielles Endergebnis soll am 28. MĂ€rz feststehen.

Auch besetzte ukrainische Gebiete mĂŒssen mitwĂ€hlen

International wird besonders kritisiert, dass die Scheinwahl auch in den besetzten ukrainischen Gebieten abgehalten wird. Russland hat diese Gebiete völkerrechtswidrig annektiert. Im ostukrainischen Gebiet Donezk behauptete die Wahlbehörde, dass die Beteiligung bis Samstagabend bereits bei 86,75 Prozent gelegen habe. Die russische Opposition, darunter Julia Nawalnaja, Witwe des in Haft gestorbenen Kremlgegners Alexej Nawalny, fordert das Ausland auf, die Wiederwahl Putins nicht anzuerkennen.

@ dpa.de