Alltag, Gaza-Krieg

Alltag im Gaza-Krieg: Warten am Tag, Angst in der Nacht

26.10.2023 - 07:14:21

Nach den Hamas-Massakern lĂ€sst Israel Ziele im Gazastreifen bombardieren. Rund eine Million PalĂ€stinenser harren im SĂŒden des KĂŒstengebiets aus. Doch sicher fĂŒhlen sich die Menschen auch dort nicht.

Sofern die Bombardements eine Zeit lang ausbleiben, fĂŒllen sich im SĂŒden des Gazastreifens die Straßen. Die Menschen nutzen den Moment fĂŒr Erledigungen. Vor Wassertanks bilden sich lange Schlangen, vor BĂ€ckereien ebenfalls. Doch nicht immer lohnt sich das Warten. Denn Brot und viele andere Lebensmittel sind knapp.

Auf den MĂ€rkten verkaufen GemĂŒsehĂ€ndler oftmals - zu hohen Preisen - nur noch schrumpelige Tomaten, Gurken und Auberginen. Vor dem Krieg sei viel GemĂŒse aus Israel gekommen, erzĂ€hlen die Anwohner. Doch die Zeiten sind vorbei.

Viele Menschen in dem weitgehend abgeschotteten KĂŒstengebiet sind auf Hilfen angewiesen. So auch Siham Abu Ghalijun. Die PalĂ€stinenserin ist mit ihren fĂŒnf Kindern in einer als «humanitĂ€ren Zone» ausgewiesenen Gegend namens Al-Mawasi im SĂŒden des Gazastreifens untergekommen. Die Familie wohnt hier in einem Zeltlager. Anfangs seien Wasser und Essen knapp gewesen, erzĂ€hlt die 41-JĂ€hrige. Inzwischen habe sich die Lebensmittelversorgung aber verbessert.

Erste Hilfslieferungen

Seit dem brutalen Terrorangriff im Auftrag der im Gazastreifen herrschenden Hamas auf Israel am 7. Oktober, dem Hunderte Menschen zum Opfer fielen, bombardiert Israels Armee reihenweise Ziele in der KĂŒstenenklave. Auch dort werden inzwischen Tausende Todesopfer beklagt, wobei die Angaben unabhĂ€ngig kaum zu ĂŒberprĂŒfen sind.

ZunĂ€chst ließ Israel zwei Wochen lang auch keine HilfsgĂŒter in das dicht besiedelte PalĂ€stinensergebiet. Erst am Samstag durften erste Lieferungen mit Trinkwasser, Lebensmitteln und Medikamenten ĂŒber die Grenze. Seitdem kamen Dutzende Lastwagen an. Den Vereinten Nationen zufolge sind fĂŒr die Versorgung der gut 2,2 Millionen Menschen im Gazastreifen aber eher 100 Lkw-Ladungen tĂ€glich nötig.

Angst vor Bombardements

Neben der schwierigen Versorgungslage treiben die Menschen auch andere Sorgen um, allen voran blanke Todesangst. «Wir haben Angst, hier Bombenangriffen ausgesetzt zu sein», sagt Abu Ghalijun in der «humanitĂ€ren Zone» in Al-Mawasi. EinschlĂ€ge in der NĂ€he sorgten im Lager immer wieder fĂŒr Panik. Die fĂŒnffache Mutter nimmt dann jedes Mal ihre Kinder in den Arm, wie sie erzĂ€hlt. Vor allem in der Nacht seien die GerĂ€usche der Explosionen beĂ€ngstigend.

Das Leid könnte sich bei einer erwarteten Bodenoffensive Israels noch einmal verschĂ€rfen. Blutige StraßenkĂ€mpfe, menschliche Schutzschilde, versteckte SprengsĂ€tze - KriegsfĂŒhrung zwischen dicht gedrĂ€ngten HĂ€userblöcken kann die Opferzahlen erfahrungsgemĂ€ĂŸ schnell in die Höhe treiben.

Rund eine Million Menschen haben auf Anweisung der israelischen Armee inzwischen ihre HĂ€user gerĂ€umt und notgedrungen einen Großteil ihres Hab und Guts im Norden des Gazastreifens zurĂŒckgelassen. Im SĂŒden, wo nach israelischen MilitĂ€rangaben trotz der Evakuierungsaufforderung ebenfalls vereinzelt Ziele der Hamas angegriffen werden, harren viele Binnenvertriebene dicht gedrĂ€ngt in NotunterkĂŒnften aus.

Viele Menschen auf engem Raum steigern das Risiko: Die StreitkrĂ€fte bemĂŒhen sich nach eigenen Angaben zwar stets, bei ihren Luftangriffen Zivilisten zu verschonen - doch nach Schilderungen aus dem Gazastreifen gelingt das lĂ€ngst nicht immer. Israels MilitĂ€r zufolge schlagen zudem auch immer mal wieder fehlgeleitete Raketen militanter PalĂ€stinenser dort ein - statt wie geplant in Israel.

Nicht alle Menschen fliehen

Im Gazastreifen mehren sich die Berichte ĂŒber Menschen, die in den SĂŒden geflĂŒchtet und dann dort bei BombeneinschlĂ€gen oder unter den TrĂŒmmern ihrer in Schutt und Asche gelegten NotunterkĂŒnfte gestorben seien. Sumanja Schahin will deshalb selbst nicht fliehen. Die 48-JĂ€hrige wohnt zusammen mit etlichen Verwandten in einem Haus im Norden der KĂŒstenenklave.

Die etwa 40-köpfige Gruppe lebe derzeit vor allem von VorrÀten, in ihrem Zuhause gebe es weder Wasser noch Strom. In ihrer Umgebung gebe es stÀndig Bombardements, die Lage sei sehr gefÀhrlich. Vor allem nachts habe sie Angst. Aber gehen will Sumanja Schahin trotzdem nicht. «Unser Leben ist hier - und unser Tod auch.»

@ dpa.de