Trumps triumphierende StraftÀter und Zweifel am Rechtssystem
22.01.2025 - 05:00:39Kurz nach der Begnadigung aller StraftĂ€ter der Kapitol-Attacke durch den neuen US-PrĂ€sidenten Donald Trump sind viele Verurteilte auf freiem FuĂ - und triumphieren. An verschiedenen Orten im Land wurden in den ersten Stunden nach Trumps AmtseinfĂŒhrung HĂ€ftlinge entlassen, die wegen ihrer Beteiligung an dem gewaltsamen Sturm auf den Parlamentssitz vor vier Jahren schuldig gesprochen wurden. Darunter sind Leute, die damals brutal auf Polizisten und andere SicherheitskrĂ€fte einprĂŒgelten.
Auch die bekanntesten Beschuldigten mit den höchsten Haftstrafen - die frĂŒheren FrontmĂ€nner der beiden rechtsradikalen Gruppen «Oath Keepers» und «Proud Boys», Stewart Rhodes und Henry «Enrique» Tarrio - kamen nur Stunden nach Trumps Amtsantritt frei. Sie Ă€uĂerten sich mit Genugtuung.
Trumps rigorose Total-Begnadigung von allen aberhunderten StraftĂ€tern vom 6. Januar 2021 ĂŒberraschte selbst Leute aus seinem Umfeld. Hochrangige Demokraten und Ex-Polizisten reagierten empört und höchst alarmiert. Trump rechtfertigte seine Entscheidung und sagte, viele Strafen seien «lĂ€cherlich» und «exzessiv» gewesen. Sein Schritt beweist einmal mehr, dass der Republikaner keinen Tabubruch scheut. Es zeigt aber auch, wie lĂ€diert das amerikanische Justizsystem ist - und wie gefĂ€hrdet die amerikanische Demokratie.Â
Begnadigung fĂŒr alle - egal ob GewalttĂ€ter oder nichtÂ
Am 6. Januar 2021 hatten AnhĂ€nger des damaligen PrĂ€sidenten Trump den Parlamentssitz in Washington gewaltsam gestĂŒrmt. Dort war der Kongress an jenem Tag zusammengekommen, um den Sieg des Demokraten Joe Biden bei der PrĂ€sidentenwahl 2020 gegen Trump formal zu bestĂ€tigen. Trump hatte seine UnterstĂŒtzer zuvor in einer Rede und ĂŒber Wochen zuvor mit unbelegten Behauptungen angestachelt, ihm sei der Wahlsieg durch Betrug gestohlen worden. Infolge der Krawalle kamen damals fĂŒnf Menschen ums Leben.
Manche der Randalierer wurden fĂŒr kleinere StraftatbestĂ€nde angeklagt - etwa dafĂŒr, dass sie unrechtmĂ€Ăig in das Kapitol eindrangen, sich Polizisten widersetzten, Scheiben einschlugen, GegenstĂ€nde im GebĂ€ude zerstörten oder stahlen. Andere wurden wegen schwerer Straftaten verurteilt, etwa weil sie mit Stöcken, Metallstangen oder FĂ€usten Polizisten niederprĂŒgelten oder von langer Hand die Attacke zur Sabotage des Machtwechsels geplant hatten.Â
Trump hatte von Anfang an versprochen, verurteilte AnhĂ€nger von damals zu begnadigen. Er betonte aber mehrfach, er wolle sich jeden Einzelfall anzuschauen. Sein VizeprĂ€sident J.D. Vance sagte noch wenige Tage vor der AmtseinfĂŒhrung in einem Fernsehinterview: «Wer an dem Tag Gewalt begangen hat, sollte natĂŒrlich nicht begnadigt werden.» Sein Chef sah das offenkundig anders und ordnete an, alle freizulassen - egal ob GewalttĂ€ter oder nicht.Â
Rechtsextreme feiern
Rhodes und Tarrio waren zwar selbst nicht bei der Randale dabei. Sie orchestrierten aber aus dem Hintergrund ihre Leute, die teils in voller KampfausrĂŒstung am Kapitol erschienen und die Attacke lange vorbereitet hatten. Sowohl Rhodes als auch Tarrio wurden unter anderem wegen «aufrĂŒhrerischer Verschwörung» schuldig gesprochen - ein Straftatbestand, der in der Justizgeschichte der USA zuvor nur selten zum Einsatz kam. Rhodes bekam 18 Jahre Haft, Tarrio sogar 22 Jahre. Ihnen wurde vorgeworfen worden, ein Komplott geschmiedet zu haben - mit dem Ziel, den Machtwechsel nach der PrĂ€sidentenwahl 2020 mit Gewalt zu verhindern. Nun sind sie freie MĂ€nner.
Tarrio Ă€uĂerte sich kurz nach seiner Freilassung in einem Interview mit dem rechten Verschwörungstheoretiker Alex Jones. Er sei sprachlos vor Freude, sagte der Rechtsextremist da. «22 Jahre sind keine kurze Strafe. (...) Trump hat mir buchstĂ€blich mein Leben zurĂŒckgegeben.» Mit Blick auf die Haft fĂŒr ihn und andere «Proud Boys» sagte er: «Wir sind durch die Hölle gegangen. Und ich sage euch, das war es wert.»Â
Auch Rhodes tauchte kurz nach seiner Freilassung aus einem GefĂ€ngnis im Bundesstaat Maryland vor einer Haftanstalt in der Hauptstadt Washington auf, um seine SolidaritĂ€t mit anderen HĂ€ftlingen zu bekunden. «PrĂ€sident Trump hat das Richtige getan», sagte der Mann mit der markanten Augenklappe dort und beklagte, er und die anderen hĂ€tten keinen fairen Prozess bekommen.Â
«Ein neuer Sheriff ist in der Stadt»
An GefĂ€ngnissen in verschiedenen StĂ€dten in den USA wurden HĂ€ftlinge vom 6. Januar von Angehörigen, Freunden und UnterstĂŒtzern in Empfang genommen und gefeiert. An einer Haftanstalt in der Hauptstadt Washington wartete ein Ă€lterer Mann mit Trump-WollmĂŒtze und einer Trump-Fahne ĂŒber der Schulter auf die Freilassung seiner beiden erwachsenen Kinder. Die wurden eingesperrt, weil sie am 6. Januar 2021 unter anderem brutal auf Polizisten eingeprĂŒgelt hatten. Der Vater tönte beim Warten vor Journalisten, wie stolz er auf seine Kinder sei und dass dies ein Tag des Sieges sei. Mit Blick auf Trump sagte er: «Ein neuer Sheriff ist in der Stadt.»Â
In der Tat fĂŒhlt sich in den USA mit Trump an der Macht mancher zurĂŒck in den «Wilden Westen» versetzt. Der Polizist Michael Fanone, der am 6. Januar 2021 am Kapitol im Einsatz war, niedergeknĂŒppelt und mit einem Elektroschocker maltrĂ€tiert wurde, sagte dem Sender CNN, er habe nach der Begnadigung seiner Peiniger nun Angst um seine Sicherheit und die seiner Kinder.Â
Zweifel am System
Trumps Entscheidung wirft aber auch die Frage auf, wie es um Amerikas Justizsystem bestellt ist. Ein US-PrĂ€sident hat zwar per Verfassung die Befugnis, die Strafen von TĂ€tern, die nach Bundesrecht verurteilt wurden, zu verkĂŒrzen oder Verurteilte ganz zu begnadigen - auch nachtrĂ€glich, also nach dem VerbĂŒĂen einer Strafe. Dass Trump diese Befugnis aber nutzt, um GewalttĂ€ter freizulassen, die amerikanische Polizeibeamte verletzt haben und die - angeheizt durch ihn selbst - versuchten, den friedlichen und demokratischen Machtwechsel in den USA zu stoppen, ist beispiellos. Nachfragen dazu weicht Trump aus und gibt sich ahnungslos, wer genau begnadigt worden sei. Und: Er zeigt auf seinen AmtsvorgĂ€nger Biden.Â
Der hatte kurz vor Schluss seiner Amtszeit seinen Sohn, seine Geschwister und deren Ehepartner prĂ€ventiv begnadigte, ebenso demokratische Abgeordnete und ehemalige Regierungsleute - um den Sohn vor einer Haftstrafe und alle anderen vor möglicher Strafverfolgung durch Trumps Regierung zu schĂŒtzen. Dabei hatte der Demokrat das zuvor kategorisch ausgeschlossen und prĂ€ventive Begnadigungen vor Jahren noch als falsch kritisiert. Seine Kehrtwende hat nicht gerade zum Vertrauen in die Gerechtigkeit der US-Justiz beigetragen.
Das System ist per se sehr politisiert. PrĂ€sidenten wĂ€hlen Richter fĂŒr Bundesgerichte und den Supreme Court aus und liefern sich einen Wettlauf, wer mehr Nominierungen in einer Amtszeit schafft, weil es fĂŒr die Durchsetzung ihrer Politik sehr hilfreich ist, auf wohlgesonnene Richter zu treffen, wenn ihre Entscheidungen juristisch angefochten werden. Dabei brĂ€uchten die USA gerade jetzt mehr denn je ein Justizsystem, das ĂŒber jeden Zweifel erhaben ist.













