Ein Leben im Krieg: Wagner-Chef Prigoschin mutmaĂlich tot
24.08.2023 - 09:08:25Als Chef der gefĂŒrchtetsten Privatarmee der Welt war sich der russische GeschĂ€ftsmann Jewgeni Prigoschin der Todesgefahr stets bewusst. Ob bei seinen EinsĂ€tzen bis zuletzt in Afrika, davor im Krieg in der Ukraine oder auch vor exakt zwei Monaten, als er am 23. Juni den Aufstand gegen Moskaus MilitĂ€rfĂŒhrung anzettelte und damit scheiterte - dem 62-JĂ€hrigen war klar, dass sein Leben schnell zu Ende sein kann. Zwar beteuerte er nach der gescheiterten Revolte, dass er keinen Machtwechsel geplant habe. Aber Kremlchef Wladimir Putin ist bekannt dafĂŒr, Verrat, noch dazu von Freunden, eiskalt zu bestrafen.
Nach Angaben des Wagner nahestehenden Telegram-Kanals Grey Zone starb Prigoschin am Mittwoch bei einem Flugzeugabsturz in Russland. Auch der kremlnahe Fernsehsender Zargrad TV berichtete unter Berufung auf eigene Quellen, die Leiche Prigoschins sei vorlĂ€ufig identifiziert, es stĂŒnden aber DNA-Analysen aus. Nach Angaben der Luftfahrtbehörde Rosawiazija stand Prigoschin auf der Passagierliste. Rosawiazija teilte auch mit, dass es sich um Angaben der Fluglinie handelte. Viele Kommentatoren sahen das als BestĂ€tigung fĂŒr den Tod Prigoschins. Eine direkte BestĂ€tigung von Rosawiazija oder sonst einer offiziellen Stelle in Russland, dass Prigoschin tot ist, gab es allerdings weiter nicht.
Kurz zuvor per Video aus Afrika gemeldet
Zehn Menschen sollen am Mittwoch beim Absturz einer Passagiermaschine Prigoschins im Gebiet Twer getötet worden sein - so viele, wie die russischen Piloten, die durch seine Wagner-KÀmpfer bei dem Aufstand getötet worden waren, wie Beobachter rasch kommentierten. Was genau passiert ist an Bord der Maschine, war zunÀchst unklar.
Aber die Behörden bestĂ€tigten sehr schnell, Prigoschin, der sich kurz zuvor erstmals per Video aus Afrika gemeldet hatte, habe auf der Passagierliste der Maschine gestanden. Berichten zufolge war er gerade aus Afrika zurĂŒckgekehrt. Der Wagner-Chef wollte auf dem afrikanischen Kontinent bei Konflikten in den einzelnen Staaten weiter Russlands und seine eigenen Interessen vertreten. Ein Teil seiner Truppe, die in Russland in Ungnade gefallen ist, wurde nach Belarus verlagert.
Zu hören war von Prigoschin seit der Revolte nur noch wenig. In Russland gab es die letzten viel beachteten Fotos, als er am Rande von Putins Afrika-Gipfel im Juli in St. Petersburg GesprĂ€che fĂŒhrte.
Ăber Monate hinweg hatte er sich vor dem Aufstand wegen des chaotischen Kriegsverlaufs in der Ukraine mit der MilitĂ€rfĂŒhrung in Moskau angelegt. Immer wieder warf er dem Verteidigungsministerium und dem Generalstab der Armee vor, PrĂ€sident Putin zu belĂŒgen. Mit dem bewaffneten Aufstand seiner mit Panzern und anderen schweren Waffen voll ausgestatten Armee forderte er aber letztlich auch Putin heraus.
Kritik als Ventil in Zeiten des Kriegs
Zwar bestĂ€tigte der Kreml, dass sich Prigoschin und Putin nach dem Beinahe-Putsch noch einmal im Kreml trafen. Aber Beobachter erinnerten daran, dass Putin öffentliche BloĂstellung wie durch Prigoschin niemals vergibt. Wie der Kremlchef kommt Prigoschin aus St. Petersburg. Ăber das Privatleben des Familienvaters ist wenig bekannt. Aber immer wieder inszenierte er sich selbst als BeschĂŒtzer mit sozialer Ader. So unterhielt er Rehazentren fĂŒr Kriegsversehrte.
Seine PopularitĂ€tswerte schnellten zu Zeiten der Wagner-KĂ€mpfe in der Ukraine in die Höhe - auch, weil er mit seinem Kanal beim Nachrichtendienst Telegram Hunderttausende erreichte. Viele hielten die Aussagen, die an die russische Opposition erinnerten, fĂŒr ehrlich - ein Ventil in Zeiten des Kriegs. Das schĂŒrte auch Spekulationen um politische Ambitionen des Wagner-Chefs. Er wies solche Absichten stets zurĂŒck.
Prigoschin genoss vielmehr den Ruf, mit seinem Firmenimperium Concord und anderen geschĂ€ftlichen AktivitĂ€ten auf maximalen Gewinn aus zu sein. Dass er dabei extrem machtbewusst vorging, war auch dem Kreml klar. Seinen Einfluss nutzte er besonders, um Verteidigungsminister Sergej Schoigu und Generalstabschef Waleri Gerassimow unter Druck zu setzen, den Einsatz im Krieg zu erhöhen. Er warf ihnen vor, die Truppen nicht ordentlich zu fĂŒhren.
Als nun die Nachricht vom Absturz des Flugzeugs kam, meinten Kommentatoren in Moskau, es könne sich um Rache der beiden MilitÀrs gehandelt haben. Auch mehrere GenerÀle, die auf Linie waren mit Prigoschin, wurden zuletzt abgesetzt oder sind von der BildflÀche verschwunden - ohne ErklÀrung.
Unternehmer mit krimineller Vergangenheit
Niemand sonst in Russland traute sich solche Kritik wie Prigoschin, fĂŒr die einfache BĂŒrger zu hohen Haftstrafen verurteilt werden. Es gehe ihm darum, dass die Armee mit WĂŒrde und Stolz ihre Aufgaben erfĂŒllen könne - und nicht in einem System von «Speichelleckerei, Kriecherei und Verantwortungslosigkeit», sagte er einmal. Der Söldnerchef kritisierte zudem, dass die Staatsmedien die Erfolge Wagners schmĂ€lerten oder sogar verschwiegen. Das Wort Wagner werde in den Medien «sorgfĂ€ltig ausradiert» - wie Genitalien in einem Film ĂŒbers Saunieren, sagte er.
Bekannt war Prigoschin aber auch als skrupelloser Unternehmer mit krimineller Vergangenheit. Er und Putin kannten sich lange. Als der heutige PrĂ€sident noch in der St. Petersburger Stadtverwaltung arbeitete, soll er in Prigoschins Restaurant eingekehrt sein. Deshalb ist der Russe, der mehrer Jahre wegen Raubs in Haft saĂ, auch als «Putins Koch» bekannt.
Der Mann mit dem kahlgeschorenen Kopf soll sich mit seiner auf Desinformation spezialisierten Internet-Trollfabrik 2020 auch in die US-PrĂ€sidentenwahl eingemischt haben. Deshalb haben ihn die Vereinigten Staaten zur internationalen Fahndung ausgeschrieben. Die Wagner-Truppen gelten im Westen als «Terrororganisation», verantwortlich fĂŒr Kriegsverbrechen in vielen LĂ€ndern.
Im September, nach einem halben Jahr Krieg in der Ukraine, rĂ€umte Prigoschin erstmals ein, die Söldnertruppe schon 2014 fĂŒr den Einsatz auf russischer Seite im ukrainischen Donbass gebildet zu haben. Zuvor hatte Prigoschin seine Verbindung zu den Söldnern nie eindeutig bekannt. Auch Moskau bestritt die Existenz jahrelang vehement.
Wagner bietet skrupelloses Personal
Als zweiter GrĂŒnder ist der ehemalige Geheimdienstler Dmitri Utkin bekannt, der offizielle Wagner-Kommandeur. Er soll ebenfalls bei dem Absturz ums Leben gekommen sein. Ihm wurde eine Vorliebe fĂŒr den deutschen Komponisten Richard Wagner nachgesagt - daher der Name der Truppe. Im Ukraine-Krieg spielte sie lange Zeit eine zentrale Rolle: Als Prigoschins gröĂter militĂ€rischer Erfolg galt die blutige Eroberung der ostukrainischen Stadt Bachmut. Seine MĂ€nner sollen aber auch an dem Massaker in Butscha nahe Kiew beteiligt gewesen sein.
Wagner-KÀmpfer waren in Syrien, anderen arabischen LÀndern sowie in Afrika und Lateinamerika im Einsatz, und sind es auch heute noch. Dort liegt eine von vielen Geldquellen: Wagner bietet skrupelloses Personal und Dienstleistungen. Im Gegenzug gibt es Geld und Rohstoffe wie Gold und Diamanten. In Russland verdient Prigoschin Geld mit der Essensversorgung beim MilitÀr, aber auch in Schulen und KindergÀrten.
Die Wagner-Gruppe rekrutiert ihre Mitglieder unter Freiwilligen - im Ukraine-Krieg nicht zuletzt unter HĂ€ftlingen. Prigoschin lockte Schwerverbrecher mit dem Versprechen, nach halbjĂ€hrigem Kriegsdienst die Begnadigungsurkunde zu erhalten. 32.000 Ex-Gefangene seien so in Freiheit gekommen. Etwa 10.000 frĂŒhere HĂ€ftlinge wurden nach Prigoschins Angaben allerdings allein im Kampf um Bachmut getötet. Bei Fluchtversuchen aus den Reihen der Armee soll die Hinrichtung drohen. FĂŒr Entsetzen sorgte etwa ein Video, das zeigen soll, wie ein abtrĂŒnniger Wagner-Mann mit einem Vorschlaghammer getötet wird.
Kommentatoren meinen stets, dass der Wagner-Chef seine Kritik mit dem Leben bezahlen werde. Wie andere Kritiker Putins zuvor.





