Sanktionen gegen Strafgerichtshof â heikle Mission fĂŒr Hubig
06.02.2026 - 12:19:41Die beiden wichtigsten internationalen Gerichte in Den Haag â der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) und der Internationale Gerichtshof (IGH) â stehen aktuell unter starkem politischem Druck. Das sieht auch die Bundesregierung als Problem an, was Justizministerin Stefanie Hubig (SPD) bei einem Besuch der beiden Institutionen verdeutlicht. Deutschland, das sich selbst gerne als kompromisslose Verfechterin des Völkerrechts prĂ€sentiert, hatte zuletzt auch kritische Fragen zu seiner eigenen Standfestigkeit in geopolitisch stĂŒrmischen Zeiten beantworten mĂŒssen.Â
Vielleicht deshalb betont Hubig in Den Haag mehrfach, Deutschland stehe auch in schwierigen Zeiten zum Völkerrecht und den sich daraus ergebenden Verpflichtungen. «Wir sehen natĂŒrlich, dass das Völkerrecht unter Druck steht», sagt die SPD-Politikerin.
Sanktionen gegen Richter und AnklÀger
Zweifel an dieser Haltung hatten ĂuĂerungen von CDU-Chef Friedrich Merz zum Haftbefehl des IStGH gegen den israelischen MinisterprĂ€sidenten, Benjamin Netanjahu, ausgelöst. Auch hat Berlin nach Ansicht mancher Beobachter nicht stark genug gegen Sanktionen protestiert, die von der US-Regierung gegen acht Richter und drei Mitarbeiter der Anklagebehörde des IStGH verhĂ€ngt wurden.Â
Der Internationale Strafgerichtshof verfolgt Einzelpersonen fĂŒr Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen, wenn der Staat des Tatorts oder des TĂ€ters nicht willens oder fĂ€hig ist, zu ermitteln.
Haftbefehl gegen NetanjahuÂ
Gegen Netanjahu und den frĂŒheren israelischen Verteidigungsminister Joav Galant waren vom ChefanklĂ€ger des IStGH 2024 wegen mutmaĂlicher Verbrechen im Gaza-Krieg Haftbefehle erlassen worden. Auch gegen den spĂ€ter getöteten Hamas-MilitĂ€rchef Mohammed Deif der an der Planung des terroristischen Ăberfalls in Israel am 7. Oktober 2023 beteiligt gewesen sein soll, hatte die Anklagebehörde einen Haftbefehl ausgestellt.Â
Merz hatte vor seiner Wahl zum Kanzler gesagt, er wolle Mittel und Wege finden, um Netanjahu im Falle eines geplanten Deutschlandbesuchs eine Ein- und Ausreise ohne Festnahme zu ermöglichen. Trump verhĂ€ngte im Februar 2025 Sanktionen gegen ChefanklĂ€ger Karim Khan, dem er «illegale Aktionen gegen Amerika und unseren VerbĂŒndeten Israel» vorwarf.
Keine Kreditkarte und kein Zugang zum E-Mail-Account mehrÂ
Die Sanktionen, die spĂ€ter weitere IStGH-Mitarbeiter und ihre Familien umfassten, behinderten das Gericht vorĂŒbergehend, unter anderem weil E-Mail- und BankzugĂ€nge blockiert wurden. Der Strafgerichtshof entschied sich, auf alternative IT-Lösungen wie Open Desk zu setzen.Â
Die Verwaltungssoftware, deren Entwicklung von der Bundesregierung als Schritt hin zu mehr UnabhĂ€ngigkeit von auĂereuropĂ€ischen Dienstleistern finanziert wurde, ermöglicht die Nutzung von Cloud-Speicher, E-Mail-Funktionen, Chats, Videokonferenzen und anderen Elementen, unabhĂ€ngig von Produkten und Dienstleistungen von US-Unternehmen.Â
IStGH-PrĂ€sidentin Tomoko Akane, habe ihr versichert, dass der Gerichtshof sich in vielerlei Hinsicht auf die neue Situation eingestellt habe und inzwischen «eine gewisse NormalitĂ€t» eingekehrt sei, sagt Hubig. Auf die ĂuĂerung von Merz zum Haftbefehl gegen Netanjahu angesprochen, entgegnet sie, Deutschland sei völkerrechtliche Verpflichtungen eingegangen, die erfĂŒllt werden mĂŒssten.Â
Gegenwind gibt es auch von anderer Seite. Ein Moskauer Gericht hat im Dezember neun Vertreter des Internationalen Strafgerichtshofs in Abwesenheit zu langen Haftstrafen verurteilt. Der Vorwurf der Behörde: ChefanklĂ€ger Khan habe illegale Strafverfahren gegen russische StaatsbĂŒrger eingeleitet und das PrĂ€sidium des Weltstrafgerichts rechtswidrige Haftbefehle erlassen.
EntschĂ€digung fĂŒr Kriegsfolgen in der Ukraine
Hubig besucht auch das Ukraine Schadensregister. Es wurde geschaffen, damit Ukrainer eines Tages EntschĂ€digungszahlungen fĂŒr zerstörte WohngebĂ€ude, den Verlust von nahen Angehörigen, Zwangsarbeit und andere SchĂ€den erhalten können. Woher das Geld dafĂŒr kommen soll â eine Ăberlegung ist die Nutzung des russischen Auslandsvermögens â ist noch offen.Â
AntrĂ€ge können digital ĂŒber eine ukrainische Regierungs-App gestellt werden. Sie sollen unabhĂ€ngig von Reparationszahlungen behandelt werden, die eines Tages Teil einer Vereinbarung zur Beendigung des von Russland begonnenen Angriffskriegs gegen die Ukraine sein könnten. Bisher wurden nach Angaben des Direktors, Markiyan Kliuchkovskyi, rund 110.000 AntrĂ€ge gestellt. Mehr als 30.000 der Antragssteller kĂ€men demnach bisher fĂŒr eine EntschĂ€digung infrage.
VorwĂŒrfe gegen Deutschland
Letzter Stopp fĂŒr Hubig ist der Internationale Gerichtshof. Der entscheidet in StreitfĂ€llen zwischen Staaten, wobei der Staat, der das Verfahren einreicht, nicht betroffen sein muss. Auch gibt er Rechtsgutachten zu völkerrechtlichen Fragen ab. Mittel zur Durchsetzung seiner Entscheidungen hat er nicht. Der IGH habe «mehr Bedeutung, als er jemals zuvor hatte», sagt die Ministerin. Gleichzeitig gebe es «immer wieder Staaten, die nicht mehr dieser Gerichtsbarkeit unterfallen wollen».
Im Verfahren wegen mutmaĂlichen Völkermordes im Gazastreifen, das SĂŒdafrika im Dezember 2023 gegen Israel angestrengt hat, stellte sich Berlin an die Seite Israels. Israel weist die VorwĂŒrfe zurĂŒck. Im MĂ€rz 2024 wandte sich Nicaragua mit dem Vorwurf an das Gericht, Deutschland leiste durch Waffenlieferungen an Israel Beihilfe zu einem Völkermord an den PalĂ€stinensern im Gazastreifen.Â
Die Bundesregierung zweifelt die ZulÀssigkeit des Verfahrens an. Bis MÀrz soll Nicaragua darauf antworten. Da es einen laufenden Rechtsstreit gibt, der Deutschland betrifft, spricht Hubig im Einklang mit den Gepflogenheiten des Gerichtshofs beim IGH nur mit dem stellvertretenden Gerichtskanzler.







