Frieden, Nahost

Nahost-Friedensprozess: Vertane Chance seit 30 Jahren?

13.09.2023 - 08:03:59

Am 13. September 1993 unterzeichneten Israel und die PLO in Washington eine AbsichtserklÀrung. Der erhoffte Durchbruch zu einer dauerhaften Friedensregelung lÀsst aber bis heute auf sich warten.

Es ist ein Bild, das wie kein anderes die großen Hoffnungen auf einen Frieden zwischen Israel und den PalĂ€stinensern symbolisiert. Zwei Erzfeinde, der israelische MinisterprĂ€sident Izchak Rabin und Jassir Arafat, Vorsitzender der PalĂ€stinensischen Befreiungsorganisation PLO, gaben sich am 13. September 1993 im Rosengarten des Weißen Hauses in Washington die Hand.

Die drei Jahrzehnte, die seit der Unterzeichnung der Osloer Friedensabkommen vergangen sind, waren jedoch alles andere als ein schöner Rosengarten. Arafat, Rabin und Schimon Peres erhielten fĂŒr ihre BemĂŒhungen zwar den Friedensnobelpreis. Der historische Konflikt beider Völker, der bereits mehrere Zehntausende Todesopfer gefordert hat, ist aber bis heute ungelöst.

EnttÀuschte Erwartungen auf beiden Seiten

Die Unterzeichnung folgte auf monatelange Geheimverhandlungen in der norwegischen Hauptstadt Oslo. Die gemeinsame PrinzipienerklĂ€rung fĂŒhrte dann zur Einrichtung der PalĂ€stinensischen Autonomiebehörde. Sie ist zustĂ€ndig fĂŒr die Versorgung der Bevölkerung in den von ihr verwalteten Gebieten. Diese Regelung war allerdings ursprĂŒnglich nur auf einen Zeitraum von fĂŒnf Jahren angelegt - langfristig erhofften sich die PalĂ€stinenser die Einrichtung eines eigenen Staates.

30 Jahre spĂ€ter sei die Stimmung der PalĂ€stinenser «von Frustration und EnttĂ€uschung gekennzeichnet», sagt Dimitri Diliani, PrĂ€sident der palĂ€stinensischen Koalition christlicher Organisationen. «Trotz des anfĂ€nglichen Optimismus haben wir das GefĂŒhl, dass sich unsere Bestrebungen nach Selbstbestimmung durch einen eigenen Staat trotz aller Opfer nicht erfĂŒllt haben», erklĂ€rt Diliani, der Mitglied einer Splittergruppe der Fatah-Organisation von PalĂ€stinenserprĂ€sident Mahmud Abbas ist. «Grundlegende Fragen wie der endgĂŒltige Status von Jerusalem, die palĂ€stinensischen FlĂŒchtlinge und der kĂŒnftige Grenzverlauf sind weiter ungelöst.»

Warum sind die FriedensbemĂŒhungen bisher gescheitert? «Beide Seiten haben vom ersten Tag an gegen das Abkommen verstoßen», meint ein Kommentator der israelischen Zeitung «Jediot Achronot» mit Blick auf den 30. Jahrestag. «Die PalĂ€stinenser mit Terror, die Israelis mit Siedlungen.» Gleichzeitig werfen sich beide Seiten gegenseitig vor, es mit einer Friedensregelung nicht wirklich ernst zu meinen.

Israelische Siedlungen als Hindernis fĂŒr eine Lösung

WĂ€hrend 1993 rund 110.000 israelische Siedler im Westjordanland lebten, ist die Zahl heute auf rund 500.000 gestiegen und hat sich damit fast verfĂŒnffacht. Die Siedler leben inmitten von drei Millionen PalĂ€stinensern.

Die Siedlungen werden von den Vereinten Nationen als großes Hindernis fĂŒr eine Friedensregelung beider Seiten eingestuft. Ein palĂ€stinensischer Staat könne nicht aussehen «wie ein Schweizer KĂ€se», hat Abbas immer wieder betont. Außerdem wird ĂŒber immer mehr FĂ€lle von Siedlergewalt gegen PalĂ€stinenser berichtet.

Immer wieder palÀstinensische AnschlÀge

Die Vereinbarungen von Oslo markierten nicht das Ende palÀstinensischer AnschlÀge auf Israelis. Islamistische Oppositionsgruppen versuchten vor allem seit Beginn des zweiten PalÀstinenseraufstands Intifada im Jahr 2000 immer wieder, den Friedensprozess mit blutiger Gewalt zu torpedieren.

Seit FrĂŒhjahr vergangenen Jahres fordert eine neue Terrorwelle erneut Opfer unter den Israelis. Bei israelischen MilitĂ€reinsĂ€tzen in palĂ€stinensischen Ortschaften wiederum werden fast tĂ€glich PalĂ€stinenser getötet - viele davon setzen auf den bewaffneten Kampf, aber auch Unbeteiligte kommen ums Leben.

Laut jĂŒngsten Umfragen sind weiterhin mehr als die HĂ€lfte der PalĂ€stinenser fĂŒr die RĂŒckkehr zu einem bewaffneten Aufstand. PalĂ€stinensische AttentĂ€ter werden von großen Teilen der palĂ€stinensischen Gesellschaft als Helden im Kampf gegen die israelischen UnterdrĂŒcker gefeiert.

Intern sind die PalĂ€stinenser allerdings zutiefst zerstritten: Die radikalislamische Hamas vertrieb die Fatah im Sommer 2007 aus dem Gazastreifen. Die Hamas lehnt Israels Existenzrecht ab und bekĂ€mpft den jĂŒdischen Staat. Die Spaltung habe «die palĂ€stinensische Verhandlungsposition geschwĂ€cht und macht es schwer, auf der internationalen BĂŒhne eine geschlossene Front zu prĂ€sentieren», sagt Diliani.

Korruption der PalÀstinenserbehörde und mangelnde Demokratie

Abbas regiert in den palĂ€stinensischen Gebieten im Westjordanland inzwischen als autokratischer Herrscher. Die letzte PrĂ€sidentenwahl fand 2005 statt, die letzte Parlamentswahl 2006. Nach Umfragen ist die große Mehrheit der PalĂ€stinenser sehr unzufrieden mit dem 87-jĂ€hrigen Abbas, rund 80 Prozent wollen seinen RĂŒcktritt.

Professor Kobi Michael vom israelischen Institut fĂŒr Nationale Sicherheitsstudien (INSS) wirft der internationalen Gemeinschaft vor, sie habe ĂŒber die Jahre eine «Kultur der Korruption» innerhalb der PalĂ€stinenserfĂŒhrung toleriert.

Mord an Rabin und stetige Bewegung nach rechts in Israel

Den damaligen Regierungschef Rabin kostete der Kampf um eine Friedensregelung mit den PalĂ€stinensern letztlich das eigene Leben. Ein jĂŒdischer Fanatiker erschoss ihn 1995 in Tel Aviv, um weitere Gebietsabtritte an die PalĂ€stinenser zu verhindern.

Ein Jahr spĂ€ter wurde Benjamin Netanjahu Regierungschef. Er hat die Geschicke des Landes seitdem mit nur kurzen Unterbrechungen geleitet. Die israelische Gesellschaft ist wĂ€hrenddessen kontinuierlich nach rechts gerĂŒckt. Heute ist die am weitesten rechts stehende Regierung der israelischen Geschichte an der Macht.

Michael denkt aber, dass rechtsextreme Minister wie Bezalel Smotrich und Itamar Ben-Gvir nicht die Mehrheitsmeinung widerspiegeln. Die Idee, man könnte drei Millionen PalĂ€stinenser im Westjordanland auf Dauer beherrschen, hĂ€lt er fĂŒr gefĂ€hrlich. «Das zionistische Projekt hat ohne eine Trennung von den PalĂ€stinensern keine Chance.»

Nur noch 28 Prozent der PalĂ€stinenser unterstĂŒtzen aber Umfragen zufolge die Zwei-Staaten-Lösung. Diliani sieht einen gemeinsamen «demokratischen, sĂ€kularen Staat» fĂŒr beide Völker als mögliche Alternative.

Vor allem die junge Generation der PalĂ€stinenser sei einer solchen Lösung eher zugeneigt, sagt auch Michael. Aus israelischer Sicht sei dies jedoch ausgeschlossen. Ein gemeinsamer Staat fĂŒr beide Völker wĂŒrde «das Ende des zionistischen Projekts» - also Israel als HeimstĂ€tte fĂŒr das jĂŒdische Volk - bedeuten. Angesichts dieser Gemengelage rechnet er nicht mit einer Lösung des Konflikts in dieser Generation - «vielleicht auch nicht in der nĂ€chsten».

@ dpa.de