Machtprobe, Venezuela

Machtprobe in Venezuela - Proteste gegen Maduros Wahlsieg

30.07.2024 - 15:55:31

Nach der umstrittenen Wiederwahl des autoritĂ€ren PrĂ€sidenten fĂŒhlt sich die Opposition in Venezuela um ihren Sieg betrogen. Auch im Ausland gibt es Zweifel am Ergebnis.

  • Angesichts der ManipulationsvorwĂŒrfe der Opposition könnte die Lage weiter eskalieren. - Foto: Jacinto Oliveros/AP

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  • Nach der umstrittenen PrĂ€sidentenwahl in Venezuela gehen viele Menschen auf die Straße. - Foto: Matias Delacroix/AP

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  • Die staatlichen SicherheitskrĂ€fte gehen hart gegen die Demonstranten vor. - Foto: -/kyodo/dpa

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Angesichts der ManipulationsvorwĂŒrfe der Opposition könnte die Lage weiter eskalieren. - Foto: Jacinto Oliveros/APNach der umstrittenen PrĂ€sidentenwahl in Venezuela gehen viele Menschen auf die Straße. - Foto: Matias Delacroix/APDie staatlichen SicherheitskrĂ€fte gehen hart gegen die Demonstranten vor. - Foto: -/kyodo/dpa

Nach der umstrittenen AuszĂ€hlung der PrĂ€sidentenwahl in Venezuela steigt der Druck auf der Straße. Bei Protesten gegen das Wahlergebnis kamen mindestens sechs Demonstranten ums Leben, wie die regierungsunabhĂ€ngige Organisation Foro Penal mitteilte. Demnach waren unter den Opfern auch zwei Jugendliche. Zudem wurde nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft ein Polizist getötet. 

Im ganzen Land seien 749 Demonstranten festgenommen worden, sagte Generalstaatsanwalt Tarek William Saab. Sie hĂ€tten unter anderem Polizeiwachen, BĂŒros des Wahlamtes, RathĂ€user und KrankenhĂ€user angegriffen. Ihnen werde Terrorismus, Aufstachelung zum Hass und die Blockade öffentlicher Straßen vorgeworfen.

Der Nationale Wahlrat hatte den seit 2013 regierenden NicolĂĄs Maduro offiziell zum Sieger der PrĂ€sidentschaftswahl vom Sonntag erklĂ€rt. Die Opposition warf der Regierung WahlfĂ€lschung vor und reklamierte den Sieg fĂŒr ihren Kandidaten Edmundo GonzĂĄlez Urrutia. Die Regierungsgegner hĂ€tten Zugang zu 73 Prozent der Ergebnislisten, die einen uneinholbaren Vorsprung des Herausforderers belegten, sagte OppositionsfĂŒhrerin MarĂ­a Corina Machado.

Auch in den USA, der EU und einer Reihe lateinamerikanischer LÀnder wurden Zweifel an dem offiziellen Wahlergebnis laut. Die venezolanische Regierung verwies daraufhin die Botschafter von Argentinien, Chile, Costa Rica, Peru, Panama, der Dominikanischen Republik und Uruguay des Landes und zog ihrerseits ihr diplomatisches Personal aus diesen LÀndern ab. 

Die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) erkannte Maduros Wiederwahl nicht an. «Unter den aktuellen UmstĂ€nden kann das vom Wahlamt verkĂŒndete Resultat und die ErklĂ€rung von NicolĂĄs Maduro zum Sieger nicht anerkannt werden», heißt es in einem Bericht der Wahlbeobachter des Staatenbunds. «Die schlimmste und abscheulichste Form der UnterdrĂŒckung besteht darin, das Volk daran zu hindern, ĂŒber Wahlen nach Lösungen zu suchen», hieß es in einer Stellungnahme von OAS-GeneralsekretĂ€r Luis Almagro. «WĂ€hrend des gesamten Wahlprozesses hat die venezolanische Regierung ihren repressiven Apparat dazu genutzt, das Wahlergebnis völlig zu verfĂ€lschen und Manipulationen auszusetzen.» Am Mittwoch kommt der stĂ€ndige Rat der OAS zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen, um ĂŒber die Wahl in Venezuela zu beraten. 

Russland ruft Opposition zur Anerkennung von Maduros Wahlsieg auf

UnterstĂŒtzung erhielt die autoritĂ€re Regierung in Caracas hingegen von ihren VerbĂŒndeten in Russland, China, Kuba und Nicaragua. Moskau forderte die Opposition in Venezuela auf, ihre Niederlage einzugestehen und den Sieg Maduros anzuerkennen. «NatĂŒrlich ist es sehr wichtig, dass diese Versuche, die Lage in Venezuela zu verschĂ€rfen, nicht von Drittstaaten angeheizt werden und Venezuela von Ă€ußerer Einmischung frei bleibt», sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow. 

Im Land wuchs die Angst vor einer Eskalation. Die Opposition kĂŒndigte große Proteste an, auch die Regierung will ihre AnhĂ€nger auf die Straße bringen. Nach der Wahl habe es ĂŒber 100 Angriffe gegeben, sagte PrĂ€sident Maduro. Dahinter steckten die USA und die Opposition. «Das ist eine faschistische, konterrevolutionĂ€re und kriminelle Gruppe.»

Die SicherheitskrĂ€fte gingen hart gegen die Demonstranten vor: Im Fernsehen war zu sehen, wie Polizisten TrĂ€nengas einsetzten und auf Menschen einschlugen. «Wir haben es mit einem Staatsstreich zu tun, der von den faschistischen KrĂ€ften der extremen Rechten mit UnterstĂŒtzung der imperialen KrĂ€fte, des US-Imperialismus, angezettelt wurde», sagte Verteidigungsminister Vladimir Padrino LĂłpez. «Wir werden diesen Staatsstreich vereiteln.»

UN-Menschenrechtskommissar Volker TĂŒrk zeigte sich besorgt ĂŒber die Gewalt. «Ich bin beunruhigt ĂŒber Berichte ĂŒber die unverhĂ€ltnismĂ€ĂŸige Anwendung von Gewalt durch SicherheitskrĂ€fte und bewaffnete Gruppen, die die Regierung unterstĂŒtzen», hieß es in einer Stellungnahme. «Ich fordere die Regierung auf, das Recht aller Venezolaner zu respektieren, sich zu versammeln, friedlich zu protestieren und ihre Meinung frei und ohne Angst zu Ă€ußern.»

Auch bislang treue AnhÀnger von linker Regierung enttÀuscht

Maduro will nun im Januar 2025 seine dritte sechsjÀhrige Amtszeit antreten. Dabei waren die Chancen auf einen Politikwechsel in Caracas nach EinschÀtzung von Beobachtern so gut wie lange nicht mehr. Im Gegensatz zu den Wahlen vor sechs Jahren zeigte sich die Opposition diesmal geschlossen. Zudem waren angesichts der katastrophalen Wirtschaftslage auch bislang treue AnhÀnger von der sozialistischen Regierung enttÀuscht. 

Nach EinschĂ€tzung von Experten besteht trotz des offiziellen Wahlergebnisses aber weiterhin die Chance auf einen Wandel in Venezuela. «Ein politischer Wechsel kann auch nach dieser umstrittenen Wahl stattfinden, selbst wenn einige Personen in Machtpositionen sich weigern abzutreten», schrieb Tamara Taraciuk Broner vom Forschungsinstitut Inter-American Dialogue im Fachblatt «Americas Quarterly». «Die SchlĂŒsselfrage fĂŒr die Zukunft ist, wie Anreize fĂŒr Personen geschaffen werden können, die dem Land helfen können, sich von dem derzeitigen repressiven Apparat zu lösen und den komplizierten Weg zur Demokratie einzuschlagen.»

Maduro hat schon einmal eine Protestwelle ausgesessen

Schon die Wiederwahl Maduros 2018 war international von vielen LĂ€ndern nicht anerkannt worden. Der damalige ParlamentsprĂ€sident Juan GuaidĂł erklĂ€rte sich 2019 zum InterimsprĂ€sidenten, konnte sich aber im Land nicht durchsetzen – vor allem, weil das MilitĂ€r hinter Maduro stand. So konnte er die damaligen Proteste einfach aussitzen.

«Viele Mitglieder der SicherheitskrĂ€fte, der Justiz und der Wahlbehörden könnten in einem demokratischen Venezuela eine bessere Zukunft haben, wenn sie sich in den kommenden Wochen entscheiden, nicht blind an der Macht zu kleben, die Öffentlichkeit und die politische Opposition nicht zu unterdrĂŒcken und den durch die Wahl zum Ausdruck gebrachten Willen des Volkes zu respektieren», schrieb Taraciuk Broner. «Sie mĂŒssen von einer vereinten Opposition und den wichtigsten internationalen Akteuren laut und deutlich hören, dass dies ihre beste Option fĂŒr die Zukunft ist.»

Venezuela steckt seit Jahren in einer schweren politischen und wirtschaftlichen Krise. In dem einstmals reichen Land mit großen Erdölvorkommen leben mehr als 80 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Immer wieder kommt es zu StromausfĂ€llen. Benzin, Gas und Medikamente sind knapp. Mehr als sieben Millionen Menschen - ein Viertel der Bevölkerung - haben Venezuela in den vergangenen zehn Jahren wegen Armut und Gewalt verlassen. 

@ dpa.de