Moldaus PrÀsidentin beklagt beispiellose Wahlmanipulation
21.10.2024 - 01:45:28In der frĂŒheren Sowjetrepublik Moldau hat die proeuropĂ€ische Staatschefin Maia Sandu eine beispiellose Attacke demokratiefeindlicher KrĂ€fte auf die PrĂ€sidentenwahl beklagt. Kriminelle Gruppen hĂ€tten gemeinsam mit einer auslĂ€ndischen Macht versucht, die Lage in Moldau zu destabilisieren. Die nach einem EU-Beitritt strebende FĂŒhrung des verarmten Agrarstaats sieht Russland als gröĂte Bedrohung fĂŒr die StabilitĂ€t der Republik.Â
Bei einem parallel zur Wahl abgehaltenen Referendum ĂŒber die EU-Ambitionen des Landes droht der StaatsfĂŒhrung zudem eine herbe Niederlage, die Moskau begrĂŒĂen dĂŒrfte. Die AuszĂ€hlung lieĂ am Morgen auf ein extrem knappes Ergebnis schlieĂen.
Sandu bewirbt sich bei der PrĂ€sidentenwahl um eine zweite Amtszeit. Nach AuszĂ€hlung von mehr als 96 Prozent der Wahlzettel verfehlte sie mit rund 41 Prozent der Stimmen die absolute Mehrheit und mĂŒsste damit in eine Stichwahl in zwei Wochen gehen. Ihr Gegner wird aller Voraussicht nach der frĂŒhere Generalstaatsanwalt Alexandru Stoianoglo sein, der rund 27 Prozent der Stimmen erhielt und fĂŒr die traditionell starke Sozialistische Partei des prorussischen Ex-PrĂ€sidenten Igor Dodon antritt. Insgesamt waren elf Bewerber zur Wahl angetreten, darunter einige, die sich fĂŒr gute Beziehungen zu Russland einsetzen.
Es gebe Beweise, dass 300.000 Stimmen gekauft worden seien, sagte Sandu bei einem nĂ€chtlichen Auftritt in der Hauptstadt Chisinau. Dutzende Millionen Euro seien ausgegeben worden, um LĂŒgen und Propaganda zu verbreiten. «Wir haben es mit einem beispiellosen Angriff auf die Freiheit und die Demokratie in unserem Land zu tun», wurde Sandu von örtlichen Medien zitiert. Sie wolle das Endergebnis abwarten und dann Entscheidungen treffen.Â
Prorussische WĂ€hlerbestechung aufgedeckt
Details nannte die 52-JÀhrige nicht. Allerdings hatten moldauische SicherheitskrÀfte schon vor dem Urnengang WÀhlerbestechung und prorussische Desinformation in dem Land mit rund 2,5 Millionen Einwohnern aufgedeckt, das zwischen der von Russland angegriffenen Ukraine und dem EU-Mitgliedstaat RumÀnien liegt.
EU-Referendum: Nein zur VerfassungsÀnderung?
Eines der wichtigsten Ziele Sandus ist es, den EU-Kurs des Landes unwiderruflich als strategisches Ziel in der Verfassung festschreiben zu lassen. Beim Referendum ĂŒber diese Frage schien es nach AuszĂ€hlung von knapp 97 Prozent der Stimmen, als wenn sich das Volk mit hauchdĂŒnner Mehrheit gegen die VerfassungsĂ€nderung ausgesprochen hĂ€tte. Umfragen hatten eher das Gegenteil erwarten lassen.
Als einflussreicher Akteur in der moldauischen Politik gilt neben Russland der ins Ausland geflĂŒchtete moskautreue Oligarch Ilan Shor, der in seiner Heimat wegen GeldwĂ€sche und Betrug in Abwesenheit zu 15 Jahren Haft verurteilt wurde und zur Fahndung ausgeschrieben ist. Russischen Staatsmedien zufolge warf Shor seiner Rivalin Sandu vor, bei der Wahl gescheitert zu sein - Moldau brauche die EU nicht.
Russland wirft der EuropĂ€ischen Union vor, mit Milliardenversprechen Einfluss auf die Abstimmung genommen zu haben. EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen hatte bei einem Besuch in Chisinau und einem Treffen mit Sandu kurz vor der Abstimmung 1,8 Milliarden Euro an Fördergeld in Aussicht gestellt. Die Finanzspritze soll erklĂ€termaĂen vor allem das Wachstum ankurbeln, ArbeitsplĂ€tze schaffen sowie Dienstleistungen und Infrastruktur verbessern.
Kritik an Volksabstimmung
Auch am Wahlsonntag gab es teils scharfe Kritik daran, dass Sandu die PrĂ€sidentenwahl und das EU-Referendum miteinander verknĂŒpfte. Mehrere Politiker von Parteien aus dem russlandfreundlichen Lager boykottierten das Referendum und sprachen von einem rechtswidrigen Prozess. «Die GesprĂ€che mit der EuropĂ€ischen Union sollen fortgesetzt werden, doch die Entscheidung ĂŒber eine Mitgliedschaft in der EU sollten erst nach dem Abschluss dieser Verhandlungen getroffen werden, wenn alle Bedingungen klar sind», sagte Ex-PrĂ€sident Dodon. Erst dann sei ein Referendum möglich.
Viele sind mit Sandus Politik unzufrieden
In der russischen Hauptstadt Moskau bildeten sich vor der moldauischen Botschaft lange Schlangen fĂŒr die Stimmabgabe. Zugleich gab es Beschwerden, dass die Zahl der Wahllokale in Russland gezielt klein gehalten worden sei und nicht genĂŒgend Stimmzettel vorhanden seien. Das AuĂenministerium in Chisinau bezeichnete die Schlangen laut Medien in Moldau als kĂŒnstliche Inszenierung.
Das Bewerberfeld dĂŒrfte auch deshalb so groĂ gewesen sein, weil viele Menschen mit Sandus Politik unzufrieden sind und seit ihrer Wahl 2020 zu wenig Fortschritte sehen - etwa im immer wieder proklamierten Kampf gegen Korruption. Damals kam Sandu im ersten Wahlgang auf 36,2 Prozent und im zweiten Wahlgang auf 57,7 Prozent der Stimmen. Weil sie einen Verzicht auf russisches Gas durchsetzte, stiegen die Energiepreise, was viele Verbraucher Ă€rgert.
Um Reformen umzusetzen, ist Sandu auf eine Mehrheit im Parlament angewiesen, die sie derzeit noch hat. Der politische Machtkampf in Moldau könnte seinen Höhepunkt bei der Parlamentswahl im kommenden Sommer erreichen. «FĂŒr eine starke, politikgestaltende Rolle als PrĂ€sidentin ist ein loyaler Premierminister und eine Mehrheit im Parlament notwendig», sagte Expertin Brigitta Triebel von der Konrad-Adenauer-Stiftung in Chisinau der Deutschen Presse-Agentur. Sie erwartet nicht, dass Russlands versuchte Einflussnahme in Moldau nachlassen wird.







