Iran greift Israel mit fast 200 Raketen an
01.10.2024 - 21:05:59Der Iran hat Israel mit zahlreichen Raketen angegriffen. Rund 180 Geschosse wurden nach ersten SchĂ€tzungen der israelischen Armee am Dienstagabend abgefeuert. Die meisten seien von Israel und einer von den USA gefĂŒhrten Verteidigungskoalition abgefangen worden, hieĂ es vom israelischen MilitĂ€r. Ein Todesopfer gab es im Westjordanland und zwei Verletzte in Tel Aviv.Â
Der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu kĂŒndigte Vergeltung an. «Der Iran hat heute Abend einen groĂen Fehler gemacht â und er wird dafĂŒr bezahlen», sagte Netanjahu dem israelischen Sicherheitskabinett nach Angaben seines BĂŒros. Irans Angriff sei gescheitert.
Auch die US-Regierung bewertete den Raketenangriff auf Israel als «vereitelt und unwirksam». Dennoch handele es sich um eine «bedeutende Eskalation», sagte US-Sicherheitsberater Jake Sullivan in Washington. Das US-Verteidigungsministerium warnte den Iran vor weiteren Angriffen auf Israel. Pentagon-Sprecher Pat Ryder sagte: «Wir hoffen natĂŒrlich, dass sie das nicht tun, aber wir mĂŒssen natĂŒrlich auf diese Möglichkeit vorbereitet sein.»
Laut Armeesprecher Daniel Hagari gab es bei dem Raketenangriff eine kleine Zahl von EinschlĂ€gen im Zentrum und im SĂŒden Israels. In den StĂ€dten und auch seitens des MilitĂ€rs wurden bis zum spĂ€ten Abend keine gröĂeren SchĂ€den gemeldet. «Dieser Angriff wird Konsequenzen haben», warnte Hagari. DafĂŒr gebe es schon PlĂ€ne.Â
Zur Raketenabwehr setzten die USA nach eigenen Angaben Kriegsschiffe ein. US-PrĂ€sident Joe Biden hatte das US-MilitĂ€r angewiesen, Israel zu unterstĂŒtzen und iranische Raketen abzuschieĂen. Bei dem Raketenangriff kam palĂ€stinensischen Angaben zufolge ein Mann im Westjordanland ums Leben. Der 38-jĂ€hrige PalĂ€stinenser sei in Jericho durch Raketensplitter getötet worden, teilten der palĂ€stinensische Zivilschutz und örtliche Medien mit. Der Getötete kam demnach ursprĂŒnglich aus dem Gazastreifen.Â
Iran: Attacke ist Vergeltung fĂŒr Tötung der Hisbollah-ChefsÂ
Die iranischen Revolutionsgarden erklĂ€rten, die Attacke sei eine Vergeltung fĂŒr die Tötung von Hamas-Auslandschef Ismail Hanija, Hisbollah-GeneralsekretĂ€r Hassan Nasrallah sowie eines iranischen Generals, hieĂ es im Staatsfernsehen.Â
Millionen Menschen in Israel suchten wÀhrend des Angriffs Zuflucht in SchutzrÀumen. In einem Bunker unterhalb eines Einkaufszentrums im Zentrum von Tel Aviv versammelten sich Dutzende Menschen. Eine Frau reagierte panisch auf die GerÀusche von Explosionen, die auch in den unterirdischen RÀumen zu hören waren. Viele Menschen lasen oder hörten Nachrichten, bis es nach rund einer Stunde Entwarnung gab und sie den Bunker wieder verlassen durften.
Werden die USA in den Krieg hineingezogen?
Auch der US-Sicherheitsberater Sullivan sagte, der Angriff werde Konsequenzen haben, daran arbeite man nun mit Israel. Auf die Frage, ob die israelische Regierung unter MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu die USA in einen regionalen Krieg hineinziehe, antwortete der Sprecher des US-AuĂenministeriums, Matthew Miller: «Die Vereinigten Staaten bieten ihren Rat an, sie bieten ihre UnterstĂŒtzung an, sie bieten ihre AbschreckungsfĂ€higkeiten an. Sie bieten unseren Partnern ihre diplomatischen FĂ€higkeiten an. Aber letztendlich mĂŒssen unsere Partner und VerbĂŒndeten ihre eigenen Entscheidungen ĂŒber ihre Zukunft treffen, und die Vereinigten Staaten mĂŒssen ihre eigenen Entscheidungen ĂŒber nationale Interessen treffen.» Die USA seien bereit dazu, Diplomatie und Abschreckung zu nutzen, um einen regionalen Krieg zu verhindern. Dies werde man auch weiterhin tun.Â
In der israelischen KĂŒstenmetropole Tel Aviv wurden zwei Menschen bei dem Angriff durch Granatsplitter leicht verletzt, wie der Rettungsdienst Magen David Adom mitteilte. Mehrere andere wurden demnach wegen leichter Verletzungen nach einem Sturz oder wegen akuter AngstzustĂ€nde behandelt.
Kurz vor dem Raketenangriff wurden im SĂŒden von Tel Aviv bei einem Schuss- und Messerangriff mehrere Menschen getötet. Laut Polizei kamen mindestens sechs Menschen bei der Attacke in Jaffa, einem arabisch geprĂ€gten Viertel, ums Leben. Bei den Todesopfern handelt es sich demnach um Zivilisten.
Drohung aus dem Iran mit «vernichtenden Angriffen»
Die LuftstreitkrÀfte der Revolutionsgarden hatten nach eigener Darstellung auf wichtige militÀrische Ziele in Israel gefeuert. Gleichzeitig drohten die Revolutionsgarden mit weiteren, «vernichtenden und zerstörerischen Angriffen», sollte Israel auf den iranischen Schlag reagieren.
UN-GeneralsekretĂ€r AntĂłnio Guterres mahnte nach dem Raketenangriff die Konfliktparteien zur ZurĂŒckhaltung: «Das muss aufhören. Wir brauchen unbedingt einen Waffenstillstand», schrieb Guterres auf der Plattform X.
US-Regierung warnte vor AngriffÂ
Die US-Regierung hatte kurz vor der Attacke vor einem «unmittelbar bevorstehenden» Raketenangriff des Irans auf Israel gewarnt. Wenig spĂ€ter hatten die israelischen Behörden die Menschen im GroĂraum Tel Aviv angewiesen, in der NĂ€he von SchutzrĂ€umen zu bleiben.Â
Schon im April hatten Irans Revolutionsgarden (IRGC) zum ersten Mal in der Geschichte der Islamischen Republik einen direkten Angriff auf Israel ausgefĂŒhrt. Dabei feuerten die IRGC-LuftstreitkrĂ€fte mehr als 300 Drohnen, Raketen und Marschflugkörper auf ihren Erzfeind. Der Angriff wurde erfolgreich abgewehrt. Der Iran reagierte damit auf die Tötung hochrangiger GenerĂ€le, die davor bei einem mutmaĂlich israelischen Angriff in Syrien getötet worden waren.
Zuletzt erhebliche SchwĂ€chung von Irans VerbĂŒndeten
Israels MilitĂ€r und Geheimdienste hatten zuletzt Irans VerbĂŒndete in der Region erheblich geschwĂ€cht. Ende Juli wurde der Auslandschef der islamistischen Hamas in Teheran getötet. Irans StaatsfĂŒhrung schwor daraufhin Rache. Am vergangenen Freitag wurde mit Nasrallah, dem Chef der libanesischen Schiitenorganisation Hisbollah, ein weiterer und zentraler VerbĂŒndeter Teherans getötet. Zuvor hatten explodierende FunkempfĂ€nger, sogenannte Pager, Hunderte Hisbollah-FunktionĂ€re verletzt und etliche auch getötet. Es war seither unklar, ob und wie Irans militĂ€rische FĂŒhrung darauf reagiert.
Am Dienstag kam ein weiterer Schritt des israelischen MilitĂ€rs hinzu: Erstmals seit fast zwei Jahrzehnten drangen israelische Bodentruppen wieder in den Libanon ein. Rund ein Jahr nach Beginn des Gaza-Kriegs verlagerte sich damit der Schwerpunkt der KĂ€mpfe in Richtung des nördlichen Nachbarlandes. Die Armee sprach von «begrenzten» Angriffen in GrenznĂ€he auf Ziele der schiitischen Hisbollah, die eng mit dem Iran verbĂŒndet ist.
Freudenfeuer in Beirut
Nach dem iranischen Raketenangriff brach in der libanesischen Hauptstadt Beirut teilweise Jubel aus. Aus dem Vorort Haret Hreik, in dem Israel den Hisbollah-Chef Nasrallah getötet hatte, waren FreudenschĂŒsse zu hören, wie Augenzeugen berichteten. Klatschen und Jubel waren auch im Zentrum von Beirut zu hören, wo derzeit viele Familien auf der StraĂe und öffentlichen PlĂ€tzen ausharren, die durch Israels Angriffe im Land vertrieben wurden.
Seit der Revolution von 1979 gelten die USA und Israel als Erzfeinde der Islamischen Republik. Mit Ausbruch des Gaza-Kriegs vor knapp einem Jahr drohte mehrfach, dass sich der Schattenkonflikt zu einem FlÀchenbrand entwickelt. Irans Revolutionsgarden sind die Elitestreitmacht des Landes und gelten als deutlich schlagkrÀftiger als die regulÀre Armee.









