Getreide, Waffen, Energie: Putin lÀdt zu Afrika-Gipfel
27.07.2023 - 06:08:25Seinen neuen Afrika-Gipfel hat Kremlchef Wladimir Putin in seiner Heimatstadt St. Petersburg minutiös durchorganisieren lassen. Vertreter aus den meisten der 54 Staaten des Kontinents sollen dem wegen Kriegsverbrechen in der Ukraine verfolgten 70-JÀhrigen nicht zuletzt glanzvolle Bilder liefern.
Putin will in ihrem Beisein zeigen, dass er trotz der blutigen Invasion in das Nachbarland international nicht isoliert ist. Da soll auch nicht ins Gewicht fallen, dass angesichts seines Kriegs einige afrikanische Staats- und Regierungschefs abgesagt haben und stattdessen nur Stellvertreter schicken.
Schon vorab war aus dem Kreml in Moskau zu hören, dass Putin in groĂen Reden einmal mehr fĂŒr eine MultipolaritĂ€t in der Welt und eine Abkehr vom monopolaren Modell unter der Vorherrschaft der USA sprechen wolle. Auch wegen der Sanktionen des Westens im Zuge seines Krieges gegen die Ukraine ist Putin dringend auf Partner in anderen Erdteilen angewiesen â in China und weiteren LĂ€ndern Asiens, in Indien und SĂŒdamerika. Nun aber steht der Ausbau der Zusammenarbeit mit den afrikanischen Staaten auf dem Programm nach dem â wegen der Corona-Pandemie â erst zweiten Gipfel dieser Art nach 2019.
Was Russland den afrikanischen Staaten bieten kann
FĂŒr Russland sei es wichtig, die politische UnterstĂŒtzung der afrikanischen Staaten im Konflikt mit dem Westen zu erhalten, sagt Andrej Maslow, Direktor des Zentrums fĂŒr Afrika-Studien an der Wirtschaftshochschule in Moskau. Bei der Abstimmung der UN-Vollversammlung zur Verurteilung des russischen Angriffskriegs enthielten sich zur Freude Russlands rund 25Â Staaten Afrikas.
Um diese «freundschaftliche NeutralitĂ€t» zu erhalten, brauche es die Handels- und Wirtschaftsbeziehungen, aber auch soziale und humanitĂ€re Kontakte, sagt Maslow. Russland sieht nach dem Wegfall des Westens nun auch Afrika als wichtigen Absatzmarkt fĂŒr seine Erdölprodukte, sein Getreide, seinen DĂŒnger und bietet etwa auch seine Nukleartechnologie fĂŒr den Bau von Atomkraftwerken an. Schon lange ist Afrika ein wichtiger Absatzmarkt fĂŒr russische Waffen.
Russland schĂ€tze, dass die meisten LĂ€nder Afrikas sich nicht in einen «antirussischen Sog» des Westens ziehen lieĂen, sagt der prominente auĂenpolitische Experte Fjodor Lukjanow. «Russland erfreut sich als Nachfolgestaat der Sowjetunion, die Afrika aktiv dabei geholfen hat, die Kolonialknute loszuwerden, bis heute in vielen LĂ€ndern des Kontinents wohlwollender Beziehungen.» Das helfe Russland auch, trotz des Konkurrenzkampfes frĂŒherer KolonialmĂ€chte und des wichtigsten Investors China auf dem afrikanischen Kontinent Einfluss zu haben.
Wie Russland Getreidelieferungen als Instrument des Einflusses nutzt
Traditionell will Russland bei armen LĂ€ndern, die noch dazu regelmĂ€Ăig unter DĂŒrren und Hunger leiden, mit Zusagen punkten, die auf ihre Probleme zugeschnitten scheinen. Besonders deutlich wird das bei Getreidelieferungen. Nach Russlands AufkĂŒndigung des Abkommens zur Verschiffung von ukrainischem Getreide ĂŒber das Schwarze Meer steht Putin wegen der Seeblockade international in der Kritik als Mann, der mit dem Hunger politische Spiele treibe und Nahrungsmittel als Waffe einsetze. Beim Gipfel dĂŒrfte sich der PrĂ€sident einmal mehr als Helfer in der Not inszenieren, der nicht nur die ukrainischen Lieferungen ersetzen, sondern sie teils kostenlos bereitstellen will.
Zwar beklagt Russland immer wieder, die vom Westen verhĂ€ngten Sanktionen behinderten den eigenen Export von Getreide, Nahrung und DĂŒngemittel. Trotzdem laufen die Ausfuhren. Putin selbst sagte, 2022 habe Russland 11,5 Millionen Tonnen Getreide nach Afrika exportiert, in den ersten sechs Monaten dieses Jahres fast zehn Millionen Tonnen.
In der laufenden Saison - 1. Juli 2023 bis 30. Juni 2024 â erwartet Russland ein Exportpotenzial von bis zu 55 Millionen Tonnen Getreide, vor allem Weizen. Die vorherige Saison schloss Russland mit einem Exportrekord von 60 Millionen Tonnen ab â wichtige MilliardenbetrĂ€ge, nachdem etwa Einnahmen aus dem Wegfall der Gaslieferungen nach Europa weggebrochen sind. Allein im vergangenen Jahr nahm Russland rund 42 Milliarden US-Dollar (etwa 38 Millionen Euro) mit seinen Agrarexporten ein, 12 Prozent mehr als 2021.
Was Russland unter Sicherheitszusammenarbeit versteht
Seinen Gipfel will Putin auch nutzen, um die Zusammenarbeit in militĂ€rischen Fragen auszubauen. Schon seit langem entsendet Moskau russische MilitĂ€rausbilder. Nach Angaben des der Friedensforscher am Peace Research Institute Frankfurt (PRIF) bezieht sich Russlands UnterstĂŒtzung fĂŒr Afrika aber vor allem auf drei Bereiche: RĂŒstung, Nachrichtendienste und Propaganda.
Seit 2015 habe Russland rund 19 MilitĂ€rabkommen mit afrikanischen Regierungen geschlossen. Als Gegenleistung erhĂ€lt Russland laut PRIF hĂ€ufig Bergbaukonzessionen oder geostrategische Vorteile wie beispielsweise den Zugang zu HĂ€fen in Libyen oder dem Sudan. Die fĂŒr ihre groĂe BrutalitĂ€t bekannte russische Söldnergruppe Wagner agiert zudem in mehreren afrikanischen LĂ€ndern wie Mali, Libyen, der Zentralafrikanischen Republik und Mosambik.
Auch andere LĂ€nder buhlen um Einfluss in Afrika
Der russische AuĂenminister Sergej Lawrow schien zuletzt systematisch ein afrikanisches Land nach dem nĂ€chsten abzuklappern. Russland sieht sich aber in zunehmender Konkurrenz mit einer Vielzahl an Staaten, die auf dem an BodenschĂ€tzen und Wachstumspotenzial reichen Kontinent um Einfluss buhlen. Seit Jahresbeginn haben sich ranghohe, politische Vertreter aus aller Welt regelrecht die Klinke in die Hand gegeben - Chinas inzwischen abgesetzter AuĂenminister Qin Gang gleich mehrfach auf dem Kontinent zu Gast, auch US-Finanzministerin Janet Yellen kam zu Besuch. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat seit seinem Amtsantritt bereits zwei gröĂere Afrika-Reisen unternommen, um zu zeigen, dass Deutschland den Nachbarkontinent nicht der Konkurrenz ĂŒberlassen will.
Bei dem Wettstreit um Afrika geht es nicht nur um Investitionen, sondern auch um geopolitische MachtkĂ€mpfe - das wird nicht zuletzt im Zusammenhang mit Russlands Krieg in der Ukraine deutlich. «Afrika ist zu einer Arena fĂŒr den Wettbewerb zwischen den WeltmĂ€chten geworden», sagt Jakkie Cilliers, politischer Analyst des Instituts fĂŒr Sicherheitsstudien (ISS) in SĂŒdafrika. «Es handelt sich um ein gewaltiges diplomatisches Spiel.»
Viele afrikanische Staaten sehen keinen Konflikt darin, gleichzeitig Partnerschaften mit Europa, China und Russland zu verfolgen. Besonders SĂŒdafrika, das zusammen mit Russland, China, Indien und Brasilien die Brics-Staatengruppe bildet, wird wegen seiner Russland-NĂ€he derzeit vom Westen mit Skepsis betrachtet. Allerdings hatte SĂŒdafrikas PrĂ€sident Cyril Ramaphosa angekĂŒndigt, den Gipfel nutzen zu wollen, um einen Friedensplan zwischen Russland und der Ukraine voranzutreiben. Putin bestĂ€tigte, dass er zu solchen GesprĂ€chen bereit sei.


