Der schwierige Abschied fĂŒr Joe Biden
20.08.2024 - 08:51:05Joe Biden umarmt seine Tochter Ashley nach deren Rede fest und verweilt mehrere Sekunden in ihren Armen. Dann wischt sich der US-PrĂ€sident mit einem Taschentuch ĂŒber die Augen und geht ans Rednerpult. Dort fasst sich der 81-JĂ€hrige ans Herz, wĂ€hrend ihn Tausende Delegierte im Saal bejubeln. «Danke, Joe», brĂŒllen diese beim Parteitag der Demokraten in Chicago in Sprechchören. Und spĂ€ter: «Wir lieben Joe.»Â
Dabei war es genau diese Partei, die ihren Frontmann wegen dessen Alter und mentaler Fitness zum RĂŒckzug aus dem Wahlkampf drĂ€ngte. Einige prominente Demokraten, die an vorderster Front fĂŒr Bidens Ausstieg kĂ€mpften, sitzen nun klatschend im Saal und feiern Biden als einen, der in einem Akt menschlicher GröĂe, im Interesse der Partei, aus freien StĂŒcken Platz gemacht habe fĂŒr die nĂ€chste Generation. Das verzerrt, was sich tatsĂ€chlich abgespielt hat. Denn Biden weigerte sich lange, sich dem Druck seiner Partei zu beugen. Das Gerangel um seinen Abgang wurde zu einem unwĂŒrdigen Schauspiel.Â
All das versucht die Partei bei ihrem Treffen in Chicago, das der neuen PrĂ€sidentschaftskandidatin Kamala Harris gewidmet ist, zu ĂŒbertĂŒnchen. Doch Biden ist auch in den kommenden Monaten in einer eigenartigen und undankbaren Rolle. Das gilt fĂŒr den Wahlkampf - und fĂŒr seinen Job im WeiĂen Haus.
Die (Nicht-)Rolle im Wahlkampf
Direkt nach seinem groĂen Auftritt beim Parteitag verabschiedet sich Biden in eine lĂ€ngere Pause und fliegt von Chicago aus nach Kalifornien. Dort verbringt er den Rest der Woche ohne öffentliche Termine. Dass Biden parallel zum restlichen Parteitag komplett abtaucht, spricht BĂ€nde. Der Demokrat ist seit seinem Ausstieg aus dem Rennen im Juli erst ein Mal mit Harris bei einer Wahlkampfkundgebung aufgetreten. Ăberhaupt machte er sich öffentlich rar.
Es drĂ€ngt sich der Eindruck auf, dass - nach seinen vielen peinlichen Auftritten der vergangenen Monate, die zu seinem RĂŒckzug fĂŒhrten - es vorerst die Strategie der Demokraten ist, die Zahl seiner Auftritte möglichst gering zu halten. Und damit auch das Risiko weiterer Patzer, die Harris im Wahlkampf schaden könnten. In Chicago scherzt Biden zwar, er werde der beste freiwillige Wahlkampfhelfer sein, den Harris und ihr Vize Tim Walz je gesehen hĂ€tten. Doch eine prĂ€gende Rolle Bidens in ihrem Wahlkampf ist derzeit nicht absehbar.
FĂŒr Harris ist die Bilanz der gemeinsamen Regierungszeit an manchen Stellen problematisch - etwa beim Thema Migration. AuĂerdem muss sie sich nach den Jahren in Bidens Schatten in ihrer neuen Rolle als Nummer eins einfinden. Daher dĂŒrfte sie eher versuchen, im Wahlkampf etwas Abstand von ihrem Chef zu halten. Nach den parteiintern konfrontativen Wochen bis zu Bidens Ausstieg sind die Demokraten auch bemĂŒht, neue Geschlossenheit zu demonstrieren. Genau darum geht es auch bei Bidens Auftritt in Chicago, wo er Harris anpreist: als tough, erfahren, als eine Frau mit Charakter und IntegritĂ€t.
Die Rolle als PrĂ€sidentÂ
Biden ist noch bis Januar PrĂ€sident. Doch er ist nun das, was Amerikaner als «lame duck» bezeichnen - also als jemanden, der am Ende seiner Amtszeit steht und daher dramatisch an Macht und Einfluss verloren hat. «Ich habe noch fĂŒnf Monate in meiner PrĂ€sidentschaft», sagt Biden in Chicago. «Ich habe eine Menge zu tun.» Und er habe die Absicht, all das auch noch zu erledigen.Â
Allerdings ist das nicht ganz einfach. Das Rampenlicht gehört jetzt allein Harris und dem Wahlkampf. Die Demokraten im Kongress sind vor allem damit beschĂ€ftigt, ihre eigenen Sitze im Parlament bei der Wahl zu verteidigen. Und auch internationale Partner ĂŒberlegen sich eher, wie sie mit einer kĂŒnftigen US-Regierung zusammenarbeiten können, anstatt noch groĂe Initiativen mit dem scheidenden Amtsinhaber anzustoĂen.
Das gilt nicht nur mit Blick auf Harris, sondern auch mit Blick auf den republikanischen PrÀsidentschaftskandidaten Donald Trump, bei dem bereits mehrere internationale Regierungschefs vorstellig geworden sind.
Biden dĂŒrfte dennoch versuchen, in den verbleibenden Monaten an seinem politischen VermĂ€chtnis zu arbeiten. Er schaffte erst im dritten Anlauf den Einzug ins WeiĂe Haus - als Ă€ltester US-PrĂ€sident aller Zeiten. Vielleicht macht die Tatsache, dass es fĂŒr ihn so schwierig war, dorthin zu kommen, das Loslassen schwerer.





