US-MilitÀrschlÀge gegen Milizen im Nahen Osten
03.02.2024 - 04:24:40Tagelang lieĂen die USA mit ihrer angekĂŒndigten Vergeltung auf sich warten. In der Nacht zum Samstag schlug das US-MilitĂ€r dann zu. 30 Minuten lang feuerten amerikanische StreitkrĂ€fte nach eigenen Angaben aus der Luft auf mehr als 85 Ziele an 7 Standorten im Irak und Syrien: auf Kommandozentralen, Geheimdienststandorte und Waffenlager, die demnach von der iranischen Revolutionsgarde (IRGC) und mit ihnen verbundenen Milizen genutzt wurden. Die Serie an LuftschlĂ€gen bedeutet eine neue Eskalation im Nahen Osten - auch wenn die Amerikaner bewusst darauf verzichteten, Ziele im Iran selbst anzugreifen. Doch US-PrĂ€sident Joe Biden macht klar: Dies ist nur der Anfang.Â
Die Rache der Amerikaner
Am vergangenen Sonntag waren bei einem Drohnenangriff proiranischer Milizen in Jordanien drei amerikanische Soldaten getötet und zahlreiche weitere verletzt worden. Am Freitag wurden die Leichname in die USA ĂŒberfĂŒhrt. Auf dem US-LuftwaffenstĂŒtzpunkt Dover im Bundesstaat Delaware erwies Biden ihnen die letzte Ehre. Knapp zwei Stunden spĂ€ter begannen Tausende Kilometer entfernt die LuftschlĂ€ge im Irak und in Syrien. Das US-MilitĂ€r betonte, das Timing sei Zufall. Der Zeitpunkt der LuftschlĂ€ge habe sich allein nach militĂ€rischen Ăberlegungen gerichtet - nach gĂŒnstigen Wetterbedingungen.Â
Biden hatte direkt nach der Attacke in Jordanien mit Vergeltung gedroht, sich mit dem Wie und Wo aber Zeit gelassen. Er stand vor der schwierigen Aufgabe, eine Balance zu finden: Die von Teheran unterstĂŒtzten KrĂ€fte in der Region abzuschrecken, ohne dabei noch hĂ€rtere Reaktionen zu provozieren; StĂ€rke zu demonstrieren und möglichst den Tod weiterer US-Soldaten zu verhindern, ohne die Lage im Nahen Osten komplett zu eskalieren und einen Krieg mit dem Iran zu riskieren. Ob ihm der Balanceakt gelungen ist, muss sich zeigen.
Aktivisten und Regierung: 45 Tote durch US-Angriffe
Bei den US-Luftangriffen auf Dutzende Ziele proiranischer Milizen im Irak und in Syrien sind laut Aktivisten und offiziellen Angaben mindestens 45 Menschen getötet worden. Unter den 16 Todesopfern im Irak seien auch Zivilisten, teilte ein Regierungssprecher in Bagdad am Samstag mit. Eine Zahl nannte er nicht. Zudem habe es 36 Verletzte gegeben sowie SchĂ€den an WohngebĂ€uden und an Privatbesitz. Der syrischen Beobachtungsstelle fĂŒr Menschenrechte mit Sitz in London zufolge wurden in Syrien mindestens 29 Mitglieder proiranischer Milizen getötet.
Das syrische Verteidigungsministerium erklÀrte, die Angriffe seien «ein Versuch, die FÀhigkeiten der syrischen Armee und ihrer Alliierten beim Kampf gegen Terrorismus» zu schwÀchen. Die «US-Aggression» habe mehrere Zivilisten und MilitÀrangehörige getötet und schwere SchÀden verursacht, teilte das Ministerium der Staatsagentur Sana zufolge mit. In der vom US-MilitÀr angegriffenen Gegend laufe der Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS), hieà es.
Die Gefahr eines neuen Krieges
Dass die Angriffe proiranischer Gruppen nach der MilitĂ€raktion der USA ganz aufhören könnten, ist unwahrscheinlich. GefĂ€hrlich werden könnte es besonders dann, wenn durch eine weitere Attacke von Milizen - vielleicht auch durch schlechte Planung und AusfĂŒhrung - weitere US-Soldaten getötet wĂŒrden. Dann wĂ€re im nĂ€chsten Schritt ein direkter Angriff auf Irans RevolutionswĂ€chter denkbar - und damit eine dramatische Ausweitung des Konflikts. Â
Der Iran und die USA standen in der Vergangenheit immer wieder am Rande eines Krieges. Im Januar 2020 - unter dem damaligen PrĂ€sidenten Donald Trump - töteten die USA den mĂ€chtigen iranischen General Ghassem Soleimani sowie den irakischen MilizenfĂŒhrer Abu Mahdi Al-Muhandis bei einem Drohnenangriff in Bagdad. Es folgten Wochen militĂ€rischer Spannungen. Je tiefer die USA nun in die neuen Konfrontationen mit dem Iran und dessen VerbĂŒndeten gezogen werden, desto gröĂer ist die Gefahr, dass diese eine Eigendynamik entwickeln - unabhĂ€ngig vom Gaza-Krieg, auch wenn dieser der Auslöser war.
EU-Chefdiplomat warnt nach US-Angriffen vor Eskalation
Der EU-AuĂenbeauftragte Josep Borrell hat nach den US-VergeltungsschlĂ€gen vor einer weiteren Zuspitzung der Spannungen gewarnt. Der Nahe Osten sei ein «Kessel, der explodieren» könne, sagte der Spanier am Samstag am Rande eines informellen EU-AuĂenministertreffens in BrĂŒssel. Man rufe alle Beteiligten auf, sich darum zu bemĂŒhen, eine Eskalation zu vermeiden.
Die Eskalationsspirale
Seit dem Beginn des Gaza-Krieges zwischen Israel und der islamistischen Hamas im Oktober artet die Lage im Nahen Osten zunehmend aus. WĂ€hrend Israel die Hamas im Gazastreifen bekĂ€mpft, kommt es in der israelisch-libanesischen Grenzregion fast tĂ€glich zu Angriffen zwischen Israel und der Hisbollah. Gleichzeitig tyrannisiert die jemenitische Huthi-Miliz aus SolidaritĂ€t mit der Hamas die internationale Container-Schifffahrt im Roten Meer. Alle drei Gruppen - Hamas, Hisbollah und Huthi - sind eng mit dem Iran verbunden. Und der Gaza-Krieg wird mehr und mehr zu einem Schattenkonflikt nicht nur zwischen Israel und dessen Erzfeind Iran, sondern auch zwischen Washington und Teheran.Â
Die USA - als engster VerbĂŒndeter Israels - gerieten in den vergangenen Wochen selbst verschĂ€rft ins Visier proiranischer Milizen. Die Attacke in Jordanien war nur der vorlĂ€ufige Höhepunkt einer ganzen Serie von AnschlĂ€gen auf amerikanische Ziele in der Region. Seit dem Beginn des Gaza-Krieges gab es mehr als 160 Attacken auf US-KrĂ€fte im Irak und Syrien. Die USA reagierten bereits zuvor mit LuftschlĂ€gen in beiden LĂ€ndern. Doch mit dem Tod der drei Soldaten in Jordanien nahe der syrischen Grenze wurde eine neue Dimension erreicht. Biden stand unter groĂem Druck, nun hĂ€rter als zuvor zurĂŒckzuschlagen.Â
Druck auf Biden in der Heimat
Der Demokrat steckt mitten im Wahlkampf fĂŒr eine zweite Amtszeit. Republikaner - allen voran Bidens AmtsvorgĂ€nger und voraussichtlicher Herausforderer bei der nĂ€chsten PrĂ€sidentenwahl im November, Donald Trump - warfen dem PrĂ€sidenten zuletzt SchwĂ€che vor und forderten ihn auf, endlich durchzugreifen. Scharfmacher wie der republikanische Senator Lindsey Graham verlangten sogar einen US-Angriff auf iranischem Boden. Das wĂ€re der drastischste und wohl folgenreichste Schritt gewesen. Biden entschied sich dagegen.
Rache auf Raten
Allerdings macht er klar, dass noch mehr kommen wird. «Unsere Reaktion hat heute begonnen. Sie wird fortgesetzt zu Zeiten und an Orten unserer Wahl», erklĂ€rte er nach den LuftschlĂ€gen im Irak und Syrien. Hochrangige US-Regierungsvertreter hatten bereits vorab angekĂŒndigt, die Vergeltung werde in mehreren Schritten ĂŒber einen gewissen Zeitraum hinweg erfolgen. Wann, wo und wie die Amerikaner als nĂ€chstes zuschlagen, dĂŒrfte auch davon abhĂ€ngen, was der Iran und dessen verbĂŒndete Milizen nun tun.Â
«Die Vereinigten Staaten streben keinen Konflikt im Nahen Osten oder irgendwo sonst in der Welt an», betonte Biden. «Aber all jene, die uns Schaden zufĂŒgen wollen, sollen dies wissen: Wenn Sie einem Amerikaner Schaden zufĂŒgen, werden wir darauf reagieren.»
US-AuĂenminister Antony Blinken bezeichnete die Lage im Nahen Osten vor wenigen Tagen als so gefĂ€hrlich wie seit einem halben Jahrhundert nicht mehr. Der US-Regierung ist es trotz atemloser Diplomatie und diverser MilitĂ€raktionen gegen die Huthi und andere proiranische Gruppen in der Region nicht gelungen, die Spannungen einzudĂ€mmen. Im Gegenteil. Mit jeder neuen Eskalation wĂ€chst die Sorge, dass ein FlĂ€chenbrand in der Region nicht mehr abzuwenden ist. Bidens Regierung wiederholt zwar seit Wochen, die USA wollten keine Ausweitung des Konflikts und vor allem keinen Krieg mit dem Iran. Doch die Gefahr ist da.Â


