Wohnungsnot Spanien, Madrid

Madrid: Zehntausende demonstrieren nach Zwangsräumung von 87-Jähriger

Veröffentlicht am: 27.09.2026 um 02:07 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Nach der Zwangsräumung einer 87-Jährigen demonstrieren in Madrid Zehntausende gegen Wohnungsnot und fehlenden Mieterschutz. Die Proteste erhöhen den Druck auf die Regierung, die bereits ein neues Maßnahmenpaket vorbereitet.

  • Die Behörden sprachen von 25.000 Teilnehmern, die Veranstalter von 300.000. - Bild: Manu Fernandez/AP/dpa
    Die Behörden sprachen von 25.000 Teilnehmern, die Veranstalter von 300.000. - Bild: Manu Fernandez/AP/dpa
  • In Spanien ist die Wohnungsnot sehr schlimm. - Bild: Manu Fernandez/AP/dpa
    In Spanien ist die Wohnungsnot sehr schlimm. - Bild: Manu Fernandez/AP/dpa
  • An dem Marsch in Madrid beteiligten sich Familien, Jugendliche und Rentner. - Bild: Manu Fernandez/AP/dpa
    An dem Marsch in Madrid beteiligten sich Familien, Jugendliche und Rentner. - Bild: Manu Fernandez/AP/dpa
Die Behörden sprachen von 25.000 Teilnehmern, die Veranstalter von 300.000. - Bild: Manu Fernandez/AP/dpa In Spanien ist die Wohnungsnot sehr schlimm. - Bild: Manu Fernandez/AP/dpa An dem Marsch in Madrid beteiligten sich Familien, Jugendliche und Rentner. - Bild: Manu Fernandez/AP/dpa

Zehntausende Menschen haben in Madrid für das Recht auf Wohnen und gegen Zwangsräumungen demonstriert.

Protest für Maricarmen

Die Kundgebung stand unter dem Motto „Ni una Maricarmen más“ – „Keine weitere Maricarmen“ – und richtete sich vor allem gegen die Zwangsräumung einer 87-Jährigen. Das spanische Innenministerium sprach von rund 25.000 Teilnehmern, der Mieterverband „Sindicato de Inquilinas“ von 300.000.

Maricarmen war 1956 mit ihren Eltern in die Wohnung im Madrider Stadtteil Retiro eingezogen und hatte später den Mietvertrag übernommen. Nachdem das Gebäude an ein Immobilienunternehmen verkauft worden war, sollte ihr alter Mietvertrag beendet werden. Am Mittwoch wurde sie nach mehreren gescheiterten Versuchen aus der Wohnung gebracht und anschließend in ein Krankenhaus eingeliefert.

Rentnerin ruft zum Weiterkämpfen auf

„Ich habe es nicht geschafft, mein Haus zu verteidigen, aber ich habe dafür gekämpft, dass die anderen lernen, für ihres zu kämpfen“, sagte Maricarmen in einer vom Mieterverband verbreiteten Botschaft. Im Interview mit dem Fernsehsender RTVE sagte sie zudem: „Bitte, kämpft weiter“. Die Rentnerin ist in ihrer Mobilität eingeschränkt und hat einen Behinderungsgrad von 50 Prozent.

Nach der Demonstration errichteten Teilnehmer auf der Puerta del Sol ein Protestcamp mit Dutzenden Zelten. Hunderte wollten dort die Nacht verbringen.

Forderungen an Regierung und Regionen

Die Demonstranten machen sowohl die linke Zentralregierung von Pedro Sánchez als auch konservative Regionalregierungen wie jene von Isabel Díaz Ayuso in Madrid für die Wohnungsnot verantwortlich. Sie fordern unter anderem die automatische Verlängerung von Mietverträgen, besseren Schutz vor Zwangsräumungen, eingefrorene Mieten und eine stärkere Regulierung von Zeitmietverträgen und der Zimmervermietung.

Die ranghohe Podemos-Politikerin und Europaabgeordnete Irene Montero forderte die Enteignung von 650.000 Wohnungen sogenannter „Geierfonds“, damit diese als sozialer Wohnraum genutzt werden könnten. An dem Marsch von der Puerta del Sol zum Kongressgebäude beteiligten sich Menschen verschiedener Generationen. Größere Kundgebungen gab es gleichzeitig in elf weiteren Städten Spaniens.

Neues Wohnungsdekret geplant

Unter dem Eindruck der Proteste arbeitet die Regierung daran, am Dienstag im Ministerrat ein neues Gesetzesdekret zur Wohnungspolitik zu verabschieden. Vorgesehen sind unter anderem Maßnahmen gegen Zwangsräumungen.

Das Real Decreto-ley hätte unmittelbar Gesetzeskraft, müsste aber binnen 30 Tagen vom Parlament bestätigt werden. Die Regierung verhandelt noch mit mehreren Parteien über die dafür notwendige Mehrheit.

Wohnungsnot als politischer Brennpunkt

Der Fall Maricarmen bündelt mehrere Konflikte des spanischen Wohnungsmarkts: stark gestiegene Mieten, knappes Angebot und die wachsende Bedeutung von Immobilieninvestoren und kurzfristiger Vermietung. Besonders in Madrid und Barcelona treffen hohe Wohnkosten auf Haushalte, deren Einkommen oder Renten mit der Preisentwicklung nicht Schritt halten.

Rechtlich steht dabei der Schutz langjähriger Mieter dem Eigentumsrecht und gerichtlichen Räumungsentscheidungen gegenüber. Der Fall zeigt, dass soziale Härten auch dann entstehen können, wenn eine Räumung formal auf einem abgeschlossenen Verfahren beruht. Die Forderungen der Demonstranten zielen deshalb nicht nur auf Einzelfallhilfe, sondern auf dauerhaft längere Mietverträge, strengere Regeln für Zeitmieten und bessere Absicherung vor dem Verlust der Wohnung.

Druck auf Regierung und Parlament

Für die Regierung von Pedro Sánchez kommt der Protest zu einem politisch ungünstigen Zeitpunkt. Ein neues Dekret könnte kurzfristig Schutzmaßnahmen gegen Zwangsräumungen schaffen, wäre aber auf eine parlamentarische Mehrheit angewiesen. Die Debatte berührt zugleich das Verhältnis zwischen Zentralregierung, Kommunen und autonomen Regionen, die unterschiedliche Zuständigkeiten in der Wohnungspolitik haben.

Für Mieterinnen und Mieter ist entscheidend, ob aus dem Symbolfall konkrete Regeln und mehr bezahlbarer Wohnraum entstehen. Enteignungen oder die Nutzung von Wohnungen großer Immobilienfonds könnten das Angebot sozialer Wohnungen vergrößern, wären jedoch rechtlich, finanziell und politisch umstritten. Der Protest macht damit sichtbar, dass die Wohnungsfrage in Spanien inzwischen mehrere Generationen betrifft.

Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen

DER SPIEGEL: „Vom Zuhause ins Krankenhaus: 87-jährige Spanierin muss ihre Wohnung nach 70 Jahren zwangsräumen“ (25.09.2026)

Der Bericht bestätige die Zwangsräumung nach sieben Jahrzehnten und rücke die Forderung des größten Mieterschutzbundes nach einem „Maricarmen-Dekret“ in den Mittelpunkt. Anders als die Agenturmeldung betone der Artikel die stark erhöhte Miete, den Druck auf die Regierung und den Zusammenhang mit Immobilienfonds sowie Kurzzeitvermietungen.

Berliner Zeitung: „87-Jährige auf Trage aus Wohnung gebracht: Zwangsräumung löst Massenproteste in Spanien aus“ (25.09.2026)

Der Artikel bestätige die landesweite Protestwelle und stelle zusätzlich die angekündigte Untersuchung des Polizeieinsatzes heraus. Er lege einen Schwerpunkt auf die juristische Vorgeschichte, die unterschiedlichen Mietforderungen und den Streit zwischen der Zentralregierung und der Madrider Regionalregierung; offen bleibe, ob daraus konkrete politische Änderungen folgten.

Beide Berichte stellten den Fall als Auslöser einer breiteren Debatte über Mieterschutz und bezahlbaren Wohnraum dar. Während der eine Beitrag stärker die politische Reaktion und Wohnungsmarktstrukturen hervorhebe, konzentriere sich der andere auf Rechtsstreit, Polizeieinsatz und die Zuständigkeiten im Konflikt.

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