Iran, USA

Protest verstummt, Angst bleibt: Iran im Schockzustand

15.01.2026 - 14:09:51

Nach der blutigen Niederschlagung der Proteste sitzt der Schock tief. Der Zugang zum Internet ist im Land weiter blockiert. Zugleich wÀchst die Angst vor einer militÀrischen Eskalation mit den USA.

Die Massenproteste im Iran sind vorerst verstummt, doch die Angst bleibt. Die tödliche Gewalt der SicherheitskrĂ€fte hat tiefe Spuren der EinschĂŒchterung gezogen, die Straßen sind wieder leer. WĂ€hrend viele im Land versuchen, das Geschehene zu verarbeiten, wĂ€chst die Furcht vor dem, was noch kommen könnte: ein militĂ€rischer Konflikt mit den USA.

Seit gut einer Woche ist die Bevölkerung vom Internet abgeschnitten, der digitale Vorhang zugezogen. Zwar sind seit kurzem wieder AuslandsgesprÀche möglich, eingehende Anrufe bleiben jedoch blockiert. Millionen Iranerinnen und Iraner im Ausland sorgen sich um ihre Angehörigen.

Macht US-PrÀsident Donald Trump seine Drohungen wahr?

Inmitten der angespannten Lage richtet sich der Blick vieler nach Washington. US-PrĂ€sident Donald Trump hatte seit Beginn der Proteste Ende Dezember mehrfach rote Linien gezogen – doch selbst nach deren Überschreitung durch Teheran blieb eine Reaktion aus. Das fĂŒhrt aktuell zu wachsender Verunsicherung im Iran.

Am Mittwoch sorgten Entwicklungen in der Region zudem fĂŒr konkrete Unruhe: Warnungen westlicher Botschaften, Flugstreichungen und Hinweise auf militĂ€rische Bewegungen der USA nĂ€hrten die Annahme, Trump könnte seine Drohungen gegen die politische FĂŒhrung in Teheran doch wahr machen.

Krieg das beherrschende GesprÀchsthema im Iran

Am Donnerstag berichtet ein Bewohner Teherans am Telefon, ein möglicher Krieg sei das beherrschende GesprĂ€chsthema in der Stadt - sei es durch US-MilitĂ€rschlĂ€ge oder ein Eingreifen Israels. Viele Familien hĂ€tten nervös miteinander telefoniert und sich in ihre Wohnungen zurĂŒckgezogen. Die Erinnerungen an den Krieg im vergangenen Juni, als Israel und die USA den Iran bombardierten, sind noch prĂ€sent.

Ein hĂ€rterer Kurs der USA findet offenbar auch in Teilen der Protestbewegung und unter Exil-Iranern UnterstĂŒtzung – in der Hoffnung auf ein Ende der aktuellen politischen FĂŒhrung. Ob begrenzte Luftangriffe ein solches Ziel tatsĂ€chlich erreichen könnten, wird von Beobachtern allerdings bezweifelt.

Ausmaß der staatlichen Gewalt wird allmĂ€hlich deutlicher

In den vergangenen Tagen wurde das Ausmaß der staatlichen Gewalt gegen die Proteste allmĂ€hlich deutlicher. Menschenrechtsgruppen im Exil berichten von schweren Übergriffen der Staatsgewalt in zahlreichen StĂ€dten. Die Organisation Iran Human Rights (IHRNGO) mit Sitz in Oslo bezifferte die Zahl der getöteten Demonstrierenden auf 3.428. Die tatsĂ€chliche Zahl dĂŒrfte deutlich höher liegen. UnabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒfen lassen sich diese Angaben derzeit nicht.

Ein besonders schwerer Fall staatlicher Gewalt soll sich nach Angaben von Aktivisten in der nordiranischen Stadt Rascht unweit des Kaspischen Meers ereignet haben. Dort hĂ€tten sich Demonstrierende laut einem Augenzeugen im Bereich des traditionellen Basars mit erhobenen HĂ€nden den SicherheitskrĂ€ften ergeben – und sollen dennoch erschossen worden sein. Auch diese Angaben konnten zunĂ€chst nicht ĂŒberprĂŒft werden.

Auch Aufnahmen von vielen Toten in den Leichenhallen rund um die iranische Hauptstadt Teheran haben Entsetzen ausgelöst. Vor fast einer Woche hatte ein persischsprachiges Faktencheck-Team mit Sitz in Kanada zudem ein Video aus einem Vorort der Millionenmetropole analysiert, das verletzte und blutĂŒberströmte Demonstranten auf dem Boden eines GebĂ€udes zeigen soll. Das Portal «Fatnameh» kam zu dem Schluss, dass die Aufnahmen echt und aktuell sind.

Irans Außenminister dementiert PlĂ€ne ĂŒber Hinrichtungen

Unterdessen geht auch die iranische Justiz mit Ă€ußerster HĂ€rte gegen die Protestbewegung vor. Nach Angaben des in den USA ansĂ€ssigen Menschenrechtsnetzwerks HRANA wurden seit Beginn der Proteste Ende Dezember mehr als 18.000 Menschen festgenommen. Erste Verfahren sind angelaufen. In manchen FĂ€llen droht den Angeklagten die Todesstrafe.

Irans Außenminister Abbas Araghtschi wies in einem Interview des US-Senders Fox News Berichte ĂŒber bevorstehende Hinrichtungen zurĂŒck. Der Staat plane keine Exekutionen, sagte er. Zuvor hatte Trump dem Iran fĂŒr den Fall von Hinrichtungen von festgenommenen Demonstrierenden mit einer entschlossenen Reaktion gedroht.

In dem Interview erneuerte Araghtschi zugleich den Vorwurf, auslĂ€ndische «terroristische Elemente» hĂ€tten die Eskalation der Proteste ausgelöst. Zudem behauptete er, es seien gezielt Menschen getötet worden, um die USA in den Konflikt hineinzuziehen – und sprach von einem angeblichen israelischen Plan. Belege fĂŒr seine Anschuldigungen legte er nicht vor. Nach Darstellung der Regierung wurden außerdem Dutzende SicherheitskrĂ€fte getötet.

Experten sehen in Repressionen Überlebenskampf des Staates

Analysten in den USA bewerten das harte Vorgehen der SicherheitskrĂ€fte als Überlebenskampf des Staates. «Das iranische Regime betrachtet die Proteste als Vorstufe einer Revolution, die es vollstĂ€ndig und unverzĂŒglich niederschlagen muss», heißt es in einer Analyse des Critical Threats Project (CTP), das von zwei in Washington ansĂ€ssigen Denkfabriken getragen wird.

Andere Experten sehen einen politischen Umbruch im Iran skeptisch. Auf die Frage, unter welchen Bedingungen ein Machtwechsel realistisch wĂ€re, sagte der politische Analyst Ali Vaez von der International Crisis Group der Deutschen Presse-Agentur: «Damit es zu einem grundlegenden Wandel kommt, braucht es Risse in der FĂŒhrung und eine tragfĂ€hige Alternative aus der Gesellschaft heraus. Keine dieser Voraussetzungen ist derzeit erfĂŒllt.»

@ dpa.de

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