Nato, Anti-Sabotage-Einsatz

Nato startet Anti-Sabotage-Einsatz in der Ostsee

14.01.2025 - 15:32:07

Nach vermuteten SabotagefÀllen wollen mehrere Nato-Staaten verstÀrkt Flagge in der Ostsee zeigen. Dabei geht es ihnen vor allem um die russische Schattenflotte. Auch Deutschland ist dabei.

  • Die Ostsee-Anrainer unter den Nato-Staaten wollen die kritische Infrastruktur in dem Meer besser schĂŒtzen. - Foto: Kay Nietfeld/dpa

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  • Der Öltanker «Eagle S» zĂ€hlt nach EU-EinschĂ€tzung zur russischen Schattenflotte. (Archivbild) - Foto: Vesa Moilanen/Lehtikuva/dpa

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Die Ostsee-Anrainer unter den Nato-Staaten wollen die kritische Infrastruktur in dem Meer besser schĂŒtzen. - Foto: Kay Nietfeld/dpaDer Öltanker «Eagle S» zĂ€hlt nach EU-EinschĂ€tzung zur russischen Schattenflotte. (Archivbild) - Foto: Vesa Moilanen/Lehtikuva/dpa

Deutschland steuert umfangreiche KapazitĂ€ten der Bundeswehr zu einem neuen Nato-Einsatz zur besseren Überwachung von Kabeln und Pipelines in der Ostsee bei. Das kĂŒndigte Bundeskanzler Olaf Scholz nach einem Ostsee-Gipfeltreffen in der finnischen Hauptstadt Helsinki an. «Wir werden uns mit all dem, was wir an Möglichkeiten der Marine haben, beteiligen. Das wird wechseln, was die konkreten Einsatzmöglichkeiten betrifft», sagte er. 

Nato-GeneralsekretĂ€r Mark Rutte hatte kurz zuvor auf einer Pressekonferenz bekanntgegeben, dass das westliche VerteidigungsbĂŒndnis die Operation «Baltic Sentry» (deutsch: Ostsee-Wachposten) startet. Bereits in den vergangenen beiden Jahren hĂ€tten Nato-VerbĂŒndete ihre Patrouillen in der NĂ€he kritischer Infrastruktur gesteigert. Der Einsatz werde nun mehr Schiffe, PatrouillenflĂŒge, U-Boote, Satelliten und auch Überwachungsdrohnen umfassen.

Wie Scholz wollte auch Rutte keine exakten Zahlen nennen. Sie könnten sich von Woche zu Woche unterscheiden, außerdem wolle man «den Feind» nicht klĂŒger machen, als er sei, begrĂŒndete er. «Was zĂ€hlt, ist, dass wir die richtigen militĂ€rischen Mittel zur richtigen Zeit am richtigen Ort einsetzen, um vor kĂŒnftigen destabilisierenden Taten abzuschrecken», sagte der NiederlĂ€nder.

Reaktion auf vermutete Sabotage

Mit «Baltic Sentry» reagieren die an die Ostsee grenzenden Nato-LĂ€nder auf eine Reihe von mutmaßlichen Sabotageakten, bei denen zuletzt mehrmals am Meeresgrund verlegte Datenkabel und Stromleitungen beschĂ€digt wurden. Die SchĂ€den sollen dabei jeweils vorsĂ€tzlich von Schiffsankern verursacht worden sein. Beim jĂŒngsten dieser VorfĂ€lle an Weihnachten steht der Öltanker «Eagle S» unter Verdacht, die Stromleitung Estlink 2 zwischen Finnland und Estland sowie vier Kommunikationskabel gekappt zu haben. 

Die finnische Kriminalpolizei hat das Schiff festgesetzt. Die Ermittler hegen den Verdacht, dass es seinen Anker auf einer LĂ€nge von rund 100 Kilometern ĂŒber den Meeresgrund gezogen hat, um so bewusst SchĂ€den anzurichten. Gegen mehrere Besatzungsmitglieder wurden Reiseverbote verhĂ€ngt. Die Ermittlungen laufen.

Die unter der Flagge der Cookinseln fahrende «Eagle S» gehört nach EinschĂ€tzung der EU zur sogenannten russischen Schattenflotte. Damit sind Tanker und andere Frachtschiffe mit undurchsichtigen EigentĂŒmerstrukturen gemeint, die Russland benutzt, um Sanktionen infolge seines Einmarsches in die Ukraine etwa beim Öltransport zu umgehen. 

Gegen 79 dieser Schiffe hat die EU mittlerweile Sanktionen erlassen. Der tatsĂ€chliche Umfang der Flotte dĂŒrfte jedoch weitaus grĂ¶ĂŸer sein - Litauens PrĂ€sident Gitanas Nauseda sprach auf dem Gipfel von 600 bis zu 1.000 Schiffen, die nach SchĂ€tzungen auf den Meeren umherfuhren.

Signal an beteiligte Reedereien - Schutz vor hybriden Angriffen

Der BĂŒndniseinsatz wird von einem speziellen Stab im Marinekommando der Bundeswehr in Rostock koordiniert und soll Saboteure abschrecken oder es zumindest ermöglichen, Sabotageaktionen schnell aufzuklĂ€ren. Er soll auch ein abschreckendes Signal an Reedereien senden, die fĂŒr Russland unter Verstoß gegen westliche Sanktionen Öl transportieren.

Neben Russland wird vor allem China, Nordkorea und dem Iran vorgeworfen, Staaten in Europa mit sogenannten hybriden Angriffen schwĂ€chen zu wollen. Unter diesem Oberbegriff werden Aktionen zusammengefasst, die staatliche oder nicht-staatliche Akteure nutzen, um andere LĂ€nder zu schĂ€digen, ohne dabei einen offenen Krieg zu fĂŒhren. In der Regel lassen sie sich nur schwer oder gar nicht einem bestimmten Urheber zuordnen.

Die kritische Infrastruktur in der Ostsee soll nun besser vor solchem Vorgehen geschĂŒtzt werden. Neben Deutschland stellen dabei unter anderem die neuen Nato-Mitglieder Finnland und Schweden Schiffe fĂŒr «Baltic Sentry» bereit. Zudem sollen eine Drohnenflotte und KĂŒnstliche-Intelligenz-Systeme zur Überwachung eingesetzt werden.

An dem Marinestab in Rostock sind zudem auch Soldaten aus LĂ€ndern wie DĂ€nemark, Lettland, Litauen, den Niederlanden, Norwegen und Polen beteiligt. In Friedenszeiten kann der Bundeswehrstab bis zu 180 Dienstposten umfassen, im Krisen- und Konfliktfall können es bis zu 240 Posten sein. Beteiligt an dem Einsatz ist zudem auch das neue Maritime Zentrum fĂŒr die Sicherheit kritischer Unterwasser-Infrastruktur, das an das Marinehauptquartier der Nato in Northwood bei London angedockt ist.

Gefahren fĂŒr Infrastruktur und fĂŒr die Umwelt

Die Gipfelteilnehmer in Helsinki ließen keinen Zweifel daran, wie ernst sie die russische Schattenflotte nehmen. «Russlands Gebrauch der sogenannten Schattenflotte stellt eine besondere Bedrohung fĂŒr die maritime und ökologische Sicherheit im Ostsee-Raum und global dar», machten die Nato-VerbĂŒndeten Deutschland, DĂ€nemark, Estland, Finnland, Lettland, Litauen, Polen und Schweden in einer gemeinsamen ErklĂ€rung fest. Diese Praxis trage auch in erheblichem Maße zur Finanzierung des illegalen russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine bei. 

Die ökologischen Gefahren durch den Einsatz veralteter und maroder Schiffe treiben auch die Umweltschutzorganisation Greenpeace um. Sie verweist in dem Zusammenhang auch auf den manövrierunfĂ€higen Tanker «Eventin», der mit fast 100.000 Tonnen Öl an Bord am Freitag in der Ostsee nördlich von RĂŒgen havarierte und nach Angaben der Organisation ebenfalls zur Schattenflotte zĂ€hlt. 

Auch Estlands Regierungschef Kristen Michal - neben dem finnischen StaatsprÀsidenten Alexander Stubb einer der beiden Gastgeber des Ostsee-Gipfels - warnte, die Schiffe der Schattenflotte stellten eine «tickende Umweltbombe» in den Meeren dar. «Wir sollten jede Möglichkeit nutzen, die uns das Gesetz erlaubt, um gegen sie vorzugehen», sagte er.

@ dpa.de