Schweden, Nord-Stream-Verfahren

Schweden beendet Nord-Stream-Verfahren

07.02.2024 - 12:31:38

Nach grĂŒndlichen Untersuchungen stellt der zustĂ€ndige schwedische Staatsanwalt seine Ermittlungen zur Sabotage an den Gasleitungen ein. Nun richten sich alle Blicke auf seine deutschen Kollegen.

Die schwedische Staatsanwaltschaft stellt ihr Ermittlungsverfahren zur Sabotage an den Nord-Stream-Pipelines in der Ostsee ein. Man sei zu dem Schluss gekommen, dass die schwedische Gerichtsbarkeit in der Angelegenheit keine Anwendung finde und es daher keinen Anlass mehr gebe, die Ermittlungen fortzufĂŒhren, gab der mit den Untersuchungen betraute Staatsanwalt Mats Ljungqvist bekannt.

Nach Angaben des schwedischen Nachrichtendienstes SÀpo konnten die Ermittlungen zeigen, dass sich die Sabotage nicht gegen Schweden richtete und daher auch keine GefÀhrdung der schwedischen Sicherheit darstellte.

Die gesammelten Erkenntnisse der Schweden könnten nun den deutschen Ermittlungen zugutekommen. «GrundsÀtzlich sind wir weiter sehr interessiert an der AufklÀrung dieses Verbrechens», sagte Regierungssprecher Steffen Hebestreit auf Nachfrage von Journalisten in Berlin.

Kritik aus Moskau

Russland kritisiet die Einstellung der Ermittlungen. «Die Entscheidung ist bezeichnend, und es ist bezeichnend, wie sie (die Ermittlungen) beendet wurden», sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow russischen Agenturen zufolge. Russland sei bis heute kein Zugang zu den Ermittlungsergebnissen gewĂ€hrt worden. Und nun werde der Fall einfach zu den Akten gelegt, kritisierte er. Über die Leitungen wurde bis kurz nach Beginn von Moskaus Angriffskrieg gegen die Ukraine russisches Gas durch die Ostsee nach Deutschland gepumpt.

Laut Peskow muss nun die deutsche Regierung beweisen, wie wichtig ihr die AufklÀrung des Falls sei. «Es leiden die Steuerzahler Deutschlands und deutsche Firmen - die Unternehmen verlieren ihre WettbewerbsfÀhigkeit ohne dieses Gas», sagte er.

Am 26. September 2022 waren mehrere Explosionen in der NĂ€he der dĂ€nischen Ostsee-Insel Bornholm registriert und wenig spĂ€ter vier Lecks an drei der insgesamt vier Leitungen von Nord Stream 1 und 2 entdeckt worden. Alle Lecks traten in internationalen GewĂ€ssern auf, jeweils zwei in den Ausschließlichen Wirtschaftszonen von Schweden und DĂ€nemark. In den beiden skandinavischen LĂ€ndern wurden daraufhin ebenso Ermittlungen aufgenommen wie in Deutschland.

«Untersuchung ist systematisch und grĂŒndlich gewesen»

Ljungqvist war knapp zwei Monate spĂ€ter zu dem Schluss gekommen, dass die Lecks auf schwere Sabotage zurĂŒckzufĂŒhren seien. «Nun durchgefĂŒhrte Analysen zeigen Reste von Sprengstoff an mehreren der angetroffenen Fremdkörper», hatte er im November 2022 verkĂŒndet. Bereits kurz nach Entdeckung der Lecks war vermutet worden, dass Sabotage dahintersteckt. Wer dafĂŒr verantwortlich ist, ist bis heute unklar.

«Die Untersuchung ist systematisch und grĂŒndlich gewesen», bilanzierte Ljungqvist nun. Unter anderem seien zahlreiche Schiffsbewegungen analysiert worden. Auch direkt vor Ort auf der Ostsee habe man umfassend ermittelt. Die Behörden hĂ€tten mittlerweile ein gutes Bild von den VorfĂ€llen erlangt. Dabei sei nichts gefunden worden, das darauf hindeute, dass Schweden oder schwedische StaatsbĂŒrger an dem Angriff beteiligt gewesen seien, der in internationalen GewĂ€ssern geschehen sei. «Vor dem Hintergrund der Situation, die wir jetzt haben, können wir feststellen, dass die schwedische Gerichtsbarkeit keine Anwendung findet», erklĂ€rte Ljungqvist.

Dass der ungeklĂ€rte Nord-Stream-Fall somit gĂ€nzlich zu den Akten gelegt wird, bedeutet die schwedische Entscheidung nicht: «Die deutsche Ermittlung geht weiter», machte Ljungqvist klar. Man habe bei der Untersuchung eine gute Zusammenarbeit mit verschiedenen LĂ€ndern gehabt, vor allem mit DĂ€nemark und Deutschland, und dabei auch regelmĂ€ĂŸig Informationen und Lageberichte teilen können. «Im Rahmen dieser rechtlichen Zusammenarbeit konnten wir Material ĂŒbergeben, das bei den deutschen Ermittlungen als Beweismittel verwendet werden kann», erklĂ€rte der Schwede.

«Weitergehende AuskĂŒnfte werden derzeit nicht erteilt»

Auch die Bundesanwaltschaft teilte mit, dass die Ermittlungen von deutscher Seite aus andauern. «Weitergehende AuskĂŒnfte werden derzeit nicht erteilt», erklĂ€rte eine Sprecherin in Karlsruhe.

Dass eine Entscheidung von schwedischer Seite anstand, hatte Ljungqvist bereits Anfang der Woche in der Zeitung «Expressen» angekĂŒndigt. «SĂŒddeutsche Zeitung», NDR, WDR und «Zeit» hatten daraufhin bereits am Dienstag berichtet, dass das Verfahren offenbar eingestellt werde.

Die TĂ€terfrage bleibt somit auch mehr als 16 Monate nach den Explosionen an den Gas-Pipelines weiter ungeklĂ€rt. In einem gemeinsamen Brief an den Weltsicherheitsrat hatten die UN-Botschaften Deutschlands, DĂ€nemarks und Schwedens im Juli 2023 geschrieben, dass die Ermittler Sprengstoffspuren auf einer verdĂ€chtigen Segeljacht entdeckt hĂ€tten. Es bestehe der Verdacht, dass diese zum Transport des bei der Sabotage eingesetzten Sprengstoffs genutzt worden sei, hieß es in dem Schreiben. Man habe herausgefunden, dass das Boot im Namen einer Person angemietet worden sei, die Dokumente verwendet habe, mit denen die IdentitĂ€t des echten Mieters verschleiert werden sollte.

Die Taucher und die SprengsÀtze

Nach ExperteneinschĂ€tzungen sei es möglich, dass ausgebildete Taucher SprengsĂ€tze an den Orten angebracht haben könnten, an denen die Gasleitungen beschĂ€digt worden seien, hieß es in dem Brief weiter. Gleichzeitig wurde darin aber auch betont, dass es zu dem Zeitpunkt nicht möglich sei, die IdentitĂ€t der TĂ€ter und ihre Motive zuverlĂ€ssig zu klĂ€ren.

Nord Stream 1 und 2 verlaufen jeweils als Unterwasser-Doppelstrang ĂŒber eine Strecke von rund 1200 Kilometern von Russland nach Deutschland. Nord Stream 1 lieferte seit 2011 einen großen Anteil des nach Europa importierten Gases. Allerdings hatte Moskau die Lieferungen im Zuge der Konfrontation mit dem Westen nach dem russischen Angriff auf die Ukraine schon vor der Zerstörung gedrosselt und dann ganz eingestellt. Die neuere Nord-Stream-2-Pipeline war bereits mit Gas gefĂŒllt, aber mangels Zertifizierung noch nicht in Betrieb.

@ dpa.de