Selenskyj tauscht MilitĂ€rfĂŒhrung aus - Saluschnyj muss gehen
08.02.2024 - 20:34:03Unter zunehmendem Druck nach fast zwei Jahren russischen Angriffskrieges hat der ukrainische PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj seinen obersten MilitĂ€rfĂŒhrer Walerij Saluschnyj entlassen. Das teilte Selenskyj in seiner abendlichen Videobotschaft in Kiew mit. Zum neuen Oberbefehlshaber ernannte er Generaloberst Olexander Syrskyj, den bisherigen Kommandeur der ukrainischen LandstreitkrĂ€fte.Â
Der Schritt folgte auf Wochen voller Spekulationen ĂŒber das Schicksal des bei Armee und Bevölkerung beliebten Generals Saluschnyj. Das ZerwĂŒrfnis zwischen dem zivilen PrĂ€sidenten und dem obersten MilitĂ€r wurde aber zumindest fĂŒr den Moment des Abschieds ĂŒberdeckt. Bei einem Treffen in Kiew gaben Selenskyj und Saluschnjy einander die Hand und lĂ€chelten gemeinsam in die Kamera.Â
Saluschnyj könnte weiter Teil des Teams bleiben
«Ich habe ihm fĂŒr zwei Jahre der Verteidigung gedankt», schrieb Selenskyj auf seinen Blogs in sozialen Netzwerken. «Wir haben darĂŒber gesprochen, welche Erneuerung die ukrainischen StreitkrĂ€fte brauchen.» Es sei auch darum gegangen, wie die ArmeefĂŒhrung erneuert werden könne. Selenskyj sagte, er habe Saluschnyj angeboten, «weiter Teil des Teams zu bleiben». Er gab aber keinen Hinweis auf eine mögliche neue Aufgabe fĂŒr den 50 Jahre alten Soldaten.Â
Auch Verteidigungsminister Rustem Umjerow dankte dem scheidenden Oberbefehlshaber. Er schrieb aber auf Facebook, die Schlachten der Jahre 2022, 2023 und 2024 seien «unterschiedliche RealitÀten». 2024 werde VerÀnderungen bringen. «Neue AnsÀtze, neue Strategien sind nötig.» Saluschnyj selbst sagte als letztes Wort vor dem Abschied: «Ich bin stolz auf jeden in den StreitkrÀften der Ukraine, der die Zukunft unserer Kinder verteidigt.»
Seit Juli 2021 Oberbefehlshaber
Saluschnyj war im Juli 2021 als Oberkommandierender der ukrainischen StreitkrĂ€fte eingesetzt worden. Unter seiner FĂŒhrung hielten die Truppen dem russischen Einmarsch vom Februar 2022 stand. Sie eroberten im Lauf des ersten Kriegsjahres sogar besetzte Teile des Gebietes Charkiw und die Gebietshauptstadt Cherson im SĂŒden zurĂŒck. Der General Saluschnyj war auch maĂgeblich an der Planung der ukrainischen Sommeroffensive 2023 beteiligt, die aber gegen stark befestigte russische Verteidigungsanlagen kaum vorankam.
In einem aufsehenerregenden Artikel fĂŒr die britische Zeitschrift «The Economist» schrieb der General davon, dass der Krieg am Boden in eine Pattsituation geraten sei. Nur groĂe Waffenlieferungen und ein Technologiesprung könnten die Ukraine wieder in die Offensive bringen. Selenskyj widersprach seinem höchsten MilitĂ€r bei dieser EinschĂ€tzung öffentlich. Auch in der Frage einer weiteren Mobilisierung von Soldaten waren die Verantwortlichen fĂŒr die ukrainische KriegsfĂŒhrung uneins. Nach Medienberichten hatte Selenskyj den General schon Ende Januar zum RĂŒcktritt gedrĂ€ngt; dieser lehnte demnach aber ab.
Der russische Druck wÀchst
In der ukrainischen Ăffentlichkeit, aber auch bei westlichen UnterstĂŒtzern hatte der Konflikt in der Kiewer FĂŒhrung Bedenken ausgelöst angesichts des wachsenden russischen Drucks. In diese Richtung ging auch eine erste Reaktion des Kiewer BĂŒrgermeisters Vitali Klitschko. «Ich hoffe, dass die Regierung der Ăffentlichkeit diese Ănderungen erlĂ€utern wird. Wenn an der Front schwere KĂ€mpfe stattfinden, wenn wir die effektive Zusammenarbeit mit auslĂ€ndischen Partnern fortsetzen mĂŒssen. Wenn die Einheit der Gesellschaft vertrauenswĂŒrdige AutoritĂ€ten braucht», schrieb Klitschko auf Telegram. Ex-PrĂ€sident Petro Poroschenko nannte Saluschnyj den General, «der die Ukraine im schwierigsten Moment ihrer Geschichte gerettet hat».
Bei seinen Soldaten und in der Bevölkerung galt der bullige Soldat als Ă€uĂerst beliebt. Deshalb kamen immer wieder Spekulationen auf, der MilitĂ€r strebe eine eigene politische Karriere an. Er selbst dementierte dies. Saluschnyj ist in den ukrainischen StreitkrĂ€ften einer der ranghohen Offiziere ohne VorprĂ€gung durch die frĂŒhere sowjetische Armee. Er setzte deshalb auf Kommandostrukturen, die sich am Vorbild der Nato orientieren.
Neuer Oberbefehlshaber ist gebĂŒrtiger Russe
Der neue Oberbefehlshaber Syrskyj (58) hat noch die sowjetische Schulung durchlaufen, er erhielt seine Offiziersausbildung in Moskau. Der Generaloberst ist ethnischer Russe, er wurde im russischen Gebiet Wladimir geboren und lebt seit 1980 in der heutigen Ukraine. Die Liste seiner Verdienste ist ebenfalls lang. Er war ein Kommandeur bei der Verteidigung gegen die als Separatistenbewegung getarnte russische Besetzung der Ostukraine ab 2014. Seit 2019 kommandiert der verheiratete Vater eines Sohnes die LandstreitkrĂ€fte der Ukraine.Â
Nach Beginn der groĂangelegten russischen Invasion im Februar 2022 hatte Syrskyj groĂen Anteil an der Verteidigung von Kiew und am Durchbrechen russischer Stellungen im Herbst 2022 im Gebiet Charkiw. Er kommandierte auch die hinhaltende Verteidigung der Stadt Bachmut bis FrĂŒhjahr 2023. Sie fĂŒgte den Russen schwere Verluste zu, war aber auch mit hohen ukrainischen Opfern erkauft.
Kritik von Experten
Zwischen Syrskyj und PrĂ€sident Selenskyj gab es MilitĂ€rexperten zufolge schon lĂ€nger einen direkten Draht - auch unter Umgehung von Saluschnyj. Unklar ist, welche anderen strategischen Ziele der neue Oberbefehlshaber angesichts der Lage verfolgen kann: Russland wirft immer mehr Soldaten und Material in den Krieg, der Ukraine fehlt es an Waffen und Munition, im Ausland wird lange ĂŒber die nötige UnterstĂŒtzung gestritten. «Saluschnyj rauszuwerfen und durch Syrskyj zu ersetzen - das ist kein neuer Ansatz. Sorry», kritisierte der bekannte ukrainische Journalist IIlja Ponomarenko.Â


