Chaos in Haiti - Deutscher Botschafter reist aus
10.03.2024 - 21:09:12 | dpa.deAnhaltende schwere Bandengewalt hat in Haiti den Druck auf den im Ausland gestrandeten Regierungschef Ariel Henry erhöht und die humanitÀre Krise weiter verschÀrft. Deutschlands Botschafter und der StÀndige Vertreter reisten aufgrund «der sehr angespannten Sicherheitslage» gemeinsam mit Entsandten der EU-Delegation ins Nachbarland Dominikanische Republik aus, wie ein Sprecher des AuswÀrtigen Amtes der Deutschen Presse-Agentur sagte.
Auch das US-MilitÀr flog am Wochenende nicht essenzielle Mitarbeiter der US-Botschaft aus und verstÀrkte die Sicherheitsvorkehrungen, wie das US-Regionalkommando Southcom mitteilte.
Die Gewalt der mĂ€chtigen Banden, die die Interimsregierung von Premierminister Henry stĂŒrzen wollen, legt groĂe Teile Haitis seit rund zehn Tagen lahm. Seit Tagen sind alle FlĂŒge ausgefallen. Am Freitagabend (Ortszeit) wurde nach Medienberichten rund um den PrĂ€sidentenpalast heftig geschossen.
Der PrĂ€sident der Dominikanischen Republik, Luis Abinader, hatte Henry am Samstag zur unerwĂŒnschten Person erklĂ€rt. Aus SicherheitsgrĂŒnden sei dieser nicht willkommen, teilte Abinaders BĂŒro mit. Die Krise in Haiti stelle auch eine direkte Bedrohung der StabilitĂ€t und Sicherheit der Dominikanischen Republik dar. Das bei Urlaubern beliebte Land teilt sich die Karibikinsel Hispaniola mit Haiti, dem Ă€rmsten Land des amerikanischen Kontinents.
Ende Februar war in Haiti, wo Banden laut UN bereits etwa 80 Prozent der Hauptstadt Port-au-Prince kontrollierten, die Gewalt eskaliert. Henry war zu der Zeit auf einer Auslandsreise, unter anderem in Kenia - dem Land, das eine vom UN-Sicherheitsrat genehmigte Sicherheitsmission in Haiti anfĂŒhren soll. Seither kehrte er offenbar wegen der Sicherheitslage nicht nach Haiti zurĂŒck. Am Dienstag reiste Henry nach Puerto Rico, nachdem ihm die Dominikanische Republik keine Landeerlaubnis erteilt hatte. Beide internationale FlughĂ€fen in Haiti sind wegen der Gewalt geschlossen.
PrĂ€sident zum RĂŒcktritt aufgefordert
Die zwei wichtigsten bewaffneten Gruppen des Landes hatten sich zusammengeschlossen. Ihr AnfĂŒhrer, der Ex-Polizist Jimmy ChĂ©rizier alias «Barbecue», forderte Henry zum RĂŒcktritt auf - andernfalls werde es zu einem BĂŒrgerkrieg kommen. Die Banden befreiten mehr als 4500 HĂ€ftlinge aus zwei GefĂ€ngnissen und griffen unter anderem Einrichtungen der Polizei und FlughĂ€fen an. Am Hafen von Port-au-Prince kam es zu PlĂŒnderungen. Nach einem Bericht des Portals «AyiboPost» zeigte die notorisch unterbesetzte Polizei kaum noch PrĂ€senz in den StraĂen der Hauptstadt.
Wie viele Menschen der Gewalt zum Opfer fielen, ist bislang unklar. Die «Washington Post» berichtet von Leichen auf offener StraĂe, die wegen der Sicherheitslage nicht bestattet werden konnten und stattdessen verbrannt wurden. Fast die HĂ€lfte der rund elf Millionen Einwohner Haitis leidet laut UN unter akutem Hunger. Das Gesundheitssystem stand nach Angaben vom Mittwoch des UN-Hochkommissars fĂŒr Menschenrechte, Volker TĂŒrk, am Rande des Zusammenbruchs.
Henry, ein 74-jĂ€hriger Neurochirurg, hatte die RegierungsgeschĂ€fte ĂŒbernommen, nachdem PrĂ€sident Jovenel MoĂŻse am 7. Juli 2021 in seiner Residenz ermordet worden war. Seitdem wurden keine Wahlen abgehalten, Haiti hat derzeit weder einen PrĂ€sidenten noch ein Parlament. Die frĂŒhere Besatzungsmacht USA - der viele Haitianer und Beobachter nachsagen, den unbeliebten Henry bislang an der Macht gehalten zu haben - forderte ihn in den vergangenen Tagen auf, den politischen Ăbergang zu beschleunigen. UN-GeneralsekretĂ€r AntĂłnio Guterres rief dazu auf, die multinationale Sicherheitsmission zu finanzieren. Laut UN sind mehr als 300.000 Menschen innerhalb Haitis wegen der Bandengewalt der letzten Jahre vertrieben worden.
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