Terrorattacke und Gegenangriff: Was sagt das Völkerrecht?
14.10.2023 - 10:14:05Der Ă€uĂerst blutige Konflikt zwischen der islamistischen Hamas und Israel wirft viele Fragen auf. Neben Soldaten und KĂ€mpfern werden auch viele Zivilisten auf beiden Seiten verwundet, getötet oder entfĂŒhrt. Was sagt das humanitĂ€re Völkerrecht, und wo ist die Grenze zu Kriegsverbrechen?
Gilt bei diesem Konflikt das humanitÀre Völkerrecht?
Ja. Es ist unerheblich, ob es sich um einen erklĂ€rten Krieg, einen internationalen bewaffneten Konflikt oder einen internen bewaffneten Konflikt handelt. Das Grundprinzip des sogenannten humanitĂ€ren Völkerrechts - der internationalen Regeln zur KriegsfĂŒhrung - ist in allen FĂ€llen, dass Zivilisten so weit wie möglich geschĂŒtzt werden mĂŒssen. Angriffe dĂŒrfen immer nur auf militĂ€rische Ziele erfolgen.
Aus Sicht des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (ICRC), das weltweit die Einhaltung des Kriegsrechts ĂŒberwacht, besteht ein «bewaffneter Konflikt» zwischen Israel und einer nichtstaatlichen bewaffneten Gruppierung - dem militĂ€rischen Arm der Hamas. Laut Rotem Kreuz gilt auch in diesem Fall das humanitĂ€re Völkerrecht.
Wie ist der Einsatz menschlicher Schutzschilder zu beurteilen?
Wer Zivilpersonen benutzt, um militĂ€rische Ziele zu schĂŒtzen, begeht nach den Worten der Völkerrechts-Expertin der UniversitĂ€t Basel, Anna Petrig, eindeutig ein Kriegsverbrechen. «Das ist nie erlaubt.» Vor diesem Hintergrund scheint auch die Aufforderung der Hamas an die Bevölkerung des Gazastreifens, dessen NordhĂ€lfte trotz israelischer Warnungen nicht zu verlassen, problematisch.
Darf Israel angreifen, auch wenn Zivilisten gefÀhrdet sind?
Im Prinzip ja, sagt Völkerrechts-Expertin Petrig. Solange es sich um ein militĂ€risches Ziel handle, sei das rechtlich zunĂ€chst nicht zu beanstanden. Zivile KollateralschĂ€den mĂŒssten aber verhĂ€ltnismĂ€Ăig zum erzielten militĂ€rischen Vorteil sein. Die Zerstörung eines groĂen MilitĂ€rflughafens rechtfertigt demnach mehr zivile Opfer als der Angriff auf eine kleine militĂ€rische Stellung.
Darf Israel dem Gazastreifen Gas und Wasser abdrehen?
Solch eine Belagerung sei eine «kollektive Bestrafung» der Zivilbevölkerung, die nach internationalem Recht strikt verboten sei, sagte die Sprecherin des UN-BĂŒros fĂŒr Menschenrechte, Ravina Shamdasani. Petrig sagt hingegen: «Belagerung ist grundsĂ€tzlich keine verbotene Kriegsmethode.» Sollte das Ziel aber sein, die Bevölkerung auszuhungern, wĂ€re es verboten und sogar ein Kriegsverbrechen. «Es gibt aber Grauzonen», so die Expertin. Unklar ist im Völkerrecht, ob es bereits reicht, wenn das Aushungern ein Nebeneffekt der Belagerung ist - oder ob das Aushungern das Ziel selbst sein muss.
Wie ist der Aufruf zur Massenevakuierung einzuordnen?
Die Anweisung aus Israel zur RĂ€umung des nördlichen Gazastreifens widersprĂ€che zusammen mit der Belagerung internationalem Recht, stellte das ICRC fest. In dem dicht besiedelten KĂŒstenstreifen habe die Bevölkerung keine Chance, sich woanders in Sicherheit zu bringen, argumentierte das Rote Kreuz.
Wie ist eine israelische Bodenoffensive in Gaza zu beurteilen?
Auch hier gilt: Solange militĂ€rische Ziele im Visier sind und die Zahl der zivilen Opfer nicht unverhĂ€ltnismĂ€Ăig ist, darf ein Staat auch in einem sehr dicht besiedelten Gebiet vorgehen. Die Beurteilung der VerhĂ€ltnismĂ€Ăigkeit ist laut Petrig an keine definierte Obergrenze bei den zivilen Opfern gebunden.
Wie argumentiert Israel?
PrĂ€sident Izchak Herzog hat betont, dass sich das israelische MilitĂ€r unbedingt an internationales Recht halte. «Aber wir sind im Krieg», fĂŒgte er hinzu. «Und wir werden kĂ€mpfen, bis wir ihnen das RĂŒckgrat brechen», sagte er ĂŒber die islamistische Hamas. Die israelische Armee betont, dass es kein «FlĂ€chenbombardement» im Gazastreifen gebe. Jedes Ziel stehe in Verbindung mit der Hamas, heiĂt es. Wenn Zivilisten sterben, sei dies unbeabsichtigt. Der Aufruf zur Massenevakuierung des nördlichen Gazastreifens wird in Israel als SchutzmaĂnahme fĂŒr die Zivilbevölkerung gerechtfertigt.
Wer soll die Frage von Kriegsverbrechen beurteilen?
DafĂŒr kĂ€me - wie zum Beispiel bei der Aufarbeitung der GrĂ€uel der Jugoslawienkriege - der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag infrage.
SchĂŒtzt das humanitĂ€re Völkerrecht die Zivilisten wirksam?
Das humanitĂ€re Völkerrecht versucht einen Ausgleich zwischen militĂ€rischen Interessen und der Menschlichkeit. Bei zu strikten Regeln wĂŒrden sich die MilitĂ€rs von vornherein nicht daran halten, meint Petrig. Aufschlussreich sei das fachliche Synonym fĂŒr humanitĂ€res Völkerrecht: «Das Recht des bewaffneten Konflikts.»


