Streit um Ukraine und Migration: Ungarn droht bei EU-Gipfel
06.10.2023 - 12:43:27 | dpa.deDer EU droht im Streit ĂŒber neue Ukraine-Hilfen eine ZerreiĂprobe. Ungarns MinisterprĂ€sident Viktor Orban kĂŒndigte am Rande des informellen EU-Gipfels in Granada Widerstand gegen UnterstĂŒtzungsplĂ€ne an. Zudem erneuerte er Drohungen zur Migrationspolitik.
Zu VorschlĂ€gen, fĂŒr die UnterstĂŒtzung der Ukraine bis Ende 2027 bis zu 70 Milliarden Euro zur VerfĂŒgung zu stellen, sagte Orban, man werde in keinem Fall einer unĂŒberlegten Budgeterweiterung zustimmen. Ungarn wolle einen Waffenstillstand und Frieden. ZusĂ€tzliche Waffenlieferungen wĂŒrden das Töten verlĂ€ngern, argumentierte er.
Ungarn könnte mit einem Veto die Finanzierung der Hilfen ĂŒber die EU verhindern. Als wahrscheinlich gilt aber, dass Orban den Hilfen doch zustimmen wird - insbesondere dann, wenn im Gegenzug EU-Gelder fĂŒr Ungarn freigegeben wĂŒrden, die derzeit wegen rechtsstaatlichen Defiziten in dem Land eingefroren sind.
Weiter Streit um irregulÀre Migration
Auch um die BekĂ€mpfung der irregulĂ€ren Migration in Europa wird weiter gerungen. EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen sagte am Rande des Gipfels, dass die EuropĂ€ische Union fĂŒr eine Reform des Asylsystems noch viel Arbeit vor sich habe. Orban kĂŒndigte erneut Gegenwehr gegen die PlĂ€ne an, die eine Pflicht zur SolidaritĂ€t mit besonders stark von Migration betroffenen Staaten vorsieht. Aus seiner Sicht gebe es keinerlei Chance mehr auf Kompromisse und Vereinbarungen, nachdem Ungarn und Polen «rechtlich vergewaltigt» worden seien.
Orban spielte darauf an, dass wichtige Entscheidungen fĂŒr die geplante Reform des europĂ€ischen Asylsystems jĂŒngst gegen den Willen von Ungarn und Polen per Mehrheitsentscheidung getroffen worden waren. Die beiden LĂ€nder sind ungeachtet anderslautender juristischer Analysen der Meinung, dass dies nur im Konsens, also ohne Gegenstimmen, hĂ€tte geschehen können.
Sie verweisen dabei auf EU-Gipfel-ErklĂ€rungen in den Jahren 2016, 2018 und 2019. So heiĂt es in einem Text der Staats- und Regierungschefs aus dem Juni 2019: «Es muss ein Konsens fĂŒr eine Reform der Dublin-Verordnung auf der Grundlage eines ausgewogenen VerhĂ€ltnisses von Verantwortung und SolidaritĂ€t gefunden werden.» Ungarn und Polen interpretieren dies so, dass in der gesamten Asylpolitik nur noch mit Konsens entschieden werden soll.
Sie wehren sich insbesondere dagegen, dass den PlĂ€nen zufolge stark belasteten Staaten wie Italien und Griechenland kĂŒnftig ein Teil der Asylsuchenden abgenommen werden soll. LĂ€nder, die keine FlĂŒchtlinge aufnehmen wollen, wĂŒrden zu Ausgleichszahlungen gezwungen.
Beim Juni-Gipfel hatten SpitzengesprÀche zum Thema Migration wegen dieses Streits ergebnislos und ohne ErklÀrung geendet.
Ungarn und Polen halten zudem auch die am Mittwoch vereinbarten PlĂ€ne fĂŒr einen Krisenmechanismus innerhalb des EU-Asylsystems fĂŒr unzureichend. Sie wollen bei einem gröĂeren Zustrom von Migranten weitreichend von normalen Schutzstandards fĂŒr diese Menschen abweichen können.
Erst Reformen, dann Erweiterung
Nicht nur die Hilfen fĂŒr die Ukraine, auch eine mögliche Aufnahme des kriegsgeplagten Landes in die EU beschĂ€ftigt die Staats- und Regierungschefs. Bundeskanzler Olaf Scholz drang in Granada erneut auf eine Reform der EU, um sie fĂŒr die Aufnahme weiterer LĂ€nder fit zu machen. «Wir mĂŒssen dann auch mit qualifizierten Mehrheiten Entscheidungen treffen können, damit die SouverĂ€nitĂ€t und HandlungsfĂ€higkeit der EuropĂ€ischen Union gewĂ€hrleistet ist», sagte er. Derzeit können viele Entscheidungen nur bei Zustimmung aller 27 Mitgliedstaaten getroffen werden, unter anderem in der AuĂen- und Sicherheitspolitik.
Man mĂŒsse sich auch ĂŒber die Zahl der Mitglieder der EU-Kommission Gedanken machen, sagte Scholz. «Man kann ja nicht einfach immer quasi die Regierung erweitern und neue Ministerien erfinden.» AuĂerdem gehe es um die Zahl der Sitze im EuropĂ€ischen Parlament und die Finanzierung der Staatengemeinschaft.
Im Dezember soll entschieden werden, ob mit der Ukraine und Moldau Beitrittsverhandlungen aufgenommen werden und ob Georgien den Status des Beitrittskandidaten bekommt. EU-RatsprĂ€sident Charles Michel sprach sich zuletzt dafĂŒr aus, dass die EU bis 2030 bereit fĂŒr die Aufnahme von LĂ€ndern wie der Ukraine sein muss. EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen befĂŒrwortet eine rasche Erweiterung, nennt jedoch kein Datum. Ein Beitritt der Ukraine gilt als kniffelig, etwa weil das kriegsgeplagte Land vergleichsweise groĂ ist und vermutlich auf nicht absehbare Zeit ZuschĂŒsse erhalten mĂŒsste. Zudem wĂŒrde die riesige Landwirtschaft eine umfangreiche Reform der EU-Agrarförderungen notwendig machen.
Beitrittsverhandlungen fĂŒhrt die EU auch mit den Balkanstaaten Montenegro, Albanien, Serbien, Bosnien-Herzegowina und Nordmazedonien. Zudem sind neben der Ukraine auch noch das Kosovo sowie Moldau, Georgien und die TĂŒrkei BewerberlĂ€nder. Mit der TĂŒrkei gab es bereits lange Beitrittsverhandlungen, sie liegen allerdings seit Jahren wegen rechtsstaatlicher Defizite auf Eis.
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