Iran: Peseschkian als neuer PrÀsident vereidigt
30.07.2024 - 16:18:38Massud Peseschkian ist neuer PrÀsident des Irans. Der als moderat geltende 69-JÀhrige wurde im Parlament in der Hauptstadt Teheran vereidigt und nimmt somit offiziell die AmtsgeschÀfte als neunter PrÀsident der Islamischen Republik auf. An der Vereidigungszeremonie nahmen nach iranischen Angaben hochrangige Vertreter aus 86 LÀndern teil. Die meisten westlichen LÀnder hatten Peseschkian weder zum Wahlsieg gratuliert, noch standen sie auf der GÀsteliste des Parlaments.
Peseschkian konnte sich als Kandidat des Reformlagers in einer Stichwahl Anfang Juli gegen Said Dschalili, ein Hardliner und Wunschkandidat des Systems, durchsetzen. Nach der Vereidigung will Peseschkian zunÀchst seine VizeprÀsidenten und Kabinettsmitglieder vorstellen. Bislang hat er nur Mohammed-Resa Aref als seinen ersten Vize ernannt. Der 71-jÀhrige Aref war von 2001 bis 2005 auch VizeprÀsident von Mohammad Chatami.
Hohe Erwartungen an Peseschkian
Laut iranischer Verfassung ist nicht der PrĂ€sident, sondern Ajatollah Ali Chamenei als oberster FĂŒhrer das eigentliche Staatsoberhaupt des Landes. Daher wird auch nicht Peseschkian, sondern Chamenei weiterhin das letzte Wort in allen strategischen Belangen haben.
Nichtsdestotrotz sind die Erwartungen an Peseschkian im Land enorm hoch. Als wichtigste Aufgabe des neuen PrĂ€sidenten gilt, die desolate Wirtschaft im Land anzukurbeln. Das ist Beobachtern zufolge jedoch ohne die Aufhebung der im Zusammenhang mit dem Atomstreit verhĂ€ngten internationalen Sanktionen gegen den Iran nicht machbar.Â
«Unser erstes Ziel ist Gerechtigkeit fĂŒr alle ohne jegliche Diskriminierung», sagte Peseschkian nach der Vereidigung. AuĂenpolitisch wolle der Iran einen konstruktiven Dialog mit der Weltgemeinschaft. Dieser mĂŒsse aber auf der Basis von gegenseitigem Respekt sein, sagte er weiter.Â
Keine gröĂeren VerĂ€nderungen in Nahostpolitik erwartet
In der Nahostpolitik gibt es geringe Erwartungen, dass es mit dem neuen PrĂ€sidenten zu spĂŒrbaren VerĂ€nderungen kommt. Auch fĂŒr Peseschkian gilt die «Befreiung PalĂ€stinas von israelischer Besatzung» sowie UnterstĂŒtzung der antiisraelischen Widerstandsfront als Hauptdoktrin der AuĂenpolitik. Seine Regierung wolle Frieden und keine Spannungen, könne aber die israelischen Verbrechen in Gaza nicht hinnehmen, sagte Peseschkian.Â
Nach EinschĂ€tzung von Beobachtern wĂ€re mit Peseschkian ein direkter Konflikt mit dem Erzfeind Israel jedoch unwahrscheinlich. Wegen der Wirtschaftskrise im eigenen Land - und seines Wahlmottos «FĂŒr den Iran» - erwarten die Iranerinnen und Iraner auch weniger UnterstĂŒtzung fĂŒr die Widerstandsgruppen, die Teheran in der Region finanziert.
Mit Ăgypten könnte nach 45-jĂ€hriger Eiszeit unter Peseschkian eine AnnĂ€herung vollzogen werden. Der Ă€gyptische AuĂenminister Samih Schukri reiste zur Vereidigung des neuen PrĂ€sidenten nach Teheran. Der Iran hofft seit langem, die diplomatischen Beziehungen mit Kairo wieder voll aufzunehmen. Ăgyptens PrĂ€sident Abdel Fattah al-Sisi hatte seinem neuen iranischen Amtskollegen zum Wahlsieg gratuliert.
InternetbeschrÀnkungen und Frauenrechte als innenpolitische Hausaufgaben
Innenpolitisch stechen zwei Themen hervor: die Internetpolitik und Frauenrechte. Die von den Hardlinern im Parlament verhĂ€ngten Internet-EinschrĂ€nkungen haben besonders viele Online-Unternehmen lahmgelegt. In der Hinsicht erwarten die WĂ€hler Peseschkians ein konsequentes und kompromissloses Vorgehen gegenĂŒber dem Parlament und eine schnelle Abschaffung der massiven EinschrĂ€nkungen.
Bei den Frauen geht es um die strengen StraĂenkontrollen der Sittenpolizei, die sie zur Einhaltung der islamischen Kleiderordnung zwingen sollen. Seit der Frauenbewegung 2022 und den landesweiten Protesten ignorieren Frauen die islamischen Kleidungsvorschriften und insbesondere das Tragen des obligatorischen Kopftuchs zunehmend. Zuletzt gab es erneut strengere Kontrollen, die teils auch zu Polizeigewalt gegen Frauen und Festnahmen fĂŒhrten. Peseschkian versprach im Wahlkampf, die Kontrollen umgehend zu stoppen.
Im Reformlager herrscht seit der Stichwahl eine regelrechte Peseschkian-Euphorie, fĂŒr seine AnhĂ€nger gilt er als neuer HoffnungstrĂ€ger. Beobachter warnen allerdings vor erhöhten Erwartungen. Der neue PrĂ€sident ist politisch ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. Regierungserfahrung hatte der Herzchirurg lediglich zwischen 2011 bis 2015 als Gesundheitsminister; er war sonst nur im Parlament tĂ€tig. Ob er sich als PrĂ€sident gegen den mĂ€chtigen Klerus und die islamischen Hardliner im Parlament durchsetzen kann, bleibt abzuwarten.Â


